Handball-WM:So schnell kann Handball sein

Handball-WM: Klein, aber blitzschnell: der Niederländer Luc Steins (links) im Spiel gegen Norwegen.

Klein, aber blitzschnell: der Niederländer Luc Steins (links) im Spiel gegen Norwegen.

(Foto: Laurent Theophile/Panoramic/Imago)

Nur ein Sport für große Rückraumwerfer? Diese Zeiten sind vorbei. Weil das Spiel immer rasanter wird, haben auch die Kleinen eine Chance - so wie der Niederländer Luc Steins.

Von Carsten Scheele

Wenn die Niederländer angreifen bei dieser Handball-WM, dann kann es schnell gehen. Sehr schnell sogar. Meist landet der Ball bei Luc Steins, ihrem kleinen Mittelmann, der hat dann eine Idee. Ein Pass, ein Durchbruch, ein Wurf. Schon ist der Spielzug vorbei.

Wenn die deutschen Handballer am Samstag in ihrem zweiten Hauptrundenspiel auf die Niederlande treffen (20.30 Uhr, ZDF), müssen sie sich auf ein paar Dinge einstellen. Auf Steins, logisch, den rasant-quirligen Spiellenker von Paris Saint-Germain, der schon jetzt ein prägender Spieler dieses Turniers ist. Aber auch auf die generelle Art, wie das Team Handball spielt. Oder, besser gesagt: Handball rennt und wirbelt.

Die Niederländer sind eine der Überraschungsmannschaften dieser WM, sie verloren in der Vorrunde nur ganz knapp 26:27 gegen den Mitfavoriten Norwegen, und sie haben sich stetig weiterentwickelt in den vergangenen Jahren. Insbesondere, und das fällt auf, nutzen sie effektiv die Freiheiten der neuen Regeln, die seit dieser Saison gelten. Natürlich spielen alle Teams die sogenannte "schnelle Mitte", aber seit dieser Saison muss der anstoßende Spieler nicht mehr den Fuß auf der Mittellinie platzieren, damit das Spiel nach einem Gegentor freigegeben wird. Es genügt, wenn er den Mittelkreis betritt, sofort wird angepfiffen. Dass zudem nach angezeigtem Zeitspiel nur noch vier Pässe erlaubt sind, bringt zusätzliche Rasanz.

Im Team der Niederländer gibt es keinen waschechten Rückraum-Schmeißer

Die neuen Regeln haben das Handballspiel zwar nicht revolutioniert, aber nochmal deutlich beschleunigt. Also wird geflitzt, der Gegner überrannt, jede Lücke ausgenutzt, wenn die gegnerische Abwehrreihe noch nicht formiert ist. Und die Angriffe werden tendenziell noch ein wenig schneller abgeschlossen als früher. Verschnaufpausen? Fehlanzeige. Die Niederländer machen das so, die Skandinavier auch. Hinten ein Tor kassiert? Macht nichts. Schnell zum Anwurf, ein paar Sekunden später kann alles wieder ausgebügelt sein.

Einer wie Steins, 27, profitiert besonders davon, dass der Handball immer schneller wird und mit ein paar alten Gewissheiten bricht. Noch vor 20 bis 30 Jahren hätte der bloß 1,73 Meter kleine Mittelmann wohl keine Chance gehabt im Welthandball. Doch mittlerweile geht es längst nicht mehr darum, die längsten und kräftigsten Rückraumwerfer zu haben, sondern auch ein paar Wühler und Richtungswechsler, die schneller sind als alle anderen, unabhängig ihrer Körpergröße.

Handball-WM: Und schon wieder entwischt: Um ihn herum stehen deutlich größer gewachsene Argentinier, doch Luc Steins (rechts) kommt frei zum Wurf.

Und schon wieder entwischt: Um ihn herum stehen deutlich größer gewachsene Argentinier, doch Luc Steins (rechts) kommt frei zum Wurf.

(Foto: Krzysztof Porebski/Newspix/Imago)

Es gab schon viel Lob für Steins bei dieser WM, vom Norweger Christian O'Sullivan etwa, der sagte, Steins habe zeitweise mit den Norwegern "gemacht, was er wollte". Mit sechs Toren hatten die Niederlande geführt gegen den Favoriten, ehe sie noch knapp verloren. Das Tempo, das Steins mit seiner Mannschaft anschlage, sei "sehr schwer zu verteidigen", befand O'Sullivan.

Denn fast alles geht über die Geschwindigkeit bei den Niederländern. Im Team gibt es sogar nicht mal einen waschechten Rückraum-Schmeißer, der hochsteigt und so genannte einfache Tore erzielt. Steins spielt häufig zusammen mit Dani Baijens (HSV Hamburg, 1,82 Meter) und Kay Smits (SC Magdeburg, 1,85 Meter). Alle drei sind für Rückraumverhältnisse nicht sonderlich groß gewachsen, dafür flink und darauf getrimmt, in noch so kleine Lücken zu stoßen. "Sie spielen einen echt guten und sehr schnellen Handball", sagte der deutsche Rechtsaußenspieler Patrick Groetzki. Da komme ein "ganz schöner Wirbelwind auf uns zu", sagte auch Linksaußen Rune Dahmke.

Auch die Deutschen verfügen bei dieser WM über einen Rückraum, der aufs Tempo drücken kann

Doch auch bei den Deutschen tut sich was, das zeigt sich bei der Kaderkomposition von Bundestrainer Alfred Gislason für diese Weltmeisterschaft. Die Zeiten, in denen große Brecher vom THW Kiel die Abwehr organisierten und vorne so lange gekreuzt wurde, bis ein Spieler der Marke Pascal Hens aus dem Rückraum hochsteigen konnte, sind längst vorbei. Gislason hat in der Not, dass im deutschen Handball gerade keine Rückraum-Wurfmaschinen zu finden sind, eine neue Taktik ersonnen. Er spielt häufig mit Juri Knorr auf der Mittelposition, der zwar etwas größer und kräftiger ist, aber über ein ähnliches Repertoire verfügt wie der Niederländer Steins.

Auch der Halblinke Philipp Weber und der Halbrechte Kai Häfner sind eher Wühler und Durchbrecher. Alle drei können gemeinsam mächtig aufs Tempo drücken. Der einzige, der mit seinen zwei Metern Körpergröße optisch herausragt, ist Julian Köster auf Halblinks. Doch auch er ist mit flinken Füßen ausgestattet, was er insbesondere beweist, wenn er in der offensiven 3-2-1-Abwehrvariante vorgezogen deckt. Es wird ganz sicher kein langsames Spiel, wenn die Deutschen und Niederländer am Samstag aufeinandertreffen.

Natürlich kann es letztlich trotzdem sein, dass die Franzosen Weltmeister werden, mit all ihrer Erfahrung und mit Dika Mem, dem wurfgewaltigen Linkshänder im Rückraum - sofern er rechtzeitig von seiner Bauchmuskelzerrung gesundet. Oder die Dänen mit Mikkel Hansen. Viele andere Teams haben aber inzwischen die Chance, den großen Favoriten etwas entgegenzusetzen: ihre Schnelligkeit. Für den Handball ist das eine gute Nachricht.

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