NHL-Sieger Vegas Golden Knights:"Sin City" ist nun "Win City"

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Mark Stone, dreifacher Torschütze im letzten Finalspiel der NHL, stemmt die Trophäe in die Höhe: Die Vegas Golden Knights holten den Stanley Cup. (Foto: Christian Petersen/Getty Images via AFP)

Die Vegas Golden Knights gewinnen den Stanley Cup im US-Eishockey - und schreiben eine Geschichte, die es nur in dieser Stadt geben kann. Dabei helfen auch Regeln im amerikanischen Sport, von denen der Verein rücksichtslos profitiert hat.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Was sie überhaupt nicht leiden können in Las Vegas: nicht zu wissen, wie es ausgehen wird. Klar, die Besucher sollen überrascht werden, mit Spektakel, bombastischen Shows, wilden Partys - deshalb haben sie das Motto der Stadt ja auch geändert vom doch sehr boomer-sexistischen "What happens in Vegas stays in Vegas" zu "What happens here only happens here": Was in Vegas passiert, das passiert nur hier. Eine andere Regel haben sie seit der Gründung dieser Stadt in der Mojave-Wüste vor 118 Jahren dagegen niemals geändert - und die weist ziemlich konkret darauf hin, dass sie Überraschungen hier eben nicht mögen: "The House always wins." Auf gut Deutsch: Am Ende, da gewinnt immer Vegas.

So gesehen war das, was am Dienstag ein paar Fußminuten vom legendären Strip passierte, eine typische Nacht in Vegas. Ja, die Florida Panthers hatten geglaubt, die Finalserie der nordamerikanischen Eishockeyliga NHL trotz 1:3-Rückstands noch drehen zu können, es war ihnen ja auch in der ersten Playoff-Runde gegen die Boston Bruins gelungen. Ein paar Panthers-Fans konnte man deshalb sehen in der Arena der Golden Knights, und die bekamen auch das, was Vegas ihnen versprochen hatte: Spektakel, Show. Am Ende gewannen dann aber doch die Vegas Golden Knights 9:3, ein Kantersieg, und danach begann eine der wildesten Partys, die diese Stadt, die wahrlich ein paar wilde Partys beheimatet hat, wohl je gefeiert hat. Denn diesmal ließen nicht Touristen die Sau raus, sondern alle jene, die hinter den Kulissen die Drecksarbeit erledigen, damit es immer so schön blitzt und blinkt.

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Kommentar von Jürgen Schmieder

Wer jemanden anrief, der seit 65 Jahren in Vegas lebt und eigenen Angaben zufolge die Schleichwege zum Mandalay Bay geteert, die Handtuchhalter in den Toiletten des Casinos im Bellagio installiert und die Teppiche im MGM Grand verlegt hat, hörte bei der Frage nach der Stimmung nur zwei Sätze. "Ich erzähl' dir jetzt mal was, junger Mann", sagt Don Puhto, 80 Jahre jung: "Ich habe Sinatra gehört, ich habe Elvis gesehen - aber das, was hier gerade auf dem Strip passiert, das habe ich noch nicht erlebt." Dann legt er auf. Keine Zeit mehr, Party!

Das war letztlich die große Frage beim Start dieser Eishockey-Franchise vor sechs Jahren: Kann das gutgehen, Profisport in dieser Stadt? Werden sich die Leute dafür interessieren? Und überhaupt: Eishockey in der Wüste, was soll das denn? Jetzt, nach dem 4:1 in der Best-of-seven-Serie, nach berauschenden Playoffs, in denen Vegas auch die Edmonton Oilers, den Klub des Deutschen Leon Draisaitl, rausgekegelt hatte, nach dem ersten Stanley-Cup-Sieg, da lässt sagen: "Sin City" ist nun wahrlich "Win City".

Letztlich waren die Regeln im US-Sport, diese wundersame Mischung aus Geldverdienen, Spektakel und Chancengleichheit durch Gehaltsobergrenzen und Talentbörse - aus Kapitalismus und Sozialismus also -, wie gemacht dafür, dass sich diese neue Franchise sofort wohl fühlte in Las Vegas. Und sofort erfolgreich sein konnte. Oder wie es Besitzer Bill Foley am Tag der Gründung formulierte: "Playoffs in drei Jahren, Stanley Cup in sechs."

Schon sechs Jahre nach der Gründung feiert der Klub aus Las Vegas den Triumph

Es war nämlich so: Die NHL hatte ihre Regeln bezüglich neuer Teams, die in den Markt kommen, geändert. Die anderen Vereine durften diverse ihrer Spieler für unantastbar erklären, aber nicht alle, sondern nur sieben Angreifer, drei Verteidiger und einen Torwart. Vereinfacht ausgedrückt konnte Vegas alle verpflichten, die andere nicht unbedingt behalten wollten - eine Ansammlung der Abgeschobenen also. Und was passt besser zu Vegas als das?

Die neue Franchise hatte also etwas, das kein anderer NHL-Klub hatte: keine bestehenden Verträge, einen Start bei Null im sehr strengen Gehaltsdeckel der Liga. Das bedeutete, dass Vegas mit anderen Vereinen verhandeln konnte, nach dem Motto: Wenn Ihr uns diesen Spieler sowie Wahlrecht bei der Talentbörse gebt, dürft ihr diesen Akteur behalten, den ihr nicht für unantastbar erklären konntet. Was passt mehr zu Vegas als schachern, zocken - und am Ende die anderen übertölpeln? The House always wins.

Wen Vegas bekam: Shea Theodore von den Anaheim Ducks, der in diesen Playoffs am zweitlängsten auf dem Eis gewesen ist. Williams Karlsson von den Columbus Blue Jackets, einen der besten Spieler dieser Saison - und Brayden McNabb von den Los Angeles Kings. Und dann gab es dieses Geschäft mit Finalgegner Florida Panthers, deren Manager Dale Tallon damals die alte Sportregel predigte, dass man mit guter Verteidigung Titel gewinne und die Defensivspieler Alex Petrovic und Mark Pysyk unbedingt halten wollte. Wen er dafür wortwörtlich in die Wüste schickte: Jonathan Marchessault, der in den Playoffs 13 Mal traf und in der Finalserie groß aufspielte. Und Reilly Smith, vierfacher Playoff-Torschütze, darunter am Dienstag das 4:1 im zweiten Spielabschnitt, nach dem klar war: Heute feiert nur ein Team, jenes aus Vegas.

Torwart-Legende Henrik Lundqvist, mittlerweile TV-Experte, sagte am Dienstag über das, was Vegas im Jahr 2017 getan hatte: "Sie waren vorbereitet, und sie waren rücksichtslos." Sie erreichten im ersten Jahr ihrer Existenz die Finalserie, verloren aber gegen die Washington Capitals.

Auf den ersten Erfolg und die damit verbundene Euphorie folgten die typischen Schwingungen, also auch das Tal der Enttäuschungen, die verpasste Playoff-Quali in der vergangenen Saison. Vegas holte in der Sommerpause Bruce Cassidy als neuen Trainer, und der sagte sogleich: "Ich weiß, dass das alles Jungs sind, die anderswo nicht mehr gewollt waren - so wie ich auch einer bin, der anderswo nicht mehr gewollt war." Die Boston Bruins hatten ihn eine Woche zuvor entlassen, und es sah in dieser Saison lange wie eine sehr gute Entscheidung aus: Die Bruins brachen den Rekord für die meisten Siege und die meisten Punkte in einer Saison. Nur: Sie schieden in der ersten Runde gegen die Panthers aus, und Cassidy gewann mit Vegas den Stanley Cup.

"Aus dem Nicht-Gewollt-Sein ist eine Verbindung entstanden - weil jeder in der Umkleide, inklusive Trainer, das erlebt hat und wusste, wie sich der Typ neben ihm fühlt", sagte Cassidy nun: "Und jeder hatte was zu beweisen: für diese Stadt, für dieses Team, für sich ganz persönlich." So materialisiert sich mit diesem Erfolg eine typische Vegas-Geschichte, und es dürfte nicht wenige Leute geben, die künftig ihre Erzählungen damit beginnen werden, dass sie einst Sinatra und Elvis live erlebt haben - und die neuen NHL-Meister.

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