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Joshua Kimmich in der Nationalelf:Von Toni Kroos geadelt

  • Joshua Kimmich etabliert sich in der Nationalelf als Sechser neben Spielmacher Toni Kroos.
  • Er bringt alle Qualitäten mit, um demnächst auch Kapitän beim DFB zu werden.
  • Ob sie ihn auch beim FC Bayern im Mittelfeld sehen, ist aber fraglich.

Von Carsten Scheele, Gelsenkirchen

Über Joshua Kimmich sind derzeit einige Zitate in der Welt, eines stammt von Sami Khedira, was die Sache interessant macht. Der Spieler von Juventus Turin hat seit der verkorksten WM 2018 kein Länderspiel mehr absolviert; seitdem spielt Kimmich in der Nationalelf auf seiner Position. Kimmich könne die Sechserposition "langfristig überragend bekleiden", lobte Khedira, was für ihn persönlich gar kein Problem sei. Er sehe sich selbst auf der Halbposition, Kimmich sei ein reiner Sechser und damit "keine neue Konkurrenz". Eine exklusive Sicht der Dinge, die zeigt, dass Khedira, 31, noch ein Plätzchen für sich im DFB-Team sucht.

Ein weiteres Zitat stammt von Toni Kroos nach dem 2:2 (2:0) am Montagabend in Gelsenkirchen gegen die Niederlande, was die Sache noch interessanter macht. Kroos ist derjenige, der bis Sommer an der Seite von Khedira im DFB-Mittelfeld spielte; beide haben 2014 den Weltmeistertitel errungen, 2016 führten sie das deutsche Team Seit an Seit immerhin ins EM-Halbfinale. Seit diesem Herbst spielt Kroos neben Kimmich, und wenn Kroos nun sagt, er habe sich "extrem gefreut" über dessen Versetzung aus der Abwehr ins Mittelfeld, dann sagt das einiges aus. Über Kimmich, über Khedira - und am Ende sogar über den FC Bayern, doch dazu später mehr.

Seit sich das Nationalteam im Verjüngungsprozess befindet, hat Kroos' Wort noch mal an Gewicht gewonnen. Der Profi von Real Madrid ist mit seinen 28 Jahren nun der Stammesälteste im Mittelfeld, Weltmeister von 2014, zudem vierfacher Champions-League-Sieger. Dass Kroos also Kimmich zu seinem Lieblingspartner im Mittelfeld kürt (und nicht etwa Khediras Rückkehr fordert), tut er nur, weil er Kimmich wirklich für einen sehr guten Sechser hält.

Und zweitens weil er den Wert erkennt, den Kimmich für die Nationalelf hat - und vor allem: noch haben wird. Wer sich die Altersstruktur des DFB-Teams ansieht, Kimmichs mitreißende Art und seine Treffsicherheit in Interviews berücksichtigt, der erkennt schnell, dass der Münchner der nächste DFB-Kapitän werden könnte. Oder der übernächste, denn man vergisst gerne, dass Kimmich ja erst 23 Jahre alt ist.

Erinnerungen ans Bernabéu

Gegen die Holländer zeigte der Profi des FC Bayern über 85 Minuten eine wirklich gute Partie. Kimmich präsentierte sich gewohnt stark in der Balleroberung, war aber auch immer eifrig dabei, die schnellen Angriffe des DFB-Teams zu forcieren oder einzuleiten. Ging Kroos nach vorne, sicherte Kimmich ab, umgekehrt lief es genauso. Dass sich beide gut verstehen, ist der Sache kaum hinderlich. Noch im Frühjahr, als die Bayern bei Real Madrid aus der Champions League ausschieden, standen beide nach dem Spiel noch lange auf dem Rasen des Bernabéu, unterhielten sich, klatschten einander ab, bevor jeder in seine Kabine ging.

Kimmich selbst hat die Position neben Kroos nie eingefordert, die Sechs aber schon immer als sein Lieblingsgebiet auf dem Fußballplatz bezeichnet. "Er ist prädestiniert für diese Position, er hat die Zweikampfführung und das Spielverständnis", sagt Kroos über Kimmich. Teamkollege Mats Hummels hatte bei anderer Gelegenheit erwähnt, Kimmich habe "wirklich alles" für eine erfolgreiche Karriere auf der Sechserposition. Allerdings könne man Kimmich überall hinstellen, "es kommt immer was dabei raus".

Fragt sich bloß, ob sie auch beim FC Bayern erkennen, dass Kimmichs strategisches Gespür auf der Planstelle des Rechtsverteidigers gar nicht zur Geltung kommen kann. 2017 beerbte Kimmich den in den Ruhestand getretenen Philipp Lahm, er blieb der Position über alle Trainerwechsel hinweg treu. Zuletzt bekräftigte Niko Kovac, dass er weiter mit Kimmich hinten rechts plant, auch wegen des Überangebots an Mittelfeldspielern beim Rekordmeister. Ein Versuch mit Kimmich im Zentrum in der Liga ging kürzlich zudem ziemlich daneben. Der Nationalspieler selbst sagte damals: "Das Spiel gegen Freiburg war in dreieinhalb Jahren mein schwächstes Spiel bei Bayern München."

Wobei man die Sache auch so sehen kann: Mit Kimmich auf der Sechs macht die Nationalelf gerade einen Schritt nach vorne. Die Bayern sind aktuell nur Bundesliga-Fünfter, der Rückstand auf Tabellenführer Dortmund ist auf sieben Punkte angewachsen - und das Freiburg-Spiel mag ein Ausrutscher gewesen sein. Ein Schritt nach vorne wäre allmählich keine ganz schlechte Idee.

© SZ.de/jbe/rus
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