Süddeutsche Zeitung

Fußball-Ermittlungen:Befangen in Bern

Der Sommermärchen-Prozess ist nur eines von vielen geplatzten Fußball-Verfahren in der Schweiz. Hat das Scheitern System?

Von Johannes Aumüller, Claudio Catuogno und Thomas Kistner

Anfang der Woche ist im kleinen Städtchen Bellinzona ein Prozess geplatzt, der Aufsehen erregt hatte über die Grenzen der ja auch nicht so großen Schweiz hinaus: der "Sommermärchen"-Prozess. Franz Beckenbauer, die Fußball-WM 2006 in Deutschland, ein mysteriöser Kredit und verschobene Millionen - darum war es gegangen. Auch für die Bundesanwaltschaft in Bern war das kein alltägliches Verfahren. Die BA, die oberste Ermittlungsbehörde der Schweiz, sitzt an rund zwei Dutzend Ermittlungen zu den Untiefen des internationalen Fußballs - aber das "Sommermärchen" war ihr mit Abstand prestigeträchtigster Fall.

Mehr als vier Jahre lang wurde ermittelt. Nun ist alles verjährt. Blöd gelaufen - oder hat das Scheitern System?

Das Echo für die Schweizer Justiz ist jedenfalls verheerend. Die Aufsichtsbehörde über die Bundesanwaltschaft, kurz: AB-BA, zeichnet in einem Disziplinarreport auf gleich 48 Seiten ein vernichtendes Bild der Zustände in der Behörde des Bundesanwalts Michael Lauber, 54. Und an einem der wenigen, kurz vor der Verjährung eilig zusammengestöpselten Verhandlungstage im März wurde auch das Bundesstrafgericht in Bellinzona deutlich: In den Ermittlungen seien "Umstände zutage" getreten, die "umfassende Beweisverwertungsverbote zur Folge haben könnten".

Staatsanwalt Pahud leitet die Ermittlungen. Seine Ehefrau arbeitet bei der Uefa

Der Eindruck, der sich aufdrängt: dass das geplatzte Sommermärchen bald nur ein Eintrag von vielen sein wird auf der langen Liste der versandeten oder vermasselten Fußball-Ermittlungen in der Schweiz.

Kürzlich erst implodierte ein weiteres Bestechungsverfahren, das einen Hauptdarsteller im Weltfußball tangierte: das Emirat Katar - und dessen einflussreichen Multifunktionär Nasser Al-Khelaifi. Auch bei diesem Verfahren lohnt es sich, die Umstände genauer zu beleuchten. Denn auch bei diesem Verfahren schwingt all das mit, was den Chefermittler Lauber inzwischen ins Zentrum eines Justizskandals gerückt hat: die (viel zu) engen Verbindungen Laubers zu Gianni Infantino, dem Präsidenten des Fußball-Weltverbands Fifa - festzumachen an mehreren Geheimtreffen der beiden, von denen sie eines angeblich vergessen haben. Die fatalen Auswirkungen dieser Kungeleien auf die Fußball-Verfahren. Und die insgesamt fragwürdige Ermittlungsarbeit der Bundesanwaltschaft, die nur mit Schlamperei und Unfähigkeit kaum zu erklären sein dürfte.

Nasser Al-Khelaifi also, 46 Jahre. Präsident eines katarischen Staatsfonds, CEO von BeIn Sports, des führenden Sportsenders der Region, sowie Präsident des millionenschweren französischen Meisterklubs Paris Saint-Germain. Lange musste Al-Khelaifi eine Anklage fürchten: Er soll den früheren Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke vor dessen Rauswurf 2015 im Zusammenhang mit der Vergabe von TV-Rechten bestochen haben. Von einer Villa auf Sardinien, der "Villa Bianca", wird noch die Rede sein, ein vorzügliches Objekt, wenn man jemanden bestechen will.

Aber nun, Überraschung, bleibt gegen Al-Khelaifi nur der Verdacht auf "Anstiftung zu ungetreuer Geschäftsbesorgung" übrig. Eine Lappalie im Vergleich. Zerschossen hat das Verfahren ausgerechnet der Weltfußballverband Fifa selbst - dabei ist die Fifa eigentlich ja die Geschädigte, wenn ihre TV-Rechte den Besitzer wechseln, Teile des Erlöses aber vielleicht ganz woanders landen. Doch im Januar, kurz vor der Anklageerhebung, schlossen die Fifa-Juristen plötzlich eine gütliche Einigung mit Al-Khelaifi ab. Damit konnte die BA den Bestechungsvorwurf nicht weiter verfolgen, aus formalen Gründen.

An diesem Dienstag gab die BA bekannt: Im September geht auch die Causa Al-Khelaifi/Valcke nach Bellinzona vors Bundesstrafgericht. Als abgespeckte Variante, die den Katarer nicht mehr groß sorgen muss. Und auch dieser Prozess führt nun zu neuen Irritationen rund um die BA. Im Zentrum steht - wie schon beim Sommermärchen - unter anderem die Frage, wen die Chefs der Behörde mit der Leitung dieses wichtigen Verfahrens betrauten.

Das Verfahren basierte auf einer Anzeige der Fifa Ende 2016. Eröffnet wurde es in der BA im März 2017 von Staatsanwalt Cédric Remund. Aber im September 2017 übernahm die Leitung nach SZ-Informationen sein Kollege Joël Pahud - das erscheint nun problematisch. Pahuds Ehefrau arbeitet seit 2014 in der Rechtsabteilung der europäischen Fußball-Union Uefa. Diese familiäre Konstellation birgt vielfältige Interessenskonflikte. Und zwar just in Pahuds Al-Khelaifi-Verfahren: Der Katarer ist seit Februar 2019 Vorstandsmitglied in jener Uefa, die Frau Pahud in der Rechtsabteilung beschäftigt.

Lässt die BA ihren Staatsanwalt Joël Pahud also seit über einem Jahr das Verfahren gegen einen der Chefs seiner Frau führen? Eine ziemlich drängende Frage, die die BA aber nicht beantworten mag. "Mit Anklageeinreichung" sei "die Hoheit (...) auch über die Kommunikation zum Verfahren an das zuständige Gericht übergegangen", teilt sie auf SZ-Anfrage nur mit. Als sei es Sache des Gerichtes, sich zu konkreten BA-Ermittlungen zu äußern.

Seltsam verlief Pahuds Verfahren gegen Valcke, Al-Khelaifi sowie einen dritten, namentlich bisher nicht genannten Geschäftsmann in jedem Fall. Laut Mitteilung der BA ergaben die Nachforschungen eigentlich durchaus, dass der damalige Fifa-Spitzenmann Valcke von den Mitbeschuldigten "nicht gebührende Vorteile" erhalten haben soll. Al-Khelaifi jedenfalls habe Valcke 18 Monate lang das alleinige Nutzungsrecht für die Villa auf Sardinien überlassen: die schmucke "Villa Bianca" in Porto Cervo. Mietfrei. Geschätzter Wert des Entgegenkommens: bis zu 1,8 Millionen Euro. Von dem unbekannten Dritten erhielt Valcke insgesamt 1,25 Millionen Euro. Alle diese Nettigkeiten sollen im Kontext der Vergabe von TV-Rechten stehen.

Die Beschuldigten bestritten jedes Fehlverhalten, im Dezember 2019 kam es zu ihrer Schlusseinvernahme. Und dann das: Wochen später einigte sich die Fifa außergerichtlich mit Al-Khelaifi - weitere Details sind unbekannt. Und die BA musste ihre Bestechungsvorwürfe gegen den Katarer einstampfen. Sie gelten nur noch für die Beziehung zwischen Valcke und dem dritten Geschäftsmann. Bei Al-Khelaifi bleibt nur Anstiftung zu ungetreuer Geschäftsbesorgung, da Valcke seine Vorteile nicht der Fifa gemeldet habe.

Erleichterung allenthalben im Umfeld von Al-Khelaifi - und womöglich auch in der Uefa-Rechtsabteilung?

Nachfrage: Hat die BA unter dem Ermittlungsführer Pahud die befremdliche Einigung der Fifa mit Al-Khelaifi je begutachtet? Immerhin ist dies ja kein Privatstreit: Die Fifa hat in den diversen BA-Fußball-Verfahren eine Stellung als Privatkläger und "Opfer" inne - muss sie da nicht alles zur Aufklärung beitragen? Oder darf sie im stillen Kämmerlein dealen und so de facto die Aufklärung jener Vorgänge verhindern, die sie angeblich beklagt? Die BA schweigt auch dazu, wie zu der drängenden Frage, ob sie die Fifa überhaupt noch als "Opfer" behandeln kann.

Eine Partei kann sich nie beklagen: Infantino und seine Fifa

Auch in einem weiteren Fall gibt es heikle Berührungspunkte: Die Berner Behörde ermittelte ab April 2016 zu einem anrüchigen TV-Vertrag, den der damalige Uefa-Rechtsdirektor in den Nullerjahren mit korrupten argentinischen Geschäftsleuten unterzeichnet hatte. Sein Name: Gianni Infantino. Der 2016 erst Wochen zuvor ins Fifa-Amt gewählte Infantino fürchtete sich vor den Folgen, die der Fall für ihn selbst haben könnte. Dies geht aus einem geleakten Mailverkehr hervor, in dessen Verlauf Infantino einem Freund sogar beichtete, die Sache bei einem anstehenden Treff mit Lauber regeln zu wollen (SZ vom 28.04.). Geführt hatte auch dieses Verfahren Staatsanwalt Remund, dem im Sommermärchen-Fall Pahud assistierte. Remund hatte gegen "Unbekannt" ermittelt - und den Fall Ende 2017 eingestellt, ohne den Unterzeichner Infantino einzuvernehmen. War Pahud hier ebenfalls beteiligt? Die BA will das nicht beantworten.

Große Nähe in der kleinen Schweiz. In Befangenheitsfragen ist schon die Nähe neuralgisch - nicht erst die ohnehin kaum überprüfbare Frage, ob und wie diese gegebenenfalls genutzt wurde. Und hier also: Ein Staatsanwalt des Bundes, der zentrale Fußballverfahren führt. Eine Ehepartnerin, die in der Rechtsabteilung eines Verbandes wirkt, der wiederholt in BA-Verfahren aufscheint. Gibts da keine Befangenheit? Die BA schweigt.

All das passt in das desaströse Bild, welches die BA in den Fußball-Verfahren abgibt. Insbesondere wegen der bizarren Geheim-Gipfeltreffen ihres Behördenleiters Lauber mit Fifa-Boss Infantino. Das eigene Aufsichtsgremium hat die BA angezählt, Politiker äußern inzwischen Rücktrittsforderungen. Von diversen Fußballverfahren ihrer Behörde wurden der BA-Chef und zwei Untergebene schon rechtskräftig ausgeschlossen. Wichtige Ermittlungen versanden.

Und immer wieder der gleiche Eindruck: dass Juristen im In- und Ausland dem BA-Treiben fassungslos zusehen, während sich eine Partei nie beklagen kann. Infantino und seine Fifa.

Noch jemand kommt gut weg: Katar. Die Ermittlung zum Korruptionsverdacht bei der WM-Vergabe 2022 verlief bisher ergebnislos; hingegen halten die US-Ermittler bereits konkret in einer Klageschrift fest, dass dieser Zuschlag gekauft worden sei. Die ominösen Millionen im Sommermärchen? Landeten bei einem Fifa-Topfunktionär in Katar, Mohammed bin Hammam. Aber gegen den wurde nie ermittelt, nicht mal befragt werden konnte er. Zudem: Das bizarrste der drei Geheimtreffen von Lauber und Infantino fand im Hotel Schweizerhof in Bern statt. Die Botschaft Katars liegt im selben Gebäude, Tür an der Tür mit "Meeting Room III". Haben die dort residierenden Staatsvertreter des Emirats wirklich nicht mitgekriegt, welch illustrer Kreis sich zum Date in ihrem Hauptstadt-Gebäude eingebucht hatte?

Am 16. Juni 2017 versammelten sich dort ausweislich der BA-Terminkalender und der Hotelabrechnung fünf Personen, nur vier sind bisher bekannt: Lauber und sein Sprecher, Infantino und ein Freund. Wer der Fünfte war? Klar, das weiß keiner, wegen dieses verflixten Gruppen-Blackouts. Sollte es einer aus dem operativen Bereich der BA gewesen sein, müsste alleine dieser Umstand die Fußball-Verfahren endgültig zerstören; mehr Befangenheit ginge ja kaum. Doch genau das wird vermutet. Zu einer SZ-Anfrage, ob Remund oder ein anderer Vertreter dieser Einheit zugegen war, teilte die BA ausweichend mit, sie beteilige sich nicht an "Spekulationen". In aller Stille wandte sich dann aber Sommermärchen-Chefermittler Remund letzte Woche ans Bundesstrafgericht und bestritt, dass er dabei gewesen sei.

In Berns bröckelnden Justizkreisen ist nun ein weiterer Name in Umlauf: Joël Pahud. Die BA sagte auf SZ-Anfrage dazu wieder nur, dass sie sich nicht an "Medienspekulationen" beteilige.

Den Spitzenkalauer im Schweizer Fußballkabarett liefert nun aber die Fifa. Tief geknickt teilt sie zum gescheiterten Sommermärchen-Finale mit: "Die Tatsache, dass der Fall jetzt ohne Ergebnis jeglicher Art beendet wurde, ist nicht nur für den Fußball, sondern auch für die Justizverwaltung in der Schweiz sehr besorgniserregend." Eine erstaunliche Justizkritik von Infantinos Fifa, wenn man bedenkt, wer von der Schweizer Justiz auf geradezu atemberaubende Weise nie etwas zu befürchten hat: Infantinos Fifa.

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Quelle:
SZ vom 30.04.2020/chge
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