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DFB-Gruppengegner Frankreich:Klein, nett, unerschrocken? Gestatten: N'Golo Kanté

"Er ist kein verrückter Tackler und kein Pitbull": Der leichtfüßige N'Golo Kanté (rechts, gegen Kevin De Bruyne) gilt vielen als Kandidat für den Ballon d'Or.

(Foto: Giuseppe Cacace/AFP)

Gefräßig wie ein Panther, elegant wie ein Seiltänzer: So schnell und wendig N'Golo Kanté auch ist, den Schwärmereien seiner Kollegen entkommt der französische Weltmeister nicht mehr.

Von Javier Cáceres

Es gibt nicht viele Fußballer, die Ergebenheit unter einem ganz besonderen Publikum auslösen: ihren eigenen Kameraden. Jedenfalls nicht die Form der Hingabe, die N'Golo Kanté provoziert. "Wenn man nur den Namen hört, wenn man ihn sieht, muss man schon lächeln", sagte dieser Tage der deutsche Nationalspieler Kai Havertz, der zusammen mit Kanté in Porto die Champions League gewann.

Man kann freilich auch Bilder von 2018 hervorholen, von den Feierlichkeiten des französischen Weltmeisterteams im Stade de France in Saint-Denis oder auch im Palais de l'Élysée, um ein ganzes Team zu sehen, das voller Zuneigung versucht, in Kanté einen Mann in den Mittelpunkt zu rücken, der unscheinbar und bescheiden ist. Sie feierten ihn, als seien sie seine größten Fans, und strichen ihm über den kahlen Schädel, als sie Lieder umdichteten: "N'Golo Kanté ... ooooooh, N'Golo Kanté/il est petit, il est gentil, il a bouffé/Leo Messi ...", sangen sie zur Melodie des berühmten Liedes "Les Champs-Elysées" von Joe Dassin. Klein, nett, unerschrocken? Gestatten: N'Golo Kanté.

"Bei jedem Klub, bei dem ich Trainer war, habe ich darum gekämpft, ihn zu holen", erzählte Tuchel vor wenigen Wochen, als der Triumph im Finale von Porto ansatzweise absehbar war. Längst galt Kanté als ein Spieler, der sich von Bällen und Kilometern ernährt. Tuchel schwärmte aber nicht nur von Kanté als einem "dieser Spieler, die sich selbst durch reine Performance auf dem Platz ausdrücken", sondern warnte auch davor, dem Irrtum zu erliegen, "die Qualität seiner Pässe, seines Dribblings und seines Spiels unter Druck zu unterschätzen".

Kanté wuchs unter schwierigsten Bedingungen auf

Jorge Valdano, argentinischer Weltmeister von 1986, porträtierte Kanté wie folgt: "Er hat den Laufstil eines Marathonläufers, die Solidarität eines Kommunisten, die Gefräßigkeit eines Panthers und - dass wir uns ja nicht irren - das Talent eines großartigen Fußballers." Der frühere Bayern-Profi Bixente Lizarazu adelte ihn am Dienstag als den derzeit weltbesten Mittelfeldspieler: "Er ist kein verrückter Tackler und kein Pitbull. Sein Stil ist viel geschmeidiger, aber genauso effektiv. Er verlässt sich auf sein Spielverständnis und seine Intuition. Ähnlich einem Judoka, der die Bewegungen seines Gegners nutzt, um ihn zu bezwingen. Kanté ist ein Seiltänzer, ein Ästhet", schrieb der Weltmeister von 1998 in der L'Équipe.

Von solchen Elogen konnte Kanté als Kind nicht einmal träumen, seine Biografie erinnert daran, dass es auch in den Metropolen der Ersten Welt eine Armut gibt, die einen aus ihren Klauen nur entlässt, wenn man kämpft. Zum Beispiel in Rueil-Malmaison in der Pariser Banlieue. Kantés Vater starb, als N'Golo dem Grundschulalter entwachsen war, und das bedeutete, dass er - anders als der Vater - Mülltonnen nicht leeren, sondern durchwühlen musste, um irgendetwas zu finden, was man bei Schrotthändlern in Geld ummünzen konnte. Und ja, er spielte Fußball. Gut genug, um in der Akademie des französischen Verbandes FFF in Clairefontaine ein Probetraining zu absolvieren. Er wurde abgewiesen - und versuchte es auf dem zweiten Bildungsweg.

Sein Statussymbol ist immer noch der gleiche Mini Cooper, den er schon seit Jahren fährt

Er biss sich aus der sechsten Liga hoch, wurde erst mit 23 zum echten Fußballprofi, in der dritten Liga für US Boulogne. Dort fiel er Spähern des Zweitligisten CM Caen auf. Zwei erstaunlich erfolgreiche Jahre danach, 2015, wechselte er für knapp acht Millionen Euro zum englischen Erstligisten Leicester City. Das war für sich genommen eine Sensation; mehr noch, dass er 2016 unter Claudio Ranieri englischer Meister wurde. Danach wechselte er zum FC Chelsea, geadelt durch ein Bonmot, das ihn begleitet wie ein gütiger Schatten: "Zwei Drittel der Erde sind von Wasser bedeckt. Den Rest deckt Kanté."

Er ist der wohl beste defensive Mittelfeldspieler Frankreichs seit Claude Makélélé, dem nobelsten Adjutanten, den ein gewisser Zinédine Zidane je hatte. So wie weiland Makélélé ist Kanté aber nicht nur ein formidabler Athlet, sie nennen ihn nicht umsonst Kantélélé. Kanté ist auch ein Spieler mit einem zenital anmutenden Blick aufs Spielfeld.

Kaum einer vermag es, Distanzen besser einzuschätzen als Kanté; es ist, als habe er ein GPS-System verschluckt. Er hat eine explosive Beschleunigung von 0 auf 100, er verfügt über eine beneidenswerte Schnelligkeit bei Drehungen, seine Wendigkeit ist formidabel. Und er ist auch im wahren Leben demütig: Sein Statussymbol ist immer noch der gleiche Mini Cooper, den er schon seit Jahren fährt.

Mittlerweile gilt er längst als Kandidat für den Ballon d'Or

"N'Golo ist imstande, auf allen Mittelfeldpositionen zu spielen", sagt Frankreichs Nationalcoach Didier Deschamps. "Er ist sehr gut in der Balleroberungsphase, er ist sehr gut in der Phase des Übergangs, und er ist imstande, sich vorn einzuschalten, um den Abschluss zu suchen", fügte Deschamps hinzu. Und Kanté selbst sagte, dass er "die Freiheit liebe, nach vorn zu gehen. Aber ich kann es auch genießen, wenn ich hinten bleibe".

Mittlerweile gilt er längst als Kandidat für den Ballon d'Or, den Titel für den weltbesten Kicker der Saison. Das ist nicht wenig für einen Spieler, der zu Saisonbeginn unter Frank Lampard noch gelitten hatte. Von Chelseas Trainerwechsel zu Thomas Tuchel profitierte Kanté wie kaum ein Zweiter. "Der neue Coach hat mir viele Schlüssel und mehr Freiheiten gegeben", sagte Kanté, "dadurch habe ich schöne Leistungen bieten und als Fußballer wachsen können."

Aber deswegen gleich Ballon d'Or? Gemach, sagt Kanté, dem Lobhudeleien unangenehm sind. "Er ist ganz klar einer der Kandidaten!", sagte dafür Chelsea- und Frankreich-Stürmer Olivier Giroud dieser Tage im Mannschaftsquartier der Franzosen, und wusste, dass er Kanté beschämt. "Désolé' NG'", entschuldigte sich Giroud, obschon er wusste, dass er nur eine Wahrheit ausgesprochen hatte.

© SZ/lib/Mp
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