Hertha BSC:Blockiert von der Last der Erwartung

Hertha BSC: Marc-Oliver Kempf (links) und Aymen Barkok sitzen nach dem Schlusspfiff auf dem Rasen des Olympiastadions.

Marc-Oliver Kempf (links) und Aymen Barkok sitzen nach dem Schlusspfiff auf dem Rasen des Olympiastadions.

(Foto: Engler/Nordphoto/Imago)

Die große Chance auf das Finale im eigenen Stadion, dazu die weiter präsente Trauer um Kay Bernstein: Hertha BSC verliert das emotional schwere DFB-Pokalviertelfinale gegen Kaiserslautern. Der Weg zur Normalität dauert für den Klub noch an.

Von Martin Schneider, Berlin

Nach der Partie teilten sich die Akteure auf dem Spielfeld wie auf ein geheimes Signal hin auf. Auf der einen Seite liefen alle in Rot gekleideten Fußballer Richtung Westen zu ihren Fans, die ein Lied anstimmten, das vor allem in dieser Saison zur passenden Pokalhymne des 1. FC Kaiserslautern geworden ist. "Trotz der zweiten Liga, deutscher Pokalsieger, 1996, FCK", so geht die Strophe, die an den bisher letzten Pokalsieg der Pfälzer erinnert und auf den Umstand Bezug nimmt, dass man damals wie heute zweitklassig kickte. Wenn man auch 1996 streng genommen "nur" Bundesliga-Absteiger war.

Während der FCK mit 12 000 Auswärtsfans (die Angaben schwankten) den ersten DFB-Pokal-Halbfinaleinzug seit 2014 feierte, machten sich die Spieler von Hertha BSC auf der anderen Seite auf eine lange und langsame Ehrenrunde, an deren Ende sie vor dem Fanblock der organisierten Fans in der Ostkurve standen. Die Fans blickten in enttäuschte Gesichter der Spieler, die Spieler guckten in enttäuschte Gesichter der Fans, die ganze Kurve schwieg. Nach minutenlanger Stille verließen die Profis das Feld, aus manchen Ecken des Stadions erklang da immerhin ein ermutigendes "HaHoHe, Hertha BSC".

Unter normalen Umständen wäre das 1:3 im Pokalviertelfinale der Berliner eine Riesenenttäuschung für den Klub gewesen, aber bei Hertha BSC herrschen immer noch keine normalen Umstände. Etwas mehr als 14 Tage nach dem plötzlichen Tod von Präsident Kay Bernstein steht der Klub weiter unter dem Eindruck dieser Tragödie, so auch in diesem Pokalspiel. Es schmerze, sagte Torhüter Marius Gersbeck nach dem Spiel beim Sender Sky, "dass wir nicht in den Himmel gucken können und sagen können: Für dich sind wir heute eine Runde weitergekommen".

Vor dem Spiel hatte sich Kay Bernsteins Witwe in emotionalen Worten an die Berliner Anhänger gewandt, sich für die Anteilnahme bedankt und erstmals nach dem Tod ihres Mannes das Stadion besucht. Auf der Anzeigetafel sah man ein Schwarz-Weiß-Bild von Bernstein mit seiner letzten Botschaft in den sozialen Medien, auch die Choreografie der Hertha-Fans vor dem Spiel nahm darauf Bezug. "Wir wollten das Spiel unbedingt gewinnen, für Kay, für die Stadt", sagte ein sichtlich mitgenommener Fabian Reese nach dem Spiel.

Auch Hertha-Profi Fabian Reese ist nach diesem Pokalabend gegen den FCK sichtlich mitgenommen

Dazu kam die Tatsache, dass natürlich allen in Berlin klar war, dass die Chancen auf ein Finale im eigenen Olympiastadion sehr lange nicht mehr so günstig sein würden wie jetzt. Mit dem Gewicht all dieser Eindrücke und Gedanken ging die Hertha ins Spiel. Es gab schon Fußballmannschaften, die weniger Last nicht schultern konnten. "Das Traurige ist: Manchmal hat man Chancen im Leben, etwas ganz Besonderes zu erleben, nur ein-, zweimal. Heute war eine. Wir haben sie leichtfertig vergeben. Deswegen bin ich sehr enttäuscht", sagte Reese, einziger Berliner Torschütze des Tages.

Trainer Pal Dardai sprach später von einer "Blockade" aufgrund der Befürchtung, "zu viel zu verlieren". In der Tat trat Hertha vor allem in der ersten Halbzeit nicht wie ein Team auf, das ein Pokalspiel daheim vor fast 75 000 Zuschauern bestreitet. Der Ungar offenbarte aber auch, mit welchen Widrigkeiten seine Mannschaft offenbar in dieses Spiel gegangen war. Nach dem Trainingslager Anfang Januar hätten sich 60 Prozent des Kaders das Norovirus eingefangen, die halbe Mannschaft habe jetzt "mit Spritzen und Medikamenten" gespielt. Auch Reese ist von einer Corona-Erkrankung immer noch nicht vollständig genesen. Die Not beim Halbzeitstand von 0:2 nach Toren von Jan Elvedi und Richmond Tachie war bei Dardai aber so groß, dass er seinen besten Spieler früher einwechseln musste - mit der Option, dass er nach 20 Minuten wieder vom Platz gehen müsse, falls er doch nicht mehr könne. Das sei so abgesprochen gewesen, bestätigten sowohl Reese als auch Dardai.

Der Hertha-Trainer überraschte zudem mit einer ungewohnten Dreierkette - und mit einem Torwartwechsel. Während Dardai die taktische Umstellung noch mit der Personalnot erklärte, löste der Wechsel der Nummer eins vor einem so wichtigen Spiel großes Erstaunen aus. Gersbeck hatte bisher kein einziges Spiel für Hertha gemacht, er war lange suspendiert gewesen, weil er nach einem Vorfall im Sommertrainingslager wegen schwerer Körperverletzung angeklagt war. Das Verfahren wurde nach einer Zahlung eingestellt, aber eigentlich etablierte sich Tjark Ernst als Stammtorhüter.

Gersbeck ist, wie es Präsident Kay Bernstein war, ein ehemaliger Ultra des Berliner Klubs. Bernstein setzte sich für Gersbeck ein, wollte ihn trotz des gravierenden Vorfalls im Verein halten. Gersbeck machte keinen entscheidenden Fehler, keines der drei Gegentore war ihm anzulasten, aber viele wunderten sich trotzdem, warum Dardai für das sowieso schon emotional schwere Spiel einen Torwart auswählte, der seinerseits eine besondere Situation meistern musste.

Seitdem die Trauer über Bernstein den Klub erfasst hat, hat Hertha keines seiner drei Spiele gewonnen. Am Samstag kommt der HSV ins Olympiastadion, danach geht es zum Tabellenzweiten nach Fürth. Der Weg zurück in die Normalität dauert noch an. Was am meisten dabei helfen würde, wurde Pal Dardai ganz spät am Abend noch gefragt. "Gewinnen", war seine Antwort.

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