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Causa Mesut Özil:Das große Schweigen

  • DFB-Präsident Reinhard Grindel hat sich mit einem Statement zum Rücktritt von Mesut Özil geäußert und eigene Fehler zugegeben.
  • Der Bundestrainer sowie große Teile der Mannschaft schweigen weiterhin zum Rücktritt des 92-fachen Nationalspielers, mit dem sie vor vier Jahren Weltmeister wurden.
  • Nur die Spieler Jérôme Boateng, Antonio Rüdiger, Julian Draxler und Matthias Ginter haben sich geäußert.

Die Debatte um Mesut Özil wird laut geführt, aber noch lauter ist mittlerweile das Schweigen. Bundestrainer Joachim Löw: kein Wort. Teamanager Oliver Bierhoff: kein Wort. Kapitän Manuel Neuer: kein Wort. Führungsspieler Toni Kroos, Thomas Müller, Mats Hummels: kein Wort. Viele andere Teamkameraden: kein Wort. Die Stille ist so dröhnend, dass jedes Statement auffällt, zum Beispiel von Nils Petersen, einmaliger Nationalspieler, der sich im Trainingslager des SC Freiburg äußerte. "Ich bin Deutschland-Fan und ich bin ein großer Özil-Fan. Nachdem er jahrelang seine Knochen hingehalten hat, hätte er einen schöneren Abschied verdient", sagte Petersen.

Außerdem rührten sich bisher die Spieler Jérôme Boateng, Antonio Rüdiger und Julian Draxler. Sie verabschiedeten Özil auf ihren Social-Media-Kanälen, Draxler sogar ein bisschen überschwänglicher als die anderen, als er schrieb: "Danke für das, was du für den deutschen Fußball getan hast. Du kannst stolz auf deine Leistungen sein." Und auch Boateng nimmt in gewisser Weise eine Sonderrolle ein, weil er sich als einziger Teamkollege schon vor Özils Rücktritt gemeldet und gesagt hat, dass man sich in der Kritik keinen einzelnen Spieler herauspicken sollte. Matthias Ginter äußerte in der Bild-Zeitung sein Bedauern und sagte nebulös, man müsse "Hintergründe genau kennen", um den Rücktritt zu beurteilen. Sonst herrscht Stille.

Mesut Özil Falscher Heldenglanz aus dem Hintergrund
Özil und seine Berater

Falscher Heldenglanz aus dem Hintergrund

Die Umstände des Özil-Streits lenken den Fokus auf einen bedenklichen Aspekt: Wenn nun schon Spielerberater gesellschaftliche Debatten steuern, hat ihr Gewerbe eine absurde Bedeutung erlangt.   Kommentar von Thomas Kistner

Zum Schweigen der Mannschaft kam bis vor kurzem das Schweigen des DFB-Präsidenten. Vier Tage brauchte Reinhard Grindel, um sich zu äußern, was verwunderte, weil Özil und Berater in ihrem Statement ja vor allem ihn massiv kritisierten. Sie unterstellten ihm Rassismus, Unfähigkeit und allgemeine Niederträchtigkeit und nahmen (was in der Debatte ein bisschen unterging) explizit zum Beispiel Löw, Bierhoff oder auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier aus ihren Anschuldigungen heraus. In einem ersten DFB-Statement kam Grindel gar nicht zu Wort - was ungewöhnlich war, weil der Präsident das Hauptziel der Angriffe war und normalerweise immer in DFB-Statements zu Wort kommt. Der Druck, der auch DFB-intern zunehmen soll, war offenbar so groß, dass Grindel nun der Meinung war, persönlich Dinge klarstellen zu müssen.

Grindel schreibt, dass ihn die Anschuldigungen getroffen hätten, und weist den Rassismus-Vorwurf zurück. Er schreibt außerdem: "Noch mehr tut es mir für meine Kollegen, die vielen Ehrenamtlichen an der Basis und die Mitarbeiter im DFB, leid, im Zusammenhang mit Rassismus genannt zu werden." Das ist ein bisschen seltsam, denn Özil und Berater haben Ehrenamtliche in ihrem Statement nie erwähnt, geschweige denn angegriffen.

Grindel gibt darüber hinaus Fehler zu, er hätte sich gegen rassistische Anfeindungen stellen sollen. Das sei bei Jérôme Boateng (er wurde vor zwei Jahren von AfD-Politiker Alexander Gauland angegriffen) wie bei Mesut Özil, als auch bei jedem anderen Spieler mit Migrationshintergrund "unerträglich, nicht hinnehmbar und nicht tolerierbar". Es war vor allem das Ausbleiben eines solchen Statements, weswegen Grindel und der DFB schon während der Weltmeisterschaft in die Kritik gerieten. Als klar wurde, dass Özil nicht nur aufgrund der Erdoğan-Fotos kritisiert wurde, sondern weil er türkische Wurzeln hat, gab es keinerlei Unterstützung vom Deutschen Fußball-Bund.

Stattdessen versäumte es Grindel, in einem Kicker-Interview zu differenzieren, er forderte von Özil schlicht ein Statement zur Causa Erdoğan. Özil wiederum nennt die rassisistischen Attacken und die damit verbundene Behandlung durch den DFB als Hauptgrund für seinen Rücktritt. Grindel erkennt nun offenbar, dass es für einen Sportverband, der so viele Mitglieder verschiedenster Herkunft repräsentiert, absolut fatal ist, wenn der begründete Vorwurf im Raum steht, sich nicht klar gegen Rassismus zu positionieren.

Während diese Einsicht von Grindel nun spät, vielleicht sogar zu spät kommt, kam sie aus der Mannschaft noch gar nicht. Am bemerkenswertesten ist die Stille von Joachim Löw, der als Özil-Fan gilt und ihm über die Jahre immer die Treue hielt. Es drängt sich der Eindruck auf, dass auch die Mannschaft nicht glücklich war mit Özils Foto und Schweigen während der WM - und ihn nun ebenfalls mit Schweigen straft, als eine Art Retourkutsche. Oliver Bierhoff gab in einem Interview mit der Bild-Zeitung bereits vor der WM zu, dass man versucht habe, Özil davon zu überzeugen, eine Erklärung zu den Erdoğan-Fotos abzugeben. Dieser habe sich aber - im Gegensatz zu İlkay Gündoğan - fürs Stillsein entschieden. "Ob es in diesem Fall richtig und gut für ihn ist, steht auf einem anderen Blatt. Die Konsequenzen haben wir ihm aufgezeigt und kennt er aus Erfahrung", sagte Bierhoff und man muss nicht so viel zwischen den Zeilen lesen, um zu erkennen, dass er das für keine intelligente Strategie hielt.

Stattdessen erbat sich Özil Sonderrechte wie das Fernbleiben vom Medien-Tag und erschien auch bei Pressekonferenzen während der WM nicht auf dem Podium. Stattdessen mussten andere Spieler Fragen beantworten, ob die Affäre Özil nun das Mannschaftsklima belaste. Wer das Innenleben von Fußballmannschaften kennt, der weiß, dass Sonderrechte für Einzelne nie gut ankommen, wenn 23 Spieler um elf Plätze konkurrieren.

Die Ruhe der Spieler und des Trainers dauert jedenfalls mittlerweile zu lange, um sie mit Argumenten wie "Urlaub" oder "Smartphone ausgeschaltet" zu erklären, zumal die Bayern-Spieler mitterweile wieder im Training sind und mit Fahrrädern durch den Perlacher Forst strampeln. Dass bislang nicht mal ein "Servus" auf Instagram zu vernehmen war - wohlgemerkt bei einem 92-fachen Nationalspieler (nur 20 Fußballer spielten häufiger für Deutschland) und Weltmeister -, darf einen schon verwundern. Vielleicht ist es auch kein Zufall, dass sich ausgerechnet Nils Petersen zu Wort meldet. Er war schließlich im Quartier in Watutinki nicht dabei, Löw strich ihn noch aus dem Kader.

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