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Weltfußballer und Goldener Schuh:Immobile vergrößert Lewandowskis Dilemma

SS Lazio v Brescia Calcio - Serie A

Er schießt halt einfach verdammt viel Tore: Ciro Immobile von Lazio Rom.

(Foto: Paolo Bruno/Getty Images)

Der Bayern-Stürmer will Weltfußballer werden, doch die Auszeichnung könnte ausfallen. Jetzt klaut ihm ein Italiener einen anderen Preis - und es gibt ja noch Ronaldo.

Von Jonas Beckenkamp

Ciro Immobile, da war doch was? Als der Stürmer in der Saison 2014/15 ein Jahr in Deutschland verbrachte, ist ihm Unerhörtes passiert. Nach eigenen Angaben erwischte ihn die menschliche Abgewandtheit in Dortmund so arg, dass er irgendwann völlig verzweifelt war und wieder heim nach Italia wollte. "Die Deutschen sind kalt, da kann man nichts machen", sagte der Blondschopf aus der Nähe von Neapel damals dem Magazin SportWeek. Es sei quasi unmöglich, den Mitspielern irgendwie nahe zu kommen, denn: "In den acht Monaten, seit denen ich hier bin, hat mich kein Teamkollege zu sich nach Hause zum Abendessen eingeladen."

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass es gleichermaßen Berichte gab, wonach Immobile sich geweigert habe, Deutsch zu lernen - so blieb am Ende der Geschichte die Einsicht: Es war kompliziert mit Immobile und den Teutonen. Jetzt hat der Stürmer wieder indirekt mit Deutschland zu tun, es geht aber nicht ums Essen, sondern ums Toreschießen. Das beherrscht der 30-Jährige seit seiner Rückkehr nach Italien wieder außerordentlich gut. Für Lazio Rom gelang ihm Mittwochabend sein 35. Ligator - und es könnten noch mehr werden, denn in der Serie A steht ein Spieltag aus.

Mit dieser stolzen Zahl hat Immobile nun sogar Bayern-Stürmer Robert Lewandowski überholt, dessen 34 Treffer in der Bundesliga ja eigentlich unübertreffbar zu sein schienen. Aber was heißt das schon, wenn einer einen sogenannten Lauf hat? In den vergangenen vier Partien traf Immobile sechs Mal, beim 2:0 seiner Römer gegen Brescia stand einem weiteren Treffer nur der Pfosten im Weg. "Heute konnte ich mich ein wenig von Ronaldo absetzen und Lewandowski überholen", sagte er beim TV-Sender Sky Italia, dabei wolle er wirklich kein Tor-Egomane sein. "Der Fokus aufs eigene Torezählen macht es nur schwieriger", sagte er. Cristiano Ronaldo, der seine Treffer gewiss penibel mitzählt, liegt mit 31 Toren deutlich hinter ihm.

Aber ein wenig Egoismus ist durchaus erlaubt, wenn man Torschützenkönig werden möchte. Und eigentlich geht es sogar um mehr: Sollte Ronaldo am Samstag gegen AS Rom nicht ein Torefest gelingen, gewinnt Immobile den "Goldenen Schuh" für den besten Torjäger der europäischen Top-Ligen. Dass Lewandowski diesen Titel nun definitiv verpasst, dürfte wiederum den Polen ein wenig piksen, denn er würde seinerseits nur allzu gerne endlich einmal Weltfußballer werden - und da hätte sich der Goldschuh sicherlich gut im Bewerbungsprozess gemacht.

Am Ende ist freilich wieder Ronaldo der Erstanwärter auf den Weltfußballer, schließlich krönte er sein Lebenswerk erst kürzlich mit einer neuen Bestmarke: Als erster Fußballer der Neuzeit traf er mehr als 50 Mal in den Ligen Spaniens, Englands und Italiens. Sollte Lewandowski mit den Bayern nicht die Champions League gewinnen, wird er also ohnehin chancenlos sein. Abgesehen davon ist noch gar nicht klar, ob die Auszeichnung zum Fifa-Weltfußballer diese Saison überhaupt vergeben wird.

Corona verhindert derzeit eine größere Zusammenkunft der Branche, die ursprünglich am 21. September geplante Gala in Mailand wurde abgesagt. Die Fifa teilte zuletzt aber mit, man prüfe "verschiedene Optionen, in welcher Form wir etwas durchführen würden". Falls es doch klappt, wäre sicherlich auch Bayern-Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge zufrieden. Er hatte zuletzt bei Fifa-Präsident Gianni Infantino höchstpersönlich auf eine Vergabe gedrängt, nachdem bereits der "Ballon d'Or" wegen fehlender Chancengleichheit während der Pandemie ausfällt. Den vergibt alljährlich die Zeitschrift France Football, nach einer Abstimmung unter Journalisten und internationalen Juroren. Der Fifa-Weltfußballer ist zwar etwas weniger prestigeträchtig, aber Lewandowski würde ihn gewiss auch ohne Gala gerne in seinem Lebenslauf verbuchen.

Ciro Immobile spielt bei den Weltfußballer-Überlegungen trotz seiner Tore übrigens keine Rolle. Erstens verrichtet er sein meist eher unspektakuläres Tagwerk bei Lazio unter dem Radar der Champions League. Und außerdem fehlt ihm die internationale Strahlkraft seiner Konkurrenten. Cristiano Ronaldo folgen auf Instagram etwa zweihundertdreißig Mal so viele Menschen wie Immobile.

© SZ.de/tbr

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