Niederlage in der Champions League:Tiefpunkt in Klopps Liverpool-Ära

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Niederlage in der Champions League: In Neapel schickt Liverpool-Trainer Jürgen Klopp keine Jubelgesten an die mitgereisten Fans, sondern Zeichen der Entschuldigung.

In Neapel schickt Liverpool-Trainer Jürgen Klopp keine Jubelgesten an die mitgereisten Fans, sondern Zeichen der Entschuldigung.

(Foto: Francesco Pecoraro/Getty)

Der Vorjahresfinalist lässt beim 1:4 in Neapel all seine charakteristischen Tugenden vermissen. Jürgen Klopp sagt, es sei Zeit, sich "neu zu erfinden".

Von Felix Haselsteiner

Auf dem Weg in die Kurve der mitgereisten Liverpool-Fans hob Jürgen Klopp die Hände. Die Anhänger der Reds und der deutsche Trainer haben in den vergangenen sieben Jahren ein enges Verhältnis entwickelt, es manifestierte sich Saison für Saison in beeindruckenden Jubelszenen: Klopp vor der Kurve mit dem Champions-League-Pokal, mit erhobener Faust, insbesondere mit der lang ersehnten Premier-League-Trophäe. Im Stadio Diego Armando Maradona allerdings hob Klopp am Mittwochabend seine Hände nicht zum Applaus, sondern zu einer Entschuldigung - für einen Tiefpunkt seiner Liverpool-Ära.

1:4 verlor der FC Liverpool beim SSC Neapel, und angesichts der katastrophalen ersten Halbzeit war das noch ein humanes Resultat, das durchaus hätte höher ausfallen können. Klopp wurde häufig wohlwollend mit den Legenden aus Anfield verglichen, diesmal bot sich auch ein - notgedrungen schmerzhafter - Blick in die Vergangenheit an: Seit einem 1:5 gegen Ajax Amsterdam im Dezember 1966 hat Liverpool keine Partie im Europapokal so deutlich verloren.

"Es hat sich angefühlt, als wären sie ein Mann mehr", sagte Verteidiger Andy Robertson. Neapel sei "by miles", um Meilen das bessere Team gewesen. Ein ums andere Mal durften die Italiener mit viel Tempo auf die Liverpooler Viererkette zulaufen, hinzu kamen haarsträubende individuelle Fehler. James Milner verursachte mit einem Handspiel in der fünften Minute einen Elfmeter, den Piotr Zielinski zur Führung verwandelte. Vor dem zweiten Gegentreffer in der 31. Minute ließ sich Innenverteidiger Joe Gomez im Spielaufbau von Napolis Offensive den Ball abluchsen, vor dem 3:0 (44. Minute) ließ er sich von Khvicha Kvaratskhelia ausspielen. Torwart Alisson hielt darüber hinaus noch einen Elfmeter.

Den FC Liverpool beschäftigen viele Themen

Gomez wurde in der Halbzeit dann ausgewechselt, doch es half wenig: Bereits in der 47. Minute entschied Zielinski die Partie mit seinem zweiten Treffer. Das Tor von Luis Diaz kurz darauf blieb eine Randnotiz, weil Liverpool sichtlich die Spannkraft fehlte, um eine Aufholjagd zu starten.

In Neapel wurde deutlich, wie viele Themen den LFC zum Saisonstart wirklich beschäftigen. Neun Punkte aus den ersten sechs Ligabegegnungen ergeben die schwächste Startbilanz seit Klopps Antritt - auch wenn Erträge wie das 9:0 gegen Bournemouth vor zwei Wochen noch die Hoffnung geweckt hatten, dass es sich eher um gewöhnliche Startschwierigkeiten handelt. Neapel widerlegte diese Theorie nun endgültig. Klopps Konzept, dass alle auf dem Spielfeld für alles verantwortlich sind, scheiterte daran, dass einige nicht mitmachten. Zwischen Offensive und Defensive klaffte folglich eine Lücke, die Napoli immer wieder mit langen Bällen bespielte.

Das Mittelfeld sei "nicht verbunden" gewesen, bestätigte Klopp: "Es war das am wenigsten kompakte Spiel, das ich seit langer, langer Zeit gesehen habe." Es sei dringend notwendig, sich "neu zu erfinden", forderte er gar: "Wir müssen viel besser in so ziemlich allem werden. Wir arbeiten nicht als Team zusammen."

Das war eine beachtlich deutliche Analyse des Trainers, der an anderen Stellen in seiner Laufbahn gerne zahlreiche Begründungen für Niederlagen aufgezählt hat, um seine Mannschaft zu schützen. Diesmal kritisierte er seine Spieler und sich selbst deutlich, es dürfte ihm jedoch nicht nur um spieltaktische Elemente gehen. 103 Tage nach der Niederlage im Champions-League-Finale gegen Real Madrid wirkt es in manchen Momenten, als hätte Liverpools Mannschaft einen wichtigen Teil ihrer Identität verloren.

Niederlage in der Champions League: Intensität? Brachte zumindest Thiago nach seiner Einwechslung für Liverpool auf den Platz.

Intensität? Brachte zumindest Thiago nach seiner Einwechslung für Liverpool auf den Platz.

(Foto: Agostino Gemito/dpa)

"Our identity is intensity", unsere Identität ist Intensität, so lautet das Zitat von Klopps Co-Trainer Pep Lijnders, das in Anfield die Wand der Heimkabine ziert. Davon ist aktuell nur wenig zu spüren. Die Protagonisten sind außer Form und eher mit sich selbst beschäftigt, so wie Mohamed Salah, der in Neapel vor allem dadurch auffiel, dass ihm einfache Ballannahmen nicht gelangen. Oder sie bekommen fragwürdig wenig Einsatzzeit, wie Zugang Darwin Nunez, der im Wechsel mit dem ebenfalls blassen Roberto Firmino aufläuft und daher Probleme hat, seinen Rhythmus zu finden.

Thiago hebt Liverpools Niveau deutlich

Schwierigkeiten hat Liverpool auch deshalb, weil Klopp seine Mannschaft wegen diverser Krankenstände anpassen muss: Kapitän Jordan Henderson fehlt aktuell, genauso wie Naby Keita, Fabio Carvalho und der junge Curtis Jones. Hoffnung macht vor allem die Rückkehr von Thiago, der in Neapel in der zweiten Halbzeit für Milner aufs Feld kam - und es schaffte, das Liverpooler Mittelfeld für eine halbe Stunde nahezu auf das altbekannte Niveau zu heben. Innerhalb von 27 Minuten führte der Spanier so viele Zweikämpfe wie alle anderen defensiven Mittelfeldspieler und Innenverteidiger zusammen. "Bis Thiago auf dem Feld war, habe ich keine Gegenpressing-Situationen gesehen", sagte Klopp.

Thiago dürfte am Samstag gegen die Wolverhampton Wanderers in die Startelf zurückkehren, die Problematik der vielen Spiele jedoch wird Liverpool weiter beschäftigen. "Ich brauche Zeit, um darüber nachzudenken. Es ist meine Aufgabe, es herauszufinden", sagte Klopp. Eine Pause, um gezielt an der Identitätsfindung zu arbeiten, bleibt ihm inmitten des dichten Spielplans im Herbst nicht. Nächste Woche reist Ajax Amsterdam nach Anfield, nach einem 4:0 gegen die Glasgow Rangers als Tabellenführer der Gruppe A.

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