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Österreich:König oder Bettler - Alabas Ansehen wankt

Portugal v Austria - EURO 2016 - Group F

Österreichs Wunderfußballer David Alaba kommt bei der Europameisterschaft in Frankreich noch nicht richtig in Form.

(Foto: REUTERS)

Österreich demontiert seine offensivschwachen Kicker - vor allem an David Alabas Form entzündet sich die Debatte.

Marcel Koller sah grau aus. Sehr grau. Unter seinen Augen lagen tiefe Schatten, er wirkte eingefallen, erschöpft. Wie jemand, der im südfranzösischen Ort Mallemort eine Woche lang im fensterlosen Keller des Rathauses die Gemeindefinanzen geprüft hatte. Und so ähnlich klang es auch. "David hat in diesem Kader am meisten Spiele gemacht im letzten halben Jahr, er war über 2000 Minuten eingesetzt", rechnete Koller vor. Er sagte das mit der Aura eines Buchhalters und der Gewissheit, dass Zahlen nicht lügen.

Wer dem Trainer der österreichischen Nationalmannschaft am Tag nach dem 0:0 gegen Portugal seine Graumäusigkeit zum Vorwurf gemacht hätte, tat ihm indes Unrecht. Erst um 5.30 Uhr war die Delegation im Quartier Moulin de Vernegues ins Bett gekommen. Die Spieler sollten in Paris noch etwas essen, danach gab es am Flughafen Charles de Gaulle mitten in der Nacht eine Verzögerung beim Auftanken der Maschine. Dennoch sah sich Koller genötigt, nur Stunden später übermüdet die Fragen der Öffentlichkeit zu beantworten. Vor allem die Fragen nach David Alaba.

Ob er mit seinem Zahlenspiel die Debatte rund um den Profi des FC Bayern auch nur halbwegs versachlichen konnte, blieb ungewiss. Am Mittwoch muss im Stade de France gegen Island ein Sieg gelingen, um in der Vorrundengruppe F noch Chancen auf das Achtelfinale zu haben. Doch nun schwankt das Land zwischen Ärger und Besorgnis, weil sein bester Fußballer bislang so ungewohnt schwach spielt. Und weil Trainer Koller die Chuzpe hatte, den Goldjungen gegen Portugal nach einer guten Stunde vom Platz zu holen.

Alaba verzeiht man viel

Das katholische Österreich wandelt bei seinen Sportlern seit eh und je zwischen ungezügelter Heldenverehrung und giftiger Erniedrigung. König oder Bettler, dazwischen ist wenig. David Alaba stand da bislang durchgängig auf der Heldenseite, der Wiener Bub hat es hinaus geschafft in die große Fußballwelt, hat die Champions League gewonnen und gehört in München zu den bestbezahlten Profis.

Ihm verzeiht man sogar, dass er seine schwarzen Locken an den Enden orange gefärbt hat. Ein Alaba darf alles. Angeführt von dem bald 24-Jährigen schafften es die Österreicher in der Qualifikation auf Platz eins in der Gruppe, was viele Landsleute zu dem ernsthaften Glauben veranlasste, ihre Mannschaft sei in Frankreich eine Art Geheimfavorit. Die Vorrunde mit Ungarn, Portugal und Island schien nur eine Formalie zu sein. Von Verehrung zum Größenwahn ist es eben nur ein kleiner Schritt.