Leverkusen siegt spät:Ein Hauch von Meister-Dusel

Leverkusen siegt spät: Tor: Exequiel Palacios trifft zum Sieg in Augsburg, Jonas Hofmann (Mitte) und Jeremie Frimpong feiern mit ihm.

Tor: Exequiel Palacios trifft zum Sieg in Augsburg, Jonas Hofmann (Mitte) und Jeremie Frimpong feiern mit ihm.

(Foto: Sebastian Widmann/Getty Images)

In buchstäblich letzter Minute trifft Bayer Leverkusen zum Sieg in Augsburg und beendet die Hinrunde auf Platz eins. Trainer Xabi Alonso jubelt emotional - will aber weder von "Glück" noch von der "Herbstmeisterschaft" sprechen.

Von Maik Rosner, Augsburg

Als Xabi Alonso hinterher auf seinen ausgelassenen Jubel angesprochen wurde, schien dem Trainer von Bayer Leverkusen der spontane Gefühlsausbruch etwas unangenehm zu sein. Ja, es stimme schon, er sei "ein bisschen emotional gesprungen", sagte der 42 Jahre alte Spanier, aber das sei doch nicht der Rede wert, so war er zu verstehen. Damit untertrieb Alonso in höflicher Zurückhaltung. Tatsächlich hatte er nach dem Siegtor in der vierten Minute der Nachspielzeit ja einen solch imposanten Jubelsprung aufgeführt, als habe er das entscheidende Tor selbst erzielt.

Mit seiner großen Freude stand Alonso stellvertretend für die Gefühlswallungen aller Leverkusener nach dem Tor in letzter Minute durch Exequiel Palacios, der Alejandro Grimaldos Hereingabe von links mit rechts angenommen und in einer flüssigen Bewegung umgehend mit dem linken Vollspann ins Tor geschossen hatte. Eine Minute später stand der 1:0 (0:0)-Sieg beim FC Augsburg fest und damit auch der inoffizielle Titel des Hinrundenmeisters für Leverkusen.

Vier Punkte beträgt der Vorsprung nach 17 Spieltagen auf den Verfolger FC Bayern. Für die Münchner steht zwar noch das Nachholspiel gegen Union Berlin aus, doch auch mit einem Sieg käme die Mannschaft von Trainer Thomas Tuchel höchstens auf einen Punkt an Leverkusen heran. Was ihm der Hinrunden-Titel bedeute? "Es war nur ein Sieg", sagte Alonso. Natürlich genieße man den Moment nun kurz, aber "am Montag machen wir weiter für das nächste Spiel". Auch Simon Rolfes wehrte die Glückwünsche zur Hinrunden-Meisterschaft ab. "Ach, das ist nicht so wichtig, der Sieg ist wichtig. Das andere ist nur eine Momentaufnahme", sagte der Geschäftsführer Sport.

Es ist immerhin eine Momentaufnahme, die den Leverkusenern und ihrem Anhang ganz offensichtlich auch nach dem Schlusspfiff sehr viel Freude bereitete. Äußerst vergnügt hüpften die Spieler vor den eigenen Fans herum, nachdem Alonso jeden einzelnen Akteur abgeklatscht hatte. Die Leverkusener wissen natürlich, dass mit der Tabellenführung nach der Hälfte der Saison eine recht hohe Wahrscheinlichkeit einhergeht, auch nach 34 Spieltagen ganz oben zu stehen. In den vergangenen 60 Bundesligajahren war das 40 Mal der Fall. Leverkusen hat sich den Beinamen "Vizekusen" allerdings auch deshalb erworben, weil es nach seinen beiden vorherigen Herbstmeister-Titeln schon bewiesen hat, dass es auch ganz anders kommen kann. In der Saison 2001/02 wurde die Werkself nach dem Zwischentitel am Ende Zweiter, in der Spielzeit 2009/10 kam sie sogar nur als Vierter ins Ziel.

Vielleicht auch wegen dieser Erinnerungen wollen sie dem erreichten Etappenziel nicht so viel Bedeutung beimessen. Bestärkt fühlten sie sich aber durch die Art und Weise des Sieges, obwohl diesem wegen des sehr späten Tores auch ein Hauch von Bayer-Dusel anhaftete, wenn man so will. Andererseits hatte Alonsos Mannschaft zuvor reichlich Chancen ausgelassen. Der Trainer wollte von einer gnädigen Fügung kurz vor Schluss ohnehin nichts wissen. "Das Tor war kein Glück, sondern das Verdienst guter Arbeit", betonte Alonso.

"Ich glaube, das haben wir auch erzwungen", bestätigte Rolfes diese Sichtweise und verwies auf die Beharrlichkeit, den Willen und die Qualität von Alonsos Team. "Der Glaube daran, die Zielstrebigkeit zeichnet die Mannschaft auch aus", befand Rolfes. Ob dieser späte Sieg ein Zeichen an den FC Bayern gewesen sei? "Nein, das interessiert mich überhaupt nicht", antwortete Rolfes.

Leverkusen fehlen gleich vier Stammkräfte

Schon eher von Belang ist für die Leverkusener, dass sie ihre Erfolgsserie auf inzwischen 26 Pflichtspiele ohne Niederlage ausgebaut haben. Und ebenfalls, dass sie das ohne den verletzten Torjäger Victor Boniface sowie ohne Edmond Tapsoba, Odilon Kossounou und Amine Adli geschafft hatten, die beim Afrika-Cup weilen. Neben dem fehlenden Quartett hatte Alonso in der Startelf sogar freiwillig auf seinen Abwehrchef Jonathan Tah wegen einer drohenden Gelbsperre und auf den erkälteten Stammspieler Florian Wirtz verzichtet. Das trug womöglich dazu bei, dass sich in Augsburg ein Spiel entwickelte, das trotz Leverkusens hohen Ballbesitzwerten phasenweise Züge eines offenen Schlagabtausches trug.

Am Ende aber rang Leverkusen den sehr widerspenstigen Kontrahenten aus Augsburg auch deshalb nieder, weil Alonsos Mannschaft bis zum Schluss ebenso unnachgiebig darauf hingearbeitet hatte. "Die Mentalität können wir gerne beibehalten. Man hat gespürt, dass wir gewinnen wollten", sagte Lukas Hradecky. Ein bisschen Glück sei schon dabei gewesen, räumte der Torwart ein. Doch ihm gefiel der Hauch jenes Dusels, der Meisterschaften entscheiden kann. Hradecky sagte: "Solche Siege schmecken natürlich viel besser als ein 3:0 oder 4:0."

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