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EM 2021:Schmeichelhaft gegen Goran den Großen

David Alaba (Mitte) lieferte mit seiner Vorlage zum 2:1 den entscheidenden Impuls zum Sieg.

(Foto: Daniel Mihailescu/AFP)

Mit 3:1 gewinnt Österreich dank einer perfekten Flanke von David Alaba gegen Nordmazedonien. Der Außenseiter hält beherzt dagegen - wieder trifft Veteran Goran Pandev.

Von Javier Cáceres, Bukarest

Ein Trio mit Bundesliga-Erfahrung hat Österreichs Nationalmannschaft ihren ersten Sieg bei einer EM-Endrunde beschert. In der Nationalarena von Bukarest kam das Team von Trainer Franco Foda zu einem deutlichen, aber angesichts der Qualität des Vortrags überaus schmeichelhaften 3:1-Sieg gegen den tapferen Turnierdebütanten aus Nordmazedonien. Die Tore für die Österreicher erzielten die Bundesligaprofis Stefan Lainer (Mönchengladbach), Michael Gregoritsch (FC Augsburg) und der ehemalige Bremer Marko Arnautovic (89.). Held der Nordmazedonier war wieder Veteran Goran Pandev, 37, der den zwischenzeitlichen Ausgleich erzielte.

Schon vorab stand fest: Unabhängig vom Ausgang würde die Partie für eine Mannschaft ein Spiel von historischer Bedeutung werden. Für Nordmazedonien. Mit der bloßen, erstmaligen Qualifikation für die EM hatten sie ihr junges Land gewissermaßen auf dem Mappa Mundi verewigt. Welche Begeisterung das ausgelöst hat, war schon am Vortag zu sehen gewesen, die gelbe Sonne auf rotem Grund war an allen Ecken der Stadt zu sehen. Beim Aufwärmen war klar: Der Augenschein trog nicht. Die Nordmazedonier waren in der Nationalarena von Bukarest in eklatanter Überzahl, sie pfiffen die Österreicher nach Leibeskräften aus, als diese den Platz zum Aufwärmen betraten. Auch ein orthodoxer Priester hatte sich auf die Reise in die rumänische Hauptstadt gemacht. Und wenn er seine Landsleute bei ihrem Turnierdebüt nicht umarmte, so segnete er sie.

Gemessen an den jüngsten Erfolgen der Nordmazedonier wäre ein derartiger Appell an übernatürliche Kräfte gar nicht nötig gewesen. Im März sorgte Nordmazedonien bekanntlich für Aufsehen, mit einem Sieg gegen die Auswahl von Bundestrainer Joachim Löw in der WM-Qualifikation. Unter den Torschützen damals: Goran Pandev, eine Art moderner Gründungsvater der Nation. Der Mann, von dem Trainer Igor Angelovski einst sagte: "Man kann Alexander den Großen infrage stellen, aber nicht Goran den Großen."

Die Partie, sie begann mit einem Donnerschlag. Wie am Vortag gab es ein Unwetter in Bukarest, von dem im Stadion allerdings nur die Ausläufer zu spüren waren. Was aber von der ersten Minute zu spüren war: Es gingen zwei Teams mit unterschiedlichen mentalen Voraussetzungen zu Werke. Hier die Österreicher, die nachgerade unterkühlt wirkten. Dort die Mazedonier, denen kein Weg zu weit, keine Anstrengung zu absurd, keine Härte hinreichend war, und die mit einer guten Organisation eklatante individuelle Schwächen übertünchten, so lange die Kräfte es zuließen. Außer bei der ersten Chance der Österreicher - die Stefan Lainer sofort zur Führung nutzen konnte. Eine präzise Flanke von Leipzigs Marcel Sabitzer von der linken Seite schoss Lainer aus spitzem Winkel und aus kurzer Distanz überlegt gegen die Laufrichtung des Torwarts ins lange Eck (18.).

Mit dem Tor kühlte die Temperatur der Partie ab. Das schien den Österreichern in die Karten zu spielen. Aber: Eine neuerliche gute Hereingabe konnte Stuttgarts Sasa Kalajdzic nicht verwerten. Dann kam der Slapstick-Auftritt der Österreicher: Hinteregger schoss Sabitzer in den Rücken, der Ball rollte gen Strafraum, dem herausgestürzten Torwart Daniel Bachmann fiel der Ball aus den Armen, und weil er überdies die Orientierung verlor, bekam er gerade so eben mit, dass Pandev noch größer wurde: Der alte Mann legte sich den Ball zurecht - und schob ihn am verzweifelten David Alaba ins Tor.

Ein Plan der Österreicher war lange kaum zu erkennen

Die zweite Halbzeit war Nahkampf pur, mit klaren Vorteilen für die Nordmazedonier. Chancen? Nahezu Fehlanzeige. Dafür verstand man besser, warum Trainer Franco Foda in Österreich dauerkritisiert wird. Man musste schon viel guten Willen mitbringen, um seiner Mannschaft einen strukturierten Plan zu unterstellen; phasenweise wirkte es, als sei der Inhalt von Überraschungseiern einfacher zu prognostizieren als die Passfolge der Österreicher. Die Formation mit Alaba als zentralem Punkt in einer Fünferkette wählte Foda zum ersten Mal - ausgerechnet zum EM-Start. "Wir haben heute erst von der Aufstellung erfahren", sagte Linksverteidiger Andreas Ulmer nach dem Spiel. Einstudiert wirkte dementsprechend wenig. Nach einem verletzungsbedingten Wechsel zur Pause brachte Foda dann jedoch die späteren Matchwinner Arnautovic und Gregoritsch, der sich gleich gut einführte: mit einem Kopfball, den Torwart Stole Dimitrievski famos parierte.

In der 78. Minute aber war er geschlagen: Im Lichte der zunehmend chaotischen Verhältnisse hatte sich Ex-Bayern-Profi David Alaba immer häufiger in die Angriffe eingeschaltet und schließlich mit links perfekt auf Gregoritsch geflankt. Der Augsburger spitzelte den Ball ins Netz (78.). In der 89. Minute durfte dann auch noch Arnautovic treffen: Nach einem Fehler im Aufbauspiel landete der Ball beim heutigen China-Legionär. Er umkurvte den Keeper und schob zum 3:1-Endstand ein. Mitten hinein in die österreichische Freude über den ersten EM-Sieg fasste Konrad Laimer das Spiel jedoch im Nachhinein nüchtern, wenngleich treffend zusammen: "Dass es sicher noch Potential nach oben gibt, ist auch klar."

© SZ/cca/schm
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