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Super-Bowl-Sieger Tom Brady:Dieser Typ ist völlig normal

Es kann kein größeres Vorbild geben als Tom Brady: Er zeigt, dass einem die Natur nicht unfassbare Athletik oder grandioses Talent schenken muss, um der Beste zu sein in dem, was man im Leben tut.

Kommentar von Jürgen Schmieder

Tom Brady ist 1,93 Meter groß und 101 Kilogramm schwer, aber neben den Beschützern aus der Offensivlinie wirkt er oftmals wie ein Hänfling. Als er sich im Jahr 2000 um einen Platz bei Profiteams bewarb und wenig berauschende 5,28 Sekunden über 40 Yards brauchte, waren die Beobachter ernüchtert; das mittlerweile legendäre Oben-ohne-Foto von damals zeigte einen, der besser Versicherungsvertreter werden sollte - das war seine Alternative - und nicht Profisportler. Seit Sonntagabend ist unbestritten, was auch vorher schon gewiss war: Brady ist der beste Footballspieler der Geschichte.

Er ist vor dieser Spielzeit nach 20 Jahren und sechs Titeln bei den New England Patriots zu den Tampa Bay Buccaneers gewechselt, der Franchise mit einer historisch schlechten Siegquote von nur 39,3 Prozent. Gleich in der ersten Saison hat Brady den Titel gewonnen. Und, ein besonderes Schmankerl, weil viele behauptet hatten, dass er in New England nur wegen seines Mentors Bill Belichick so erfolgreich gewesen sei: Der Buccaneers-Trainer Bruce Arians, 68, ist nun der älteste Coach, der den Super Bowl gewonnen hat - und nicht mehr Belichick, der beim Triumph vor zwei Jahren 66 gewesen ist.

Brady ist der Beste, und er ist noch viel mehr.

Der Fußballprofi Thierry Henry hat im Jahr 2014 mal den klugen Satz gesagt, dass sich Kinder weniger an "den Freaks wie Ronaldo oder Messi" orientieren sollten als vielmehr an Leuten wie Thomas Müller. Das war weniger eine abschätzige Bemerkung über die Zauberer als vielmehr eine Erinnerung daran, dass die Natur den meisten Leuten keinen Körper schenkt wie den von Shaquille O'Neal oder Serena Williams, nicht das Ballgefühl von Tiger Woods oder Diego Maradona und nicht die Grazie von Katarina Witt oder Muhammad Ali. Die Natur gibt den meisten Menschen, was sie Brady gegeben hat, und wer ihn als jungen Menschen live erlebt hat, der weiß: Der Typ ist völlig normal.

Seine Aufgabe war es, im Training den Spielmacher des nächsten Gegners zu imitieren

Brady war als Teenager kein Superstar, wie es der Basketballspieler LeBron James gewesen ist. Er wurde nicht schon vor der Profikarriere zur Marke aufgebaut, wie das heutzutage üblich ist. Im Gegenteil: Es hieß, dass er nie eine Profikarriere haben werde. Er wurde an 199. Stelle seines Jahrgangs gewählt, seine Aufgabe war es, im Training den Spielmacher des nächsten Gegners zu imitieren.

Brady hat sich all das, wofür er nun gefeiert wird, selbst erarbeitet, vieles unter widrigen Bedingungen. Am College in Michigan führte Trainer Lloyd Carr einen brutalen Wettkampf ein: Brady spielte im ersten Viertel, Konkurrent Drew Henson im zweiten - wer besser war, absolvierte die zweite Halbzeit. Brady erwies sich als der Nervenstärkere, nach der siebten Partie spielte nur noch er. Dass er im Alter von 43 noch immer in der NFL spielt und die 40 Yards kurz vor seinem 40. Geburtstag schneller lief als einst beim Probetraining, liegt nicht daran, dass er zufällig in einen Jungbrunnen geplumpst wäre, sondern dass er in Fitness und Ernährung einen siebenstelligen Betrag pro Jahr investiert. Kollegen berichten, dass Brady so viele Ordner mit Infos über Gegner besitze, dass sie im Haus von ihm und Ehefrau Gisele Bündchen eine regelrechte Bibliothek vermuten.

Brady wird deshalb zum Vorbild, weil er seit 21 Profijahren vorlebt, dass es fast jeder zu etwas bringen kann, der nur hart dafür arbeitet. Er betont häufig, viel Glück gehabt zu haben im Leben, den Stammplatz bei den Patriots verdankte er einst einer Verletzung von Drew Bledsoe, den Sieg beim Super Bowl im Jahr 2015 einer tölpelhaften Entscheidung der Seattle Seahawks und der Interception eines Kollegen. Er betont aber auch oft, dass dies eben das Unkontrollierbare sei (wie ein Mensch auch nichts für sein Talent kann), das einem nur dann hilft, wenn man das Kontrollierbare besser kontrolliert als alle anderen.

Man muss ihn nicht mögen, diesen Tom Brady, er kann verbissen daherkommen und einige Erfolge bei den Patriots sollen unter Zuhilfenahme unlauterer Mittel zustande gekommen sein (Ausspionieren gegnerischer Trainingseinheiten per Video, diskretes Herauslassen von Luft aus Bällen). Man muss ihn allerdings respektieren dafür, dass er aus einem völlig normalen Typen einen unfassbar fitten und nervenstarken Profisportler geschaffen hat, der seine Mitspieler mitreißt und sich in den Köpfen der Gegner festsetzt.

Wenn es da also eine Botschaft gibt auch an alle Heranwachsenden, die im Sportunterricht oder auf dem Pausenhof immer als Letzte gewählt werden, dann diese: Football ist ein einfaches Spiel, es raufen Leute um ein Leder-Ei - und am Ende gewinnt der, von dem zu Beginn seiner Karriere fast alle geglaubt hatten, dass er noch nicht mal mitspielen sollte.

© SZ/jki
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