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ManCity-Sieg gegen Liverpool:Guardiolas Taktik-Manöver mit Gündoğan

Zelebriert seine neue Freiheit: Ilkay Gündogan (l., mit Bernardo Silva) als Doppeltorschütze für ManCity.

(Foto: Jon Super/AP)

Im Premier-League-Spitzenspiel deckt Pep Guardiola mit Manchester City die Schwächen von Jürgen Klopps FC Liverpool gnadenlos auf - İlkay Gündoğan brilliert dabei in einer neuen Rolle.

Von Sven Haist, London

Wenn man bei den ersten beiden Treffern für Manchester City im Spitzenspiel gegen den FC Liverpool am Sonntag nur flüchtig hingesehen hat, musste man vermuten, dass der Torschütze jeweils Sergio Agüero hieß. Seit seinem Wechsel von Atlético Madrid nach England 2011 hat kein Spieler in der Premier League mehr Tore erzielt als der argentinische Angreifer. Mit 180 Treffern in 268 Ligaspielen ist er sogar der erfolgreichste ausländische Torjäger auf der Insel. Das Muster ist dabei oft dasselbe: Angriff über außen, Pass in die Mitte - Tor Agüero!

Auf genau diese Art gelangen City nun auch jene Treffer eins und zwei beim Kräftemessen mit Jürgen Klopps Liverpoolern - einziger Unterschied: Nicht Agüero war zur Stelle, sondern İlkay Gündoğan.

Sowohl Agüero als auch der deutsche Nationalspieler Gündoğan sind nicht besonders schnell, groß oder kräftig, aber sie besitzen diese seltene Begabung, vor allen anderen zu erahnen, wohin der Ball gleich kommen wird. Beide sehen sich in Statur und Bewegungsmustern im Strafraum fast zum Verwechseln ähnlich. Oft sind sie bloß durch Agüeros weit unten hängende Stutzen auseinanderzuhalten. Dieses Mal bestand keine Verwechslungsgefahr: Agüero stand nach seiner Corona-Erkrankung noch nicht wieder im Kader von City. Auf Twitter sendete er dafür einen Gruß an Gündoğan: ein Bild von dessen Torjubel. Und Mitspieler Phil Foden sprach aus, was derzeit viele über Gündoğan, 30, denken: dass er sich "in der Form seines Lebens" befinde.

Klopp schreibt die Meisterschaft mit seinem FC Liverpool schon ab

Mit seinen zwei Toren hat Gündoğan beim 4:1 über den FC Liverpool, Citys erstem Sieg in Anfield seit 2003, die Meisterschaft zwar nicht entschieden, aber voraussichtlich den Meister entscheidend abgehängt. Nach zehn Ligasiegen in Serie und 14 Pflichtspielerfolgen hintereinander - so viele wie sonst nur Preston im Jahr 1892 und Arsenal 1987 - hat sich City an der Tabellenspitze abgesetzt, fünf Punkte vor Stadtrivale United und satte zehn vor Liverpool. Und das sogar mit einem Spiel weniger.

Der Titelverteidiger erlitt nach zuvor 68 (!) ungeschlagenen Heimspielen die dritte Niederlage zu Hause nacheinander - zuletzt war dem stolzen Klub dieses Fiasko 1963 unterlaufen; der Trainer hieß damals Bill Shankly. Nach dem Spiel schrieb Klopp den ersten Platz unverzüglich ab, indem er die Qualifikation für die Champions League als "Hauptziel" ausrief. Bis zum Jahreswechsel war sein Team noch komfortabel vorne gelegen.

Die Gründe für Liverpools rasanten Absturz deckte Gündoğan, der zwischen 2011 und 2015 unter Klopp 117 Pflichtspiele für Borussia Dortmund bestritt, mit seinem Doppelpack auf.

Die Erfolge in den vorherigen Spielzeiten hatten vorwiegend auf Klopps Spielidee gegründet, den Ausnahmeangreifern Mohamed Salah, Sadio Mané und Roberto Firmino in der Defensive den Rücken freizuhalten. Nun, nach den Ausfällen der etatmäßigen Innenverteidiger, musste Klopp die Mittelfeldspieler Fabinho und Jordan Henderson als Ersatz nach hinten abziehen. Die Stabilität des Teams ging verloren, sie reicht jetzt nicht mehr aus, um die fehlende Fürsorgepflicht der Stürmer zu kompensieren: Salah kam bei Gündogans Führungstor (49.) seinem Außenverteidiger nicht zur Hilfe, beim vierten Treffer durch Foden (83.) verpatzte Mané den Einsatz.

Der Kontrast zum Fleiß des Gegners wurde noch schärfer, als City-Coach Pep Guardiola die übliche 4-3-3-Formation für die zweite Halbzeit auf ein 4-4-2 veränderte, um die Seiten besser abzudecken. Und Torwart Alisson Becker verstärkte Liverpools Verwundbarkeit mit zwei bösen Abspielfehlern, die City per Doppelschlag durch Gündoğan (73.) und Raheem Sterling (76.) ausnutzte. Vielleicht habe Alisson nach überstandener Krankheit "kalte Füße" bekommen, mutmaßte Klopp. Das möge sich "witzig" anhören, sagte er, aber er kenne die Umstände der Fehler nicht. Der zwischenzeitliche Ausgleich durch Salah brachte keinen Stimmungsumschwung (Elfmeter/63.).

Gündoğan brilliert in der neuen Rolle als stärkster City-Torschütze

Mit neun Saisontreffern in den vergangenen elf Ligaspielen ist nun Gündoğan der führende Torschütze seines Teams. Bei seinen Toren lief Gündoğan jeweils bis in den Fünfmeterraum durch, also dorthin, wo er früher eher selten zu finden war. Fast stand er schon im Tor. "Manchmal hat man ja so eine Saison, wo es einfach läuft und man durchstartet", sagte Gündoğan bei Sky.

Selbst sein zuvor fahrlässig übers Tor geschossener Elfmeter warf ihn nicht aus der Bahn. Auf Twitter schrieb er über den zu hoch angesetzten Versuch: "Wenn sie dir sagen, dass Super Bowl ist ... und ein Field Goal drei Punkte bedeutet." Weniger scherzhaft äußerte er sich im Interview, als er sagte, das sei "keine Geschichte", die man "einfach so" vergessen könne.

Gündoğans neue offensive Freiheit resultiert aus einem riskanten Taktikmanöver seines Trainers. Im Spielaufbau stellt Guardiola oft seinen Rechtsverteidiger João Cancelo ins zentrale Mittelfeld neben Rodri, um sich vor Kontern zu schützen. Dadurch entfällt für Gündoğan die Verantwortung, das Spiel hinten strukturieren zu müssen. Stattdessen soll er sich, auch und gerade wegen des Fehlens von Agüero, weiter vorne positionieren. Im Strafraum lassen sich seine feine Technik und Handlungsschnelligkeit effektiver einsetzen. Gündoğan könne vor dem Tor "einen Kaffee trinken und trotzdem noch einen guten Abschluss hinkriegen", lobte Guardiola. So treffsicher hatte man ihn bislang nur 2008 gesehen - als Jugendspieler des VfL Bochum.

Seiner Form ist anzusehen, dass er seit dreieinhalb Jahren weitgehend verletzungsfrei geblieben ist. Nur zu Saisonbeginn warfen ihn schwere Symptome des Coronavirus zurück. Nun hat er pünktlich vor dem Achtelfinal-Hinspiel in der Champions League gegen Borussia Mönchengladbach mit seiner Trefferquote auf sich aufmerksam gemacht - und nachhaltig für einen Stammplatz in der deutschen Nationalelf geworben. Agüero erzielte seinen bisher letzten Treffer in der Premier League übrigens vor mehr als einem Jahr.

© SZ/jki
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