Özil und Nationalismus im Sport Auf allen Ebenen Verschärfung und Verhärtung

Der professionelle Sport auf großer Bühne war nie die bessere Welt, er hat aber immer die Stimmung der Welt abgebildet. Und im Moment steht er für Trennung und Zuspitzung.

Kommentar von Holger Gertz

Nein, die Zeiten waren nicht immer so wie heute. Kurzer Schwenk, mehr als ein halbes Jahrhundert zurück in die Vergangenheit. Bei den Olympischen Spielen 1960 gewann der deutsche Ruder-Achter auf dem Albaner See bei Rom die Goldmedaille. Im Boot saß auch Hans Lenk, dessen Schriften und Gedanken über Sport und Leben man gerade jetzt lesen oder wiederlesen sollte, der herausragende Ruderer wurde später Präsident der Weltakademie für Philosophie.

Bei der Siegerehrung damals in Rom wurde nicht die Nationalhymne gespielt, sondern die "Ode an die Freude", Beethovens Neunte Symphonie diente in den Jahren der gesamtdeutschen Olympiamannschaft als Siegerhymne für deutsche Olympioniken. Und Lenk war so berührt, dass er anregte, das Zeremoniell grundsätzlich etwas runterzudimmen und dabei von nationalem Pathos zu befreien. Wozu braucht man beim Treffen der Jugend der Welt eigentlich Hymnen und Fahnen? 2005 hat Hans Lenk in einem Interview allerdings gesagt: "Inzwischen ist es hoffnungslos, so was verbannen zu wollen."

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Nach den Verwerfungen um seinen Abschied soll ein Telefonat mit Mesut Özil erfolgen. Derweil melden sich auch Cacau und Joachim Löws Manager zu Wort.

Die Zeiten haben sich geändert. "Alle Menschen werden Brüder", heißt es in der "Ode an die Freude", mitgemeint sind selbstverständlich auch Schwestern. Aber die Realität sieht anders aus, auch im Sport, gerade im Sport. Die Debatte um Mesut Özil, die immer auch entlang der Frage geführt wurde, ob so einer mitspielen darf, wenn Deutschland den Platz betritt, ist ein Indiz dafür, wie weit der Sport inzwischen gekommen ist auf seinem Weg von der verbindenden Internationalisierung zurück zur trennenden Renationalisierung. Die Triumph-Fahrt der kroatischen WM-Zweiten - "Vatreni" genannt, die Feurigen - wurde erst richtig feurig, als der Ultranationalist Thompson sie mit herzhaften Liedern beschallte.

Der serbische Trainer sah bei der Weltmeisterschaft die Ehre seiner Nation und Nationalmannschaft durch eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters derart beschmutzt, dass er dringend empfahl, den Mann vors Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zu stellen. Auf allen Ebenen Verschärfung, Verhärtung. Während die Bild im Sommer 2018 gegen Mesut Özil ledert, zu dessen Vergehen auch das Nichtmitsingen der Hymne gehört, konnte im Sommer 2014 in der Bild am Sonntag noch der Sportphilosoph Gunter Gebauer darlegen, warum die Brasilianer ihr Lied inbrünstiger vortragen als die Deutschen. Überschrift, nach wie vor abrufbar: "Darum ist es okay, dass nicht alle Spieler die Hymne singen." Wo heute gepestet wird, wurde früher tatsächlich noch erklärt.

Der Umgang mit dem schwer fassbaren Begriff Nation hat auch im Sport nur noch wenig Spielerisches. Vorbei die Zeit, als man davon ausging, die Wettbewerbe zwischen Ländern würden früher oder später zum Auslaufmodell, weil die Globalisierung viele Grenzen verwischt. Vorbei die Zeit, als Weltbürger wie Hans Lenk die Dinge des sportlichen Lebens interpretierten, intellektuell fordernd ("Beschreiben und erklären, bedeuten und verstehen: Tuskulane Existenz sisyphischer Effizienz?").

Vorbei die Zeit, als das Dach über dem Münchner Olympiastadion gläsern ausgestaltet wurde, weil es schön aussah, aber weil es zugleich auch ein Zeichen war, ein Symbol: Jetzt kommt die Ära der Durchlässigkeit. Vorbei die Zeit, als Kurt Edelhagen beim Einmarsch der Nationen anlässlich der Spiele in München 1972 eine Choreografie drüberlegte, die den Begriff "Nation" hauchzart umflatterte. Die Athleten der Bundesrepublik schwebten zu "Horch, was kommt von draußen rein" ins Stadion.

Der Sport auf großer Bühne war nie die bessere Welt, er hat immer die Stimmung der Welt abgebildet. Wärmephasen und Annäherung. Und Kältephasen. Trennung. Zuspitzung. So wie im Moment.

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