Özil und Gündoğan:Vertrauen ist gut, Schweigen ist besser

Der Wert der Stunde lautet demnach: Vertrauen ist gut, Schweigen ist besser. Der Bundestrainer hat Özil und Gündogan am Dienstag für die WM nominiert und neben sanfter Kritik auch Verständnis geäußert; es wird wahrscheinlich auch unter den insgesamt 80 Millionen deutschen Bundestrainern kaum jemanden geben, der an der Berufung sportfachlich etwas auszusetzen hätte. Allerdings würden einer Emnid-Umfrage zufolge 36 Prozent der Befragten das Duo Gündogan/Özil aus dem Kader streichen - da kann es zumindest irritierend wirken, wenn solche Entscheide innerhalb eines eng verknüpften Beraterverbundes ablaufen.

In der Türkei, wo die Regierungspartei AKP mit den Fotos hausieren geht, freuen sich jetzt nicht nur viele darüber, dass prominente DFB-Kicker als Erdoğan-Unterstützer posieren. Manche freuen sich auch auf den Jungunternehmer Gündogan. Die Welt berichtete diese Woche, Gündogan und Familie hätten in der Provinz Balikesir ein Gebäude erworben, um ein Shoppingcenter zu errichten. Die Baugenehmigung sei schon erteilt. Die Investitionssumme soll mehr als fünf Millionen Euro betragen haben, für die Errichtung eines vielstöckigen Gebäudes dürften weitere erhebliche Kosten entstehen. Eingedenk der Lage in der heutigen Türkei ist zu vermuten, dass solche Großprojekte mit guten Drähten in die Politik leichter vonstattengehen. Eine Anfrage dazu beantwortet Gündogans Berater nicht.

Und Özil? Der mag in Deutschland nicht gar so populär sein wie andere Akteure aus der aktuellen Nationalmannschaft. Aber globalwirtschaftlich beurteilt ist er eine Topmarke - und innerhalb des Teams der König der sozialen Medien. Kein anderer DFB-Kicker kommt auf solche Zahlen bei Facebook (31 Millionen Likes) und Twitter (23 Millionen Follower); darunter sind natürlich besonders viele türkische Anhänger. Selbst Spieler wie Neuer, Müller oder Kroos schaffen nur 20 bis 40 Prozent von Özils Werten. Und was ihr Film- und Bildmaterial bedeutet, dürften Spieler und besonders ihre Berater nur zu gut wissen: Mit dem Material verdienen sie Millionen.

Auch die Sponsoren ducken sich weg

Auch die übrigen Beteiligten ducken sich eher weg, darunter die Sponsoren. Die Automarke Mercedes fährt seit Langem eine große Integrationskampagne mit dem DFB, zudem sind Gündogan und Özil Markenbotschafter der Firma. Zur Affäre teilt sie nur zwei Sätze mit: "Die Spieler haben sich von einem politischen Statement distanziert. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns nicht weiter dazu äußern." Auf detaillierte Hinweise wie den, dass sich Özil bisher noch gar nicht öffentlich geäußert hat, und auf Fragen zu den Folgen, die Mercedes nun für seine für die WM anstehenden Werbespots und die Integrationskampagne sieht, wiederholt eine Sprecherin schlicht die erste Aussage.

Offenbar will es sich bei einem global tätigen Konzern niemand mit dem Duo verscherzen. Für Mercedes ist die Lage ohnehin generell schwierig, weil viele attraktive Fußballer über ihren Klub an andere Marken gebunden sind. Auch der Sportartikelhersteller Adidas hält sich zurück und erklärt gegenüber anfragenden Medien, dass der Termin in London von Özil und Gündogan nicht im Rahmen ihrer Tätigkeit als Markenbotschafter wahrgenommen worden sei. Deswegen gebe es keine Kommentierung.

Im DFB wiederum hat Präsident Reinhard Grindel seine zunächst harsche Kritik relativiert ("Ich werbe darum, mit den beiden maßvoll umzugehen"). Die Causa berührt viele heikle Felder. Da ist, neben der in Kürze startenden Titelverteidigung bei der Weltmeisterschaft in Russland, auch das gewaltige Kräftemessen, das nach dem WM-Taumel ansteht: die Bewerbung um die Europameisterschaft 2024. Im Ring stehen Deutschland und die Türkei. Spielen da nicht gerade die Deutsch-türken im Team eine Hauptrolle?

Der DFB will sie in seine Werbestrategie einbinden. Aber auch hier scheint es schon Probleme zu geben. Gündogan widersetzte sich im März dem Ansinnen, durch Videos in sozialen Netzwerken für die deutsche Kampagne zu werben. In Kürze soll die Nationalelf stärker eingebunden werden, auch via TV-Spots. Werden Özil und Gündogan daran beteiligt? Der Verband weicht aus: "Bislang hat der DFB nur vereinzelte Spieler und nicht die komplette Mannschaft in die Bewerbung um die Euro 2024 einbezogen. Sollte dies zu einem späteren Zeitpunkt geschehen, gehen wir davon aus, dass alle Spieler unsere Bewerbung unterstützen."

Dann sind da noch die Klubs, die einem Spieler heute gern Details bis zur Krawattenfarbe vorschreiben. Wie sehen sie das Ganze? Gündogans Klub Manchester City beantwortet eine Anfrage nicht. Özils Arbeitgeber FC Arsenal sieht keinen Anlass zu Kommentaren. Dies sei ein "privates Engagement" Özils gewesen - und bei Privatsachen müsse der Klub vorher nicht informiert werden.

So sitzen nun alle in Fallen, die sie selbst gebaut haben. Denn wenn diese Fotos eines nicht sind, dann genau das: privat.

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