Polizeimaßnahme in Wolfsburg:Die Gründe lösen Erstaunen aus

Lesezeit: 2 min

Fans des SV Werder Bremen

Zum Teil behandelt, als wären sie Schwerverbrecher: Fans des SV Werder in Wolfsburg.

(Foto: Swen Pförtner/dpa)

Die Wolfsburger Polizei kesselt Werder-Fans am Hauptbahnhof ein - und sollte nun darlegen, welche Hinweise es überhaupt gab, die so eine Maßnahme rechtfertigen.

Kommentar von Thomas Hürner, Wolfsburg

Die Bewohner der Hansestadt Bremen sind auf zwei Sachen besonders stolz: auf ihren SV Werder - sowie auf alle Partys, die im weitesten Sinne ihren SV Werder zum Anlass haben. Früher waren die Anlässe sogar richtig gut, zum Beispiel, wenn der Klub mal wieder einen neuen Pokal in seine nicht gerade titelarme Sammlung aufnehmen konnte. Meisterschaftspartys haben die Bremer zwar schon länger nicht mehr feiern dürfen, gegen gute Mottopartys haben sie aber weiterhin nichts einzuwenden. Nur: Gleich so ein Aufriss, nur weil man als alte Edelmarke nach einem Jahr zwangsverordneter Zweitklassigkeit wieder ins Oberhaus einzieht?

Ein derart üppiges Empfangskomitee hatte die hanseatische Reisegruppe nicht mal in ihren kühnsten Träumen erwartet. Denn am Samstagmittag, vor dem 2:2 des SV Werder in Wolfsburg, wurden die soeben mit dem Zug eingetroffenen Werder-Fans von einem Spalier aus Frauen und Männern begrüßt, die nun leider nicht gerade den Eindruck erweckten, als wollten sie Fanfarenklänge anstimmen oder mit ein paar Pils auf die Bremer Erstliga-Rückkehr anstoßen.

Das Spalier bestand aus vielen Dutzend Polizeikräften, gekleidet in dunkler Einsatzmontur und ausgerüstet mit allen Utensilien, die für den sogenannten "Ernstfall" benötigt werden. Das war ein befremdlicher Anblick, zumal die Beamten nicht den oftmals üblichen Geleitschutz ins Stadion leisteten, sondern die Werder-Anhänger festsetzten, um ausgiebige Personenkontrollen vorzunehmen. In den sozialen Netzwerken nannte die Polizei hernach "gefahrentechnische Gründe" für die unangekündigte Überprüfung, die dabei helfen sollte, "Auseinandersetzungen von Fangruppierungen und das Abbrennen von Pyrotechnik zu verhindern".

Solidarität für die Werder-Fans gab es vom eigenen Klub - und vom Gegner

Die Gründe lösten nicht nur in der aktiven Fanszene Erstaunen aus: Wolfsburgs Anhängerschaft wird unter Ultras als überfreundliches Eventpublikum belächelt - selbst notorische Krawallbrüder machen deshalb lieber woanders Stress. Auch das Thema Leuchtfackeln, das in Deutschlands Stadien zu einem immer größeren Problem wird, wird in den Fankurven eher als Kräftemessen mit rivalisierenden Gruppen denn als Selbstdarstellung angesehen. Auch hier also: Warum so ein grimmiger Polizeiblock, wenn das Spiel zuvor von beiden Klubs als risikoarm eingestuft worden war?

Die Werder-Fans empfanden das Vorgehen der Polizei als Akt der Willkür und Freiheitsberaubung, einige klagten darüber, dass ihnen über Stunden der Zugang zu den Toiletten im Wolfsburger Hauptbahnhof untersagt worden sei. Das Unverständnis war deshalb groß in der Bremer Delegation, den meistbeachteten Wortbeitrag steuerte der Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald im Interview mit Sky bei: "Wir sind stolz darauf, in Deutschland eine Fankultur zu haben, eine lebendige Fanszene in allen Stadien, Auswärtsfans zu haben", sagte er.

"Und wenn wir Gäste dann so willkommen heißen und so behandeln, dann kann das nicht im Sinne des Zuschauersports Fußball sein." Hess-Grunewald legte überdies Wert auf eine wichtige Einschränkung: Dieser Grundsatz gelte natürlich nur so lange, bis die Behörden ein mindestens sitten- bis rechtswidriges Verhalten der Fans aufzeigen können.

Keine schlechte Idee. Die Wolfsburger Polizei darf in den kommenden Tagen gerne etwas konkreter darlegen, welche Hinweise es aus ihrer Sicht gab, die Maßnahmen wie den Entzug des freien Rechts auf Pinkelpausen rechtfertigen würden. Hunderte Werder-Ultras zogen jedenfalls ihre Konsequenzen aus dem unfreundlichen Empfang in der Autostadt: Sie nahmen den nächsten Zug nach Bremen.

Dieser selbstverordnete und friedliche Rückzug kam auch an anderer Stelle gut an. Der Wolfsburger Sportchef Jörg Schmadtke etwa entschuldigte sich für den fremdverschuldeten Mangel an Gastfreundlichkeit und kündigte an, dass die Tickets erstattet werden. Das Vorgehen der örtlichen Polizei, das so lange überzogen aussieht, bis das Gegenteil bewiesen ist, nannte er eine "Blamage für den Fußball-Standort Wolfsburg".

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