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Fußball-Ermittlungen:Eine Partei kann sich nie beklagen: Infantino und seine Fifa

Auch in einem weiteren Fall gibt es heikle Berührungspunkte: Die Berner Behörde ermittelte ab April 2016 zu einem anrüchigen TV-Vertrag, den der damalige Uefa-Rechtsdirektor in den Nullerjahren mit korrupten argentinischen Geschäftsleuten unterzeichnet hatte. Sein Name: Gianni Infantino. Der 2016 erst Wochen zuvor ins Fifa-Amt gewählte Infantino fürchtete sich vor den Folgen, die der Fall für ihn selbst haben könnte. Dies geht aus einem geleakten Mailverkehr hervor, in dessen Verlauf Infantino einem Freund sogar beichtete, die Sache bei einem anstehenden Treff mit Lauber regeln zu wollen (SZ vom 28.04.). Geführt hatte auch dieses Verfahren Staatsanwalt Remund, dem im Sommermärchen-Fall Pahud assistierte. Remund hatte gegen "Unbekannt" ermittelt - und den Fall Ende 2017 eingestellt, ohne den Unterzeichner Infantino einzuvernehmen. War Pahud hier ebenfalls beteiligt? Die BA will das nicht beantworten.

Große Nähe in der kleinen Schweiz. In Befangenheitsfragen ist schon die Nähe neuralgisch - nicht erst die ohnehin kaum überprüfbare Frage, ob und wie diese gegebenenfalls genutzt wurde. Und hier also: Ein Staatsanwalt des Bundes, der zentrale Fußballverfahren führt. Eine Ehepartnerin, die in der Rechtsabteilung eines Verbandes wirkt, der wiederholt in BA-Verfahren aufscheint. Gibts da keine Befangenheit? Die BA schweigt.

Bundesanwalt Michael Lauber.

(Foto: Stefan Wermuth/AFP)

All das passt in das desaströse Bild, welches die BA in den Fußball-Verfahren abgibt. Insbesondere wegen der bizarren Geheim-Gipfeltreffen ihres Behördenleiters Lauber mit Fifa-Boss Infantino. Das eigene Aufsichtsgremium hat die BA angezählt, Politiker äußern inzwischen Rücktrittsforderungen. Von diversen Fußballverfahren ihrer Behörde wurden der BA-Chef und zwei Untergebene schon rechtskräftig ausgeschlossen. Wichtige Ermittlungen versanden.

Und immer wieder der gleiche Eindruck: dass Juristen im In- und Ausland dem BA-Treiben fassungslos zusehen, während sich eine Partei nie beklagen kann. Infantino und seine Fifa.

Noch jemand kommt gut weg: Katar. Die Ermittlung zum Korruptionsverdacht bei der WM-Vergabe 2022 verlief bisher ergebnislos; hingegen halten die US-Ermittler bereits konkret in einer Klageschrift fest, dass dieser Zuschlag gekauft worden sei. Die ominösen Millionen im Sommermärchen? Landeten bei einem Fifa-Topfunktionär in Katar, Mohammed bin Hammam. Aber gegen den wurde nie ermittelt, nicht mal befragt werden konnte er. Zudem: Das bizarrste der drei Geheimtreffen von Lauber und Infantino fand im Hotel Schweizerhof in Bern statt. Die Botschaft Katars liegt im selben Gebäude, Tür an der Tür mit "Meeting Room III". Haben die dort residierenden Staatsvertreter des Emirats wirklich nicht mitgekriegt, welch illustrer Kreis sich zum Date in ihrem Hauptstadt-Gebäude eingebucht hatte?

Am 16. Juni 2017 versammelten sich dort ausweislich der BA-Terminkalender und der Hotelabrechnung fünf Personen, nur vier sind bisher bekannt: Lauber und sein Sprecher, Infantino und ein Freund. Wer der Fünfte war? Klar, das weiß keiner, wegen dieses verflixten Gruppen-Blackouts. Sollte es einer aus dem operativen Bereich der BA gewesen sein, müsste alleine dieser Umstand die Fußball-Verfahren endgültig zerstören; mehr Befangenheit ginge ja kaum. Doch genau das wird vermutet. Zu einer SZ-Anfrage, ob Remund oder ein anderer Vertreter dieser Einheit zugegen war, teilte die BA ausweichend mit, sie beteilige sich nicht an "Spekulationen". In aller Stille wandte sich dann aber Sommermärchen-Chefermittler Remund letzte Woche ans Bundesstrafgericht und bestritt, dass er dabei gewesen sei.

In Berns bröckelnden Justizkreisen ist nun ein weiterer Name in Umlauf: Joël Pahud. Die BA sagte auf SZ-Anfrage dazu wieder nur, dass sie sich nicht an "Medienspekulationen" beteilige.

Den Spitzenkalauer im Schweizer Fußballkabarett liefert nun aber die Fifa. Tief geknickt teilt sie zum gescheiterten Sommermärchen-Finale mit: "Die Tatsache, dass der Fall jetzt ohne Ergebnis jeglicher Art beendet wurde, ist nicht nur für den Fußball, sondern auch für die Justizverwaltung in der Schweiz sehr besorgniserregend." Eine erstaunliche Justizkritik von Infantinos Fifa, wenn man bedenkt, wer von der Schweizer Justiz auf geradezu atemberaubende Weise nie etwas zu befürchten hat: Infantinos Fifa.

© SZ vom 30.04.2020/chge
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