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Fairplay von Marcelo Bielsa:Die große Geste von El Loco

Championship - Leeds United v Aston Villa

Marcelo Bielsa tat das Richtige - da waren sich alle einig in Leeds.

(Foto: Ed Sykes/Action Images)
  • Nachdem seine Mannschaft einen zweifelhaften Vorteil nutzte, weist Leeds Uniteds Trainer Marcelo Bielsa sein Team zum Ende der englischen Zweitliga-Saison an, ein Gegentor ohne Gegenwehr zu kassieren.
  • Das Spiel gegen Aston Villa endet daher 1:1, womit Leeds rechnerisch nicht mehr direkt aufsteigen kann.
  • Der Zuspruch für Bielsa ist immens und zeigt, wie groß die Sehnsucht nach Sportsgeist im Fußballgeschäft ist.

Pontus Jansson verteidigte noch, er stocherte am eigenen Strafraum nach dem Ball, dieser aus seiner Sicht obskuren Szenerie wollte sich der Abwehrspieler nicht einfach so hingeben. Während alle Spieler des englischen Zweitligisten Leeds United im Heimspiel gegen Aston Villa am Sonntag reglos da standen und Villas Albert Adomah mit dem Ball am Fuß vorbeilaufen ließen. Da auch Torwart Kiko Casilla zu den Reglosen gehörte, traf Adomah zum 1:1 - eines der kuriosesten Tore der jüngeren Fußballgeschichte.

Der einzige Leeds-Spieler, der darüber stinksauer war, war Jansson. Der überwiegende Rest der Welt feierte das Stillhalten kurz nach dem eigenen Tor in der Elland Road als große Fair-Play-Geste des Trainers Marcelo Bielsa. Der hatte seine Kicker angewiesen: "Gebt das Tor!" Mehrmals schrie er seinen Spielern diese Worte zu, bis alle (bis auf Jansson) gewährten. Die Zuschauer begleiteten Adomahs Sololauf mit Pfiffen.

"Die ganze Welt sollte sich das anschauen", sagt Arsène Wenger

Vorausgegangen war dem Treffer eine unsportliche Aktion von United: Villa-Profi Jonathan Kodjia lag nach einem Foul verletzt am Boden. Statt wie, den Bildern nach zu urteilen, erst angedeutet, das Spiel zu unterbrechen, spielte Leeds weiter und schoss das 1:0 durch Mateusz Klich. Es folgten wütende Proteste der Villa-Profis, Handgreiflichkeiten und eine rote Karte für Villa. Nach dem Treffer endete auch das Spiel 1:1, womit klar ist: Der Tabellendritte Leeds kann einen Spieltag vor dem Ende auch rechnerisch nicht mehr direkt aufsteigen - und muss in die Playoffs. Der frühere Arsenal-Trainer Arsène Wenger dankte Bielsa. "Sie spielen um die Premier League und es geht da um etwas", sagte Wenger beim Sender Bein Sports. "Die ganze Welt sollte sich das anschauen."

Dass dieses Tor Leeds allerdings nun den Aufstieg kostete, ist jedoch verkürzt dargestellt. Leeds wäre auch mit einem Sieg nicht aufgestiegen - bei einem um dann zwölf Tore schlechteren Verhältnis und drei Punkten Rückstand vor dem letzten Spiel als der Zweite Sheffield.

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Trotzdem bleibt das Tor ohne Gegenwehr eine der eindrücklichsten Szenen dieser Zeit im Fußball. Und sie passt daher besonders zum Leeds-Trainer, der in Südamerika eine Legende ist, sich in Europa jedoch nicht gar so leicht mit dem Coachen tut. Er fordert seine Teams, mit unbändiger Akribie coacht er sie nach oben. Auch nach knapp einem Jahr als Leeds-Coach spricht Bielsa kein Wort Englisch, sondern arbeitet mit einem Übersetzer. "El Loco", der Verrückte, wird der Argentinier daher auf seinem Heimatkontinent genannt. Jetzt weiß auch Jansson, wieso. Bereits als Bielsa ihm die Anweisung gab, lieber nicht zu verteidigen, schrie er ihm sein Unverständnis wie im Furor entgegen. "Der englische Fußball ist weltweit bekannt für seine Fairness", erklärte Bielsa übrigens in all der Aufregung nach dem Spiel, kurz und knapp. Erwarte Unerwartetes - das trifft im Fußball auf wenige so zu wie auf Bielsa.

Die Sehnsucht nach Szenen vom Hinterhof-Kick ist groß

Aston Villas Coach Dean Smith lobte. "Ich habe ihm geraten, dass es richtig wäre, das zu tun, und er hat zugestimmt. Am Ende haben sich alle die Hände geschüttelt, weil die Sportlichkeit sich durchgesetzt hat." Das beschreibt, wie groß die Sehnsucht im mittlerweile so harten und durchkalkulierten Fußballgeschäft nach freundschaftlichen, sportlichen, ein Stück weit auch einfachen Gesten ist, wie man sie schon von kleinauf beim Kicken im Hinterhof lernt, aber dann doch vergisst auf seinem Lebensweg. "Bielsa tut dem Spiel einen großen Gefallen", schrieb die Zeitung The Times, der Argentinier bringe "Vernunft ins englische Tollhaus". Solche Zeilen hätten "dem Verrückten" in Südamerika wohl auch nicht alle zugetraut.

Fußball soll eben nicht nur Business sein, sondern auch Sport. Und gerade weil es mittlerweile nur mehr wenige solcher Szenen gibt, loben alle Bielsa. Besonders in England, wo mit dem Fußball so viel Geld gemacht wird wie nirgendwo. Die Pointe der Saison könnte nun werden, dass sich Leeds und Aston Villa noch im entscheidenden Premier-League-Aufstiegsspiel in den Playoffs im Wembley-Stadion treffen könnte. Wenn es sein muss, würde Bielsa dann wohl noch einmal schreien: "Gebt das Tor!" Und Jansson würde das vermutlich verstehen.

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