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EM 2021:Sterling bricht den Fluch

Raheem Sterling erzielte das Auftakttor der Engländer.

(Foto: Justin Tallis/AP)

Bei der zehnten EM-Teilnahme gewinnt die englische Nationalmannschaft zum ersten Mal ein Eröffnungsspiel - und das verdient. Trainer Southgate geht mit seiner Aufstellung ins Risiko und liegt damit richtig.

Von Sven Haist, London

Die blauen Absperrplanen auf den Tribünen hinter dem Tor waren auf einmal Makulatur. Die Londoner Stadionbetreiber hatten sie ausgelegt, um zu verhindern, dass die Zuschauer den Spielern zu nahe kommen können. Doch in ihrer Euphorie kannten die englischen Fans im Wembley keine Grenzen mehr, sie sprangen auf die Blockaden, um ihrem Torschützen Raheem Sterling noch ein wenig näher zu sein. Nach einem feinen Steckpass des Spielgestalters Kalvin Philipps überwand Sterling mit seinem erlösenden Siegtreffer in der 57. Minute den kroatischen Torwart Dominik Livaković - und damit auch den lang anhaltenden englischen Fluch, bei neun EM-Teilnahmen bisher kein einziges Auftaktspiel gewonnen zu haben.

Mit einem verdienten 1:0 (0:0) startete der Mitfavorit England am Sonntag überzeugend ins Turnier, das Team könnte nun schon am Freitag im brisanten Aufeinandertreffen mit Schottland ("Battle of Britain") ins Achtelfinale einziehen. An der Seitenlinie jubelte Englands Nationaltrainer Gareth Southgate nach dem Tor fast ekstatisch. Die Erleichterung war ihm anzusehen, nachdem er zuvor ein großes Wagnis in der Aufstellung eingegangen war.

Ein paar Stunden vor Anpfiff servierten die Inselmedien anstelle eines zünftigen English Breakfast mit Würsten, Speck und Bohnen eine mutmaßlich geleakte Aufstellung, die sich für die meisten englischen Experten zunächst als schwer verdaulich erwies: Statt des formstarken Jack Grealish vertraute Southgate dem eher formschwachen Sterling die Position auf der linken Angriffsseite an - und lag damit im Nachhinein goldrichtig. Für Sterling war es bereits die 19. Torbeteiligung (13 Treffer, sechs Vorlangen) während seiner jüngsten 17 Einsätze für England.

Machte diesmal auch ohne sein Markenzeichen, die Weste, eine gute Figur: Englands Trainer Gareth Southgate.

(Foto: Justin Tallis/AP)

Für weiteren Wirbel hatte kurzzeitig auch die Berufung des soliden Rechtsverteidigers Kieran Trippier auf der linken Abwehrseite gesorgt, für den die etatmäßigen Außenbeauftragten Ben Chilwell und Luke Shaw weichen mussten. Chilwell schaffte es, ebenso wie Dortmunds gehypter Außenstürmer Jadon Sancho und der verletzte Abwehrchef Harry Maguire, nicht einmal ins Tagesaufgebot.

Bei der Neuauflage des WM-Halbfinales von 2018 (das der mittlerweile zurückgetretene Stürmer Mario Mandžukić für Kroatien in der Verlängerung mit seinem Siegtor zum 2:1 entschieden hatte) wollte England nach kurzer Eröffnungszeremonie und feinen Genesungswünschen an den tags zuvor auf dem Platz kollabierten Dänen Christian Eriksen keine Zeit verlieren. Unbekümmert und erfrischend starteten die Three Lions ins Duell mit dem überlegt agierenden WM-Zweiten: Nach sechs Minuten schlenzte Phil Foden den Ball bereits an den Pfosten. Mit dem jugendlichen Elan war es allerdings nach der Anfangsphase schon wieder dahin. Die Engländer schienen den Strapazen der prallen Mittagssonne Tribut zollen zu müssen. Die unüblich heißen Temperaturen auf der Insel eigneten sich mehr für einen Strandtag an der Mittelmeerküste als für ein Fußballspiel. Mitte der ersten Halbzeit kam Southgate sogar selbst ins Schwitzen und entledigte sich seines blauen Edelsakkos.

Mit zunehmender Spieldauer gelang es den Kroaten, die Begegnung zu verlangsamen, sie drängten der Partie ihren eigenen Rhythmus auf - ohne jedoch zu Torchancen zu kommen, weil dem Team des Nationaltrainers Zlatko Dalić ein klassischer Stoßstürmer weiterhin fehlt. Den besitzt England zwar nominell in Harry Kane (Tottenham), bloß kam kaum ein Angriff in der ersten Halbzeit bis zu ihm durch. Zur Pause hatte der Kapitän die wenigsten Ballkontakte auf dem Platz.

In der zweiten Halbzeit holte sich England dann sukzessive die Kontrolle zurück und spielte mit Nachdruck aufs gegnerische Tor, bis das überfällige 1:0 gelang. Die Vorfreude der Fans ging nun über in den Glauben, der eigenen Mannschaft bei diesem Turnier endlich wieder zutrauen zu können, am 11. Juli, erneut im Wembley auflaufen zu können - zum EM-Finale.

Schon vor dem Anpfiff kamen die Erinnerungen an die Heim-EM 1996 auf, als das sogenannte Mutterland des Fußballs im Halbfinale tragisch im Elfmeterschießen an Deutschland gescheitert war. Die meisten der 22 500 zugelassenen Zuschauer stimmten sich auf dem Wembley Way mit der Turnierhymne von damals - "Football's coming home" - auf die bevorstehenden acht Turnierspiele in London ein.

"55 Years of Hurt", 55 Jahre Schmerz, sind es inzwischen, seit England bei der WM 1966 auf heimischem Boden den einzigen Titel seiner Fußballhistorie gewann. Der Schmerz begleitet England zu jedem Großereignis wie die Erwartung der Landsleute, die das Team immer als Titelanwärter einstufen - dieses Jahr zu Recht, im Gegensatz zur EM vor fünf Jahren. Damals blamierte sich England legendär beim 1:2 im Achtelfinale gegen Island. Die Financial Times analysierte, dass die durchschnittlichen Spielminuten aller Kaderspieler in der Premier und Champions League in der abgelaufenen Saison so hoch lagen wie nur 2004, als die "Golden Generation" um Glamourspieler David Beckham im EM-Viertelfinale unglücklich an Portugal scheiterte.

Die gesammelte Erfahrung des drittjüngsten EM-Aufgebots zeigte sich in der Schlussphase. England verteidigte das 1:0 in vier Minuten Nachspielzeit ähnlich souverän ins Ziel, wie die Kroaten es im WM-Halbfinale 2018 taten.

Ein Fan stürzt im Wembleystadion vor der Tribüne - sein Zustand ist kritisch

Überschattet wurde der Auftaktsieg von der offenbar schweren Verletzung eines Fans. Wie die Uefa und die Betreiber des Wembley-Stadions bestätigten, ist ein Fan unmittelbar nach dem Anpfiff der Partie von einer Tribüne in einen tiefer liegenden Rang gestürzt, zunächst in der Arena medizinisch versorgt und dann in kritischem Zustand in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Weitere Informationen wolle man zum "geeigneten Zeitpunkt" veröffentlichen, teilte die Uefa mit. Von Seiten der Wembley-Verantwortlichen hieß es, man werde den Zwischenfall intensiv untersuchen und aufklären. Angaben zu Zustand, Alter und Geschlecht des verunglückten Fans gab es zunächst nicht. Das Stadion war zu knapp einem Viertel besetzt worden.

© SZ/schm
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