Formel 1 in den USA:Das Pendel schwingt auf Verstappens Seite

Auto: Formula One - US Grand Prix, Grand Prix

"Das war aufregend": Max Verstappen (Mitte) verliert zwar den Start gegen Hamilton (links) - doch er dreht das Rennen in Austin und bringt seinen Red Bull am Ende mit knapp einer Sekunde Vorsprung ins Ziel.

(Foto: Jim Watson/AFP)

Der Niederländer gewinnt in Austin mit einer offensiven und riskanten Taktik, die nicht zuletzt dank seiner reifenschonenden Fahrweise aufgeht. Der Titelkampf gegen Hamilton könnte sich in den nächsten beiden Rennen entscheiden.

Von Anna Dreher

Ausgerechnet jetzt drohte Max Verstappen im Verkehr festzustecken, ein kleiner Stau zeichnete sich vor ihm ab, und das konnte er in diesem Moment nicht gebrauchen. Erst war Yuki Tsunoda vor ihm, dann auch noch Mick Schumacher im langsamen Haas. Und was wäre das für eine Pointe beim Großen Preis der USA gewesen, wenn dieses Formel-1-Rennen auf den letzten Metern so entschieden worden wäre: Den Sieg verloren, weil die bereits Überrundeten im Weg waren. Im Motorsport ist alles denkbar, aber diese Wendung sah die Dramaturgie des 17. Laufs dieser Saison dann doch nicht vor. Und es war Verstappens großes Glück, dass die Zielflagge in Austin nach 56 und nicht nach 57 oder 58 Runden geschwenkt wird.

Der Niederländer war am Sonntag erst Jäger, dann vor allem Gejagter und sein Verfolger einer der unangenehmeren Sorte, ausgestattet mit herausragendem Können, enormem Erfolgshunger, einem starken Auto und einem äußerst fähigen Team. Dieses Rennen war wie ein Katz-und-Maus-Spiel der Führenden, in dessen Schlussphase Lewis Hamilton immer näher herankam, bis er nur noch etwa eine Sekunde Abstand zwischen die beiden Boliden gebracht hatte. Als der Mercedes des siebenmaligen Weltmeisters im Rückspiegel von Verstappen auftauchte, war nur noch eine Runde zu fahren.

In den Schlussszenen spiegelt sich wider, wie eng der Titelkampf ausgefochten wird

"Das war aufregend. Das ganze Rennen über war der Druck hoch, weil ich nicht wusste, wie schnell Lewis mich erwischen würde", sagte der 24-Jährige. Nun, Hamilton sollte ihn gar nicht mehr erwischen. Verstappen konnte den Minivorsprung halten, der Brite rauschte 1,3 Sekunden nach ihm über die Ziellinie, Dritter wurde Sergio Perez im Red Bull. "Ich weiß nicht, was wir hätten anders machen können", gestand Hamilton ein. "Ich habe getan, was ich konnte mit dem, was wir hatten."

Dass sich der Grand Prix auf dem Circuit of the Americas auf ein derartig aufregendes Ende zuspitzte, hatte mit dem Start zu tun. Und auch damit, dass beide Piloten herausragend gefahren waren und mit zwei unterschiedlichen Taktiken ein solch enges Finish provozierten. In diesen Szenen spiegelte sich wider, wie eng der Kampf um den WM-Titel zwischen den beiden ausgefochten wird, wie spannend und aufgeladen das Duell ist.

Hamilton und Mercedes waren als Favoriten angereist. Seit 2014 hatte sich der Rennstall hier stets die Pole Position geholt, von den nun in Austin gefahrenen neun Grand Prix hat der 36-Jährige fünf gewonnen. 2020 sicherte er sich hier seinen sechsten WM-Titel. Überraschenderweise gelang nun Verstappen die beste Qualifikationszeit, doch dieser Vorteil währte nur kurz.

Am Sonntag hatte er die Spitze schon nach wenigen Metern an Hamilton verloren, der sich in der ersten stark ansteigenden Linkskurve durchsetzte. Wäre ihm das nicht gelungen, hätte Verstappen mit seinem Geschwindigkeitsvorteil auf den zunächst aufmontierten Medium-Reifen wohl einen halbwegs ruhigen Start-Ziel-Sieg mitgenommen. So aber begann das große Taktieren, die Suche nach der besten Strategie und das Haushalten mit den Gummis auf dem heißen Asphalt von Texas.

Start, 33 Max Verstappen (NED, Red Bull Racing), 44 Lewis Hamilton (GBR, Mercedes-AMG Petronas F1 Team), F1 Grand Prix

Max Verstappen (vorne) und Weltmeister Lewis Hamilton liefern sich diese Saison verlässlich enge Duelle - auf der Strecke und in der WM-Wertung.

(Foto: HochZwei/Imago)

Red Bull musste reagieren und rief Verstappen in der zehnten Runde an die Box. "Mit dem ersten Stopp waren wir sehr aggressiv", sagte Verstappen über die Offensive seines Teams, die ihn vor Hamilton zurück auf die Strecke brachte - der sogenannte Undercut war gelungen. Der Brite konnte sich nach seinem eigenen Stopp kurz darauf nicht vor Verstappen einordnen, doch dessen Reifen nutzten sich bald ab, sodass er sie nach 30 Durchgängen erneut wechselte. Nun lag Hamilton vorne. Er würde zwar auch noch an die Box müssen, hatte dann aber den Vorteil der frischeren Reifen hintenraus sicher. Darauf setzte Mercedes und ließ ihn länger draußen.

Erst in der 38. Runde bog er ab, lag dann 8,8 Sekunden hinter dem Red Bull. Hamilton hat schon bewiesen, dass er solche Rückstände aufholen kann. Auch dieses Mal kam er extrem nah ran. Aber Verstappen war mit seinem dritten Satz Pneus schonend umgegangen, lenkte das an diesem Wochenende schnellere Auto, ihm unterlief kein Fehler - und dann sah er die Zielflagge. "Wir haben das ganze Rennen gezittert. Wie Max die Reifen kontrolliert hat, war unglaublich", sagte Red Bulls Motorsportberater Helmut Marko bei Sky.

Noch stehen fünf Termine aus, bei denen jeweils maximal 26 Punkte pro Fahrer ergattert werden können. Verstappen liegt mit 287,5 Punkten zwölf Zähler vor Hamilton. Es ist also längst nichts entschieden in dieser Saison, in der Verstappen erstmals und Hamilton mit dann acht Titeln zum Rekord-Weltmeister werden kann. "Die Chancen sind absolut intakt, es ist alles offen. Es kann sich alles noch ändern und in einem Rennen entscheiden, wenn einer stehen bleibt", sagte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff.

"Ich habe immer gesagt, dass wir dieses Jahr zehn Rennen gewinnen sollten, um die WM zu holen", meinte Marko und rechnete vor: "Also fehlen noch zwei." Die Gesamtführung hat in dieser Saison schon diverse Male gewechselt. Nun ist das Pendel weiter auf die Seite von Verstappen geschwungen. Ob es dabei bleibt? Bevor es in den Nahen Osten geht, stehen als Nächstes Reisen nach Mexiko und Brasilien an, Strecken, die Red Bull in der Vergangenheit gut lagen. "Es wird hart", blickte Hamilton auf diese Aufgaben. Aber andererseits hat sich in Austin ja auch gezeigt, dass aus solchen Statistiken nicht zu viel abgeleitet werden sollte.

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