Olympia trotz Corona:Im Dschungelcamp stimmt die Quote ja auch

Trotz einer Corona-Reisewarnung aus den USA machen die Olympia-Planer weiter wie bisher. Die Spiele von Tokio werden steril sein wie eine Fernsehshow - und unverantwortlich.

Kommentar von Thomas Hahn, Tokio

Die Zeit rast wie ein Shinkansen. Keine zwei Monate sind es mehr bis Olympia in Tokio. Die Pandemie macht weiter. Und die Spiele-Verteidiger sind in toller Form. Japans Regierung hat gerade mit leichter Hand eine Reisewarnung aus den USA weggewischt. "Ein sehr hohes Niveau von Covid-19" stellt das dortige Krankheitskontroll-Zentrum CDC für Japan fest und empfiehlt seit Montag: "Nicht hinfahren." Macht nichts, antwortete sinngemäß Japans Außenminister Toshimitsu Motegi, er habe "gehört", mit der Entsendung des US-Teams habe das nichts zu tun. Davor erreichte der IOC-Vize John Coates Höchstnoten im Zweifelzerschlagen, als er mit der Leichtigkeit des Medizin-Laien erklärte, "absolut, jawoll", könnten die Spiele auch im Corona-Notstand stattfinden.

Es ist den Verantwortlichen für das größte Sportfest der Welt mit Zehntausenden von Menschen aus aller Welt also egal, ob Pandemie herrscht oder nicht. Japans Regierung wird wohl den Corona-Notstand für Tokio und andere Präfekturen noch bis in die zweite Juni-Hälfte hinein verlängern. In Osaka sind die Krankenhäuser überlastet. Das nationale Impfprogramm ist langsam. Für Länder mit besonders ansteckenden Mutanten gelten verschärfte Einreisebeschränkungen. Na und?

Fernsehgeld infiziert sich nicht. In den Verträgen steht, dass in der unangenehmen Sommerschwüle Tokios Sport fürs Live-Entertainment abgefilmt werden muss. Und es gibt ein schickes Corona-Vorbeugungsprogramm. Da kann man schon mal einfach davon ausgehen, dass diese Spiele nicht zu einem virenschleudernden Chaos aus Cluster-Infektionen werden.

Japans Regierung und das IOC schaffen gute Bedingungen für das Coronavirus

Vielleicht haben die Damen und Herren der Ringe sogar recht: Vielleicht wird es Zeit, die Spiele anders zu denken. Moderner. Kälter. Japans Regierung und das Internationale Olympische Komitee wollen sich nicht belehren lassen von Experten und klugem Menschenverstand - dann müssen sie tun, was sie nicht lassen können. Fort mit diesem ganzen moralischen Gerede vom Fest, das Vielfalt fördern und Atmosphären erschaffen soll. Im Dschungelcamp sind auch keine Zuschauer. Trotzdem stimmen die Quoten.

Außerdem: Aus Sicht des Coronavirus ist Olympia in Tokio ein voller Erfolg. Alle reden von ihm. Alle tanzen nach seiner Pfeife. Japans Regierung und das IOC haben nicht warten wollen, bis das Virus in die Unbedenklichkeit geimpft ist. Jetzt inszenieren sie die Folgen der Pandemie. Sie bauen mächtige Stahlrohrtribünen, auf denen später wahrscheinlich keine Zuschauer sitzen dürfen. Sie laden Leute aus, schränken andere ein. Nur damit ihre Show weitergehen kann.

Gleichzeitig schaffen sie gute Bedingungen für das Coronavirus. Das schicke Vorbeugungsprogramm sieht vor, ausländische Gäste in einer olympischen Blase von den Einheimischen fernzuhalten. Aber die Blase ist nicht dicht. Einheimische, die dort zu tun haben, etwa Medienschaffende, dürfen von zu Hause in die Blase hinein- und aus ihr hinauspendeln. Schön. Aber im Sinne der Corona-Bekämpfung riskant. Das Virus könnte von draußen nach drinnen und von drinnen nach draußen kommen. Nutzt es diese Chance, dürfte es nicht nur in Japan unerfreuliche nacholympische Wellen schlagen.

Viren-Spiele. Olympia als Hommage an die Pandemie. Sehr viele Menschen finden das zu riskant. Aber wenn die Zeremonienmeister nicht hören wollen - bitte sehr. Damit ist dann wenigstens auch klar, wer die Verantwortung trägt, wenn diese ungeprobten pandemischen Spiele schiefgehen: Japans Regierung natürlich und das IOC.

© SZ/vk/jkn
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