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Fußball und Politik:Der Fußball spielt ein doppeltes Spiel

Das Treffen von Mesut Özil und İlkay Gündoğan mit Präsident Erdoğan ist ein harter Schlag für die Debatte um Integration. Es ist erstaunlich, dass Nationalspieler ihre Wirkung immer noch unterschätzen.

Kommentar von Thomas Hummel

Die PR-Manager von Recep Tayyip Erdoğan konnten ihr Glück vermutlich kaum fassen: Da lächeln die deutschen Nationalspieler Mesut Özil und İlkay Gündoğan zusammen mit dem türkischen Präsidenten auf einem Foto; Gündoğan überreicht ihm ein Trikot mit der Aufschrift: "Mit großem Respekt für meinen Präsidenten." Schöneres kann sich Erdoğan fünf Wochen vor der Wahl kaum wünschen: Gerade die Deutschen kritisieren ihn, weil er es mit der Demokratie nicht so genau nimmt und seine Kritiker einsperrt, und dann outen sich zwei Nationalspieler als seine Fans.

Es ist erstaunlich, dass Fußballer ihre Wirkung immer noch unterschätzen. Es gab Zeiten, da hätten die meisten Leute abgewinkt und gesagt: Da haben zwei junge Burschen wohl zu viele Kopfbälle gemacht. Das ist vorbei. Es gibt in dieser unübersichtlichen Welt nicht mehr viele Dinge, auf die sich die Mehrheit der Gesellschaft verständigen kann. Der Fußball gehört dazu, ob man das nun gut findet oder nicht. Besonders die Nationalmannschaft. Vermutlich weiß jeder, wo er war, als Mario Götze vor vier Jahren in Rio den Ball mit der Brust annahm und volley ins Netz schoss. In vielen Haushalten bestimmt der Spielplan der anstehenden Fußball-WM, wann und wo und mit welchen Freunden gegrillt wird.

Der Fußball ist groß geworden. Sehr groß. Er genießt das auch. Ständig betonen Verbandsvertreter die gesellschaftliche Bedeutung ihres Sports und die damit einhergehende Verantwortung. Meist tun sie das, wenn es darum geht, Privilegien wie Steuerbefreiung für Großturniere auszuhandeln - oder zu erklären, wie wichtig sie für Wirtschaft und Politik sind. Der Fußball als Imageträger für Jugendlichkeit, Fairness und Heldentum lässt sich vermarkten wie kaum etwas anderes auf dieser Welt. Das spült Milliarden in die Kassen von Verbänden, Klubs und Spielern. Das schärft aber keineswegs die Sinne, von wem man sich besser fernhalten sollte.

So ist die halbe Fußballwelt verbandelt mit dem Emirat Katar, vom Weltverband Fifa über Klubs wie Paris Saint-Germain, dem FC Barcelona bis zum FC Bayern. Es bleibt ein Rätsel, wie genau sich die sozialen und politischen Werte der Münchner mit jenen einer absoluten Monarchie vertragen, wo Gastarbeiter wie Leibeigene behandelt werden. Das Geld fließt jedenfalls.

Fußball hat auch trennende Wirkung

Auch bei Özils und Gündoğans Auftritt geht es um Werte. Zumindest ihre hochbezahlten Berater hätten das wissen müssen. Erdoğan lässt Journalisten und Andersdenkende inhaftieren, er führt in der Osttürkei und in Syrien einen Krieg gegen die Kurden, will immer mehr Macht auf sich vereinen. Er versucht, die Gemeinschaft der Deutschtürken zu spalten, indem er deutschen Politikern Faschismus vorwirft und erzählt, CDU, SPD und Grüne seien Feinde der Türkei. Es geht ihm um die 1,4 Millionen Wahlberechtigten, die schon das Referendum um die umstrittene Verfassungsänderung 2017 mit entschieden haben. Was interessiert Erdoğan da der soziale Frieden in Deutschland?

Da kann man als Fußballer eine Einladung durchaus höflich ablehnen oder zur Not eine Verletzung vortäuschen. Schon allein, um nicht kaputt zu machen, was in mühsamer Integrationsarbeit aufgebaut wird: Lehrer, Sozialarbeiter und oft auch die Eltern mühen sich ab, den bisweilen von allen möglichen Einflüssen bedrängten Jugendlichen aus Migrantenfamilien die Vorzüge des Rechtsstaats und der offenen Gesellschaft zu vermitteln. Und dann stehen zwei der größten Vorbilder für junge Deutschtürken lächelnd neben dem Mann, der wie kein Zweiter seit Monaten gegen dieses offene Deutschland wettert.

Für die Integrationsdebatte war der Fototermin der Nationalspieler ein harter Schlag - und damit auch für den Deutschen Fußball-Bund, der seit Jahren seine Vorreiterrolle in der Integration betont. Sie "ist ein Beleg für die Kraft des Fußballs" schreibt er auf seiner Homepage. Die Nationalmannschaft gilt als leuchtendes Beispiel: Diesen Dienstag berief Bundestrainer Joachim Löw neun Spieler mit Migrationshintergrund in den vorläufigen WM-Kader - darunter Özil und Gündoğan. Die Botschaft: Sobald der Ball rollt, gehören wir zusammen, sind wir alle gleich!

Die andere Seite will da kaum jemand hören: Der Fußball kann auch trennende Wirkung haben. Überall haben Einwanderer eigene Fußballvereine gegründet, die dann unter FC Bosna, SK Srbija oder Ataspor eine Art Ersatzheimat darstellen, wo man gerne unter sich bleibt. Und wann gibt es eine solche nationale Aufwallung wie während einer WM? Plötzlich singen alle Hymnen und schwenken Flaggen. Nationalisten nutzen das für Gewaltausbrüche, bei der EM 2016 in Frankreich nahm eine Horde Russen englische Fangruppen auseinander und Marseille gleich mit. Auch deutsche Hooligans waren unterwegs, wenngleich längst nicht so viele wie noch in den neunziger Jahren.

Für Löw ist die Affäre um Gündoğan und Özil ein Problem. Nicht mehr lange, und die ganze Nation wird auf ihn und seine Mannschaft starren. Seit 2004, unter den Trainern Klinsmann und Löw, war es der Nationalmannschaft immer wichtig, nicht nur gut Fußball zu spielen, sondern auch Deutschland bestmöglich zu repräsentieren. Die Außenwirkung ist dem DFB extrem wichtig, denn auch sie ist ein Imagefaktor. Eine Debatte, ob türkischstämmige Spieler noch das deutsche Trikot tragen dürfen, wenn die sich fröhlich mit dem Autokraten Erdoğan ablichten lassen, kommt da äußerst ungelegen.

© SZ/sks

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