Pleite des VfB Stuttgart gegen Bayern:Wie beim Rumbolzen im Freibad

Pleite des VfB Stuttgart gegen Bayern: Müller gegen Gentner - manchmal aber auch sechs Bayern gegen einen Stuttgarter: So ging es zu am Samstag in Fröttmaning.

Müller gegen Gentner - manchmal aber auch sechs Bayern gegen einen Stuttgarter: So ging es zu am Samstag in Fröttmaning.

(Foto: Matthias Schrader/AP)

Von Christof Kneer

Sofern man das noch richtig zusammenbekommt, kam erst der Schuss von Coman. Es war ein Schrägschuss von links, Stuttgarts Torwart Tyton parierte ihn, das heißt, der Ball sprang ihm leicht zur Seite weg, worauf Lewandowski, aus dem Abseits startend, ins Bild lief. Mit dem Rücken zum Tor stand Lewandowski am Eck des Fünfmeterraums, er drehte sich und flankte, und dann war auf der anderen Seite des Tores auf einmal Vidal zu sehen, der den Ball an die Latte köpfte. Von dort prallte der Ball zurück in die Mitte, wo ein Spieler plötzlich einen komischen Buckel machte, um den Abpraller des Abprallers des Abprallers ins Tor zu köpfeln.

Zwei Erkenntnisse stecken in dieser Szene aus der 40. Spielminute. Erstens: Wenn irgendwo irgendwer ein buckliges Tor macht, dann ist es immer Thomas Müller. Zweitens: Alexander Zorniger, der Trainer des VfB Stuttgart, hatte seinen Kollegen, den großen Pep Guardiola, besiegt. Überlistet, überrumpelt, ausgecoacht.

Guardiola hasst das ja: Wenn der Ball von links nach rechts und von oben nach unten durch den Strafraum irrt, wenn er nur per Zufall von hier nach dort gelangt. Guardiola hasst es, wenn seine Elf keine Kontrolle hat, und im tiefsten Innern würde er solche Tore wahrscheinlich am liebsten zurückgeben. Tore, die wie beim Rumbolzen im Freibad fallen, will er nicht. Alexander Zorniger hingegen liebt es, wenn der Ball zur Flipperkugel wird, er hat vor Saisonbeginn ja ausdrücklich verfügt, es solle künftig "wild" zugehen beim VfB.

So gesehen also: Klarer Punktsieg für Zorniger. Kleine Einschränkung vielleicht: Die Szene brachte das 4:0 für Bayern.

Zorniger schafft, was Arsenal misslingt

Der VfB Stuttgart hat 0:4 beim FC Bayern verloren, das Ergebnis ist eigentlich keine große Nachricht, denn in München verlieren ja auch Arsenal, Dortmund und Wolfsburg mit 1:5. Anders als diese Spiele hinterließ der Auftritt des VfB aber eben doch diese kleine Sensation: Zorniger hat es geschafft, dem FC Bayern seinen Zorniger-Spielstil aufzuzwingen. Er hat die sonst so spielbestimmenden Bayern sogar gezwungen, mehrere Kontertore zu schießen, und neben dem 4:0 dürfte auch das 1:0 die Münchner aus dem Konzept gebracht haben.

Nach einem eigenen Eckstoß verloren die Stuttgarter kläglich den Ball, worauf die Bayern sich nicht anders zu helfen wussten, als mit einer knallroten Sechs-Mann-Stampede die leere Stuttgarter Spielhälfte niederzuwalzen. Und Arjen Robben musste am Ende des Überfalls sogar ein Tor mit dem Bauch erzielen, das hat er vermutlich auch noch nie gemacht.

VfB bringt Unterhaltung nach München

Mit einigem Vergnügen registrierten die Bayern, dass sie endlich mal ein interessantes Spiel erleben durften, wenn schon die Ergebnisse immer so langweilig gleich bleiben. Die Stuttgarter wollten ihnen "Aufgaben stellen", wie Zorniger unter der Woche kess angekündigt hatte, aber die Aufgaben der ersten Halbzeit dürften die Bayern eher amüsiert als herausgefordert haben. In diesen 45 Minuten ließ sich noch mal zugespitzt erkennen, warum der VfB in der Tabelle steht, wo er steht: Weil eine Elf, die vom Tabellenstand ohnehin leicht bekümmert ist, vollends überfordert wirkt, wenn sie ein System spielen soll, für das man 95 Minuten Athletik, 95 Minuten Zutrauen, schnelle, fehlerlose Defensivspieler sowie am besten einen anderen Gegner als die Bayern braucht.

"Wir wollten eigentlich noch direkter und aggressiver anlaufen", sagte Zorniger später und fügte kritisch an: "Entweder du spielst es ganz oder eben gar nicht." Aber auch das braucht man ja, um dieses Spiel spielen zu können: Spieler, die gläubig sind. Spieler, die überzeugt sind, dass dieses System das Beste oder noch mehr aus ihnen herausholt.

Alexander Zorniger hat es geschafft, dass nach einem 4:0 des FC Bayern, nach spektakulären Toren, nach wunderbaren Aktionen des wunderbaren Douglas Costa die meisten nur über den VfB Stuttgart gesprochen haben. Zorniger hat den VfB zum Thema gemacht, das Unterthema lautet allerdings: Passt das Spielsystem, das der Trainer "alternativlos" nennt, überhaupt zu dieser Elf, deren grundsätzliches Potenzial selbst in München gelegentlich aufblitzte? Oder setzen es die Spieler bloß noch nicht immer wie gewünscht um?

VfB-Spieler wirken zwiespältig

Die Spieler sind sich wohl selbst nicht ganz sicher, was sie von ihrem Fußball halten sollen. Sie verwiesen mit Recht auf die Fehlentscheidungen des Linienrichters, der den Bayern zwei Abseitstore zu- und dem VfB eines aberkannte; und der zu politischer Korrektheit verpflichtete Kapitän Christian Gentner meinte, mit einem defensiveren Ansatz hätte man "vielleicht fünf oder sechs kassiert". Allerdings fügte auch er vorsichtig an, man habe "vielleicht zu viel gewollt", aus dem Mund des jungen Stürmers Timo Werner klang das später deutlich offensiver: "Wir haben genau das gespielt, was die wollten", sagte Werner, "wir standen in der Regel zu hoch und sind ins offene Messer gelaufen. Wir haben den Bayern das gegeben, was man ihnen nicht geben darf: viel, viel Platz."

Die Stuttgarter nehmen jetzt also eine kleine Debatte mit in die Länderspielpause, die Bayern dagegen diese beruhigende Erkenntnis: Es kann ihnen wunderbar wurscht sein, mit welcher Spielweise man 0:4 gegen sie verliert.

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