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Fußball in Italien:Gewalt und Rassismus sind zurück

Neapels Kalidou Koulibaly (rechts) verlässt das Spielfeld nach einer gelb-roten Karte. Links steht Kwadwo Asamoah von Gegner Inter Mailand.

(Foto: AP)
  • Bei Randalen rund um das Spiel zwischen Inter Mailand und dem SSC Neapel stirbt ein Fan, nachdem er von einem Auto überfahren wurde.
  • Andere Fans erleiden Schnittwunden. Die Polizei findet Messer und Schlagstöcke.
  • Der Neapel-Spieler Kalidou Koulibaly wird während des Spiels mit Affenlauten verhöhnt. Der Schiedsrichter schreitet nicht ein.

Die Dämonen sind zurück, so sie denn jemals weg waren. Ausgerechnet zur feierlichen Premiere des "Boxing Day all' italiana", des ersten Spieltags des italienischen Fußballs am Weihnachts-Stephanstag, tauchte der Calcio wieder ab in trübe Abgründe: in Gewalt und Rassismus. Und zwar auch noch in Mailand, der kosmopolitischsten, fortgeschrittensten, vielleicht auch liberalsten Stadt des Landes. Vor und während des abendlichen Spitzenspiels der Serie A zwischen Inter Mailand, dem Tabellendritten, und dem SSC Neapel, dem Tabellenzweiten, trugen sich in und rund um das Stadio San Siro Dinge zu, von denen man gedacht hatte, sie gehörten einer überwundenen Zeit an.

Es begann mit Zusammenstößen zwischen den Ultras beider Vereine, eine Stunde vor dem Spiel. Hooligans von Napoli hatten sich aus der Eskorte der Polizei gelöst, die sie zum Stadion bringen sollte, und prügelten sich mit Schlägern von Inter, die Verstärkung von Ultras aus Varese und, tatsächlich, aus Nizza hatten. Das war wohl alles geplant und orchestriert.

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Kalidou Koulibaly vom SSC Neapel muss sich in Mailand beim Spiel gegen Inter offenbar Affenlaute von den Tribünen anhören. Nach dem Spiel kommt ein Fan von Inter Mailand ums Leben.

Im Netz zirkuliert ein Video, das die "Stadtguerilla" zeigt, wie es die italienischen Medien nun nennen. Man sieht den roten Rauch von Pyros, der sich mit dem Winternebel Mailands mischt, darin rennen Männer wie wild herum, gejagt von Böllern und Gebrüll. Die Polizei fand später Schlagstöcke und Messer, die im Gemenge liegen geblieben waren.

Vier Fans aus Neapel erlitten im Zuge der Auseinandersetzungen rund um das Spiel Schnittwunden, nichts ganz Schlimmes. Ein Ultra aus Varese aber, 35 Jahre alt, der wegen früherer Vorfälle mit einer Stadionsperre belegt war, wurde von einem großen Auto angefahren. Er erlag am Donnerstag seinen Verletzungen. Zunächst war unklar, wer am Steuer des Wagens gesessen hatte und wie die Dynamik des tödlichen Zwischenfalls genau war. Doch der Polizeichef von Mailand, Marcello Cardona, hat offenbar genügend Indizien beisammen, um die härteste Anhängerschaft von Inter zu bestrafen. Drei Männer wurden verhaftet, ein vierter wird gesucht. Bis zum Ende der Saison dürfen die Ultras nicht mehr zu Auswärtsspielen von Inter reisen. Und daheim soll ihre Kurve, die Curva Nord im San Siro, bis Ende März geschlossen bleiben.

"Bravo, bravo, bravo", sagt der beschimpfte Spieler zum Referee. Er wird vom Platz gestellt

Es ist eine sagenumwobene Kurve. 2001 wohnten die Italiener einer schier unglaublichen Szene bei, da fiel beim Spiel Inter gegen Bergamo ein Motorrad vom oberen in den unteren Ring. Wie das genau möglich war, dass ein Motorrad auf die Ränge kam, ist noch immer ein Rätsel - und ein Symbol für die alten, anarchischeren Zeiten. Die Zutrittskontrollen sind seitdem stark verbessert worden. Die dumpfe Gesinnung vieler italienischer Fankurven aber, die nicht nur in Mailand von der extremen Rechten unterwandert sind, die ist geblieben - ohne Besserung. Auch dafür bot dieser weihnachtliche Spieltag in Mailand einen traurigen Nachweis.

Das Stadion war voll, 64 000 Zuschauer, viele Familien mit kleinen Kindern, es war ja schulfrei. Ein Fest sollte es werden, doch ein Spieler der Gastmannschaft wurde von Beginn an bei jeder Ballberührung mit Affenlauten bedacht: Kalidou Koulibaly, Innenverteidiger, 27 Jahre alt, geboren in Frankreich, Nationalspieler Senegals. Es waren nicht vereinzelte "Buu razzisti", wie man zu den Affenlauten in Italien sagt. Es war ein wiederkehrender Chor, angestimmt von der Kurve, aufgenommen auch in anderen Stadionsektoren - ein breiter Geräuschteppich von "Buus".

Carlo Ancelotti, der Trainer von Neapel, erzählte nach dem Spiel, er habe allein in der ersten Halbzeit drei Mal eine Spielunterbrechung gefordert. So sieht es das Reglement vor. Der Stadionsprecher wandte sich dann auch drei Mal an die buhenden Zuschauer: Wenn sie nicht aufhörten, sagte er, werde die Begegnung abgebrochen, dem Klub Inter würden dann Sanktionen drohen. Er wurde drei Mal ausgepfiffen.

Das Spiel lief einfach weiter, auch nach der Pause, die Zeit genug geboten hätte für eine passende Entscheidung. Und Kalidou Koulibaly war mal wieder der Beste der Seinen: unüberwindbar, wie so oft, kaiserlich. Er führte Regie aus der Abwehr.

Bis zur 81. Minute, es stand noch immer 0:0, da entwischte ihm der rechte Flügelstürmer von Inter, Matteo Politano. Koulibaly fasste ihn im Laufduell zweimal an die Schulter, nur sanft, erhielt dafür Gelb und klatschte dem Schiedsrichter ironisch zu. "Bravo", sagte er, "bravo, bravo!" Der ganze Frust, die ganze Enttäuschung über die Diskriminierung von den Tribünen und die feige Reaktion der Sportfunktionäre - all dies entlud sich in diesem Moment. Doch der Referee zog gleich noch einmal Gelb, streng nach Regelbuch, aber ziemlich unsensibel. Und als Koulibaly mit Gelb-Rot den Platz verließ, verabschiedete sich das Stadion ganz in lauter Schande.

Inter gewann noch 1:0, durch ein Tor in der Nachspielzeit Aber davon redet niemand. Ancelotti verkündete: "Beim nächsten Mal hören wir auf zu spielen, und sollten wir deshalb verlieren: Sei's drum!" Er habe nie verstanden, wie viel passieren müsse, bis ein Spiel tatsächlich unterbrochen würde. Theoretisch wäre das schnell möglich, in der Praxis passiert es nie. Koulibaly meldete sich nach dem Spiel auf Twitter, er schrieb seinen 114 000 Followern: "Es tut mir leid, dass wir verloren haben, und dass ich meine Brüder alleingelassen habe. Aber ich bin stolz auf die Farbe meiner Haut. Und dass ich Franzose bin, Senegalese, Neapolitaner: Mensch."

Die nächsten beiden Heimspiele muss Inter nun ohne Zuschauer austragen. Das entschied die Disziplinarkomission der italienischen Fußball-Liga am Donnerstag. Mailands Bürgermeister Giuseppe Sala, ein leidenschaftlicher Interista, fühlte sich gedrängt, sich in einem langen Post bei Koulibaly zu entschuldigen: "in meinem Namen und im Namen des gesunden Teils von Mailand". Er war im Stadion dabei. Die "Buus" seien eine Schande gewesen, so Sala. Wenn das noch mal vorkomme, werde er reagieren: "Ich weiß natürlich, dass es denen, die diese Affenlaute machen, egal ist, dass ich aufstehe und gehe. Aber ich stehe auf und gehe." Den Verantwortlichen seines Leibvereins rät Sala, bei der nächsten Begegnung dem Spieler mit der Nummer 18 die Kapitänsbinde zu geben: Er heißt Kwadwo Asamoah, ist 30, linker Außenverteidiger. Er kommt aus Ghana.

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