Handball-Bundestrainer:Freie Fahrt für Gislason

Handball-Bundestrainer: Darf wohl weitermachen, wenn die Olympia-Qualifikation nicht schiefgeht: Handball-Bundestrainer Alfred Gislason.

Darf wohl weitermachen, wenn die Olympia-Qualifikation nicht schiefgeht: Handball-Bundestrainer Alfred Gislason.

(Foto: Kirill Kudryavtsev/AFP)

Der Deutsche Handballbund möchte den Bundestrainer mit einem langfristigen Vertrag ausstatten - sogar bis zur Heim-WM 2027. Nur die Olympia-Qualifikation sollte er auf dem Weg nicht vergeigen.

Von Carsten Scheele

Alfred Gislason wartet noch auf sein neues Arbeitspapier, dabei hätte es nach dem Ende der Europameisterschaft in Deutschland für den Handball-Bundestrainer so schnell gehen können: Platz vier bei dem Turnier im Januar, der erste Halbfinaleinzug seit fünf Jahren - es hätte vieles dafür gesprochen, den auslaufenden Vertrag mit Gislason sofort zu verlängern. Der Isländer selbst hatte kundgetan, dass er noch einige Jahre weiterarbeiten möchte. Also, "Alfred, machen wir weiter?" - "Ja, machen wir." Handschlag drauf.

Doch so einfach ist das in einem großen Sportverband wie dem Deutschen Handballbund (DHB) nicht. Der Bundestrainer musste zunächst zur Präsidiumssitzung in Hannover antanzen und seine mehrstündige EM-Analyse vorlegen; erst im Anschluss wurde offiziell der Beschluss gefällt, mit Gislason (und auch mit dem Frauen-Bundestrainer Markus Gaugisch) Vertragsgespräche zu beginnen. Nicht mit knapper Mehrheit, "sondern einstimmig", wie DHB-Vize und Ligapräsident Uwe Schwenker erklärt. Das Vertrauen in Gislason, im Amt seit 2020, sei groß.

Da jedoch nicht das DHB-Präsidium, sondern das Gremium um Sportvorstand Axel Kromer den Vertrag aushandelt, kann sich das alles noch ein paar Wochen hinziehen; vor dem Olympia-Qualifikationsturnier Mitte März in Hannover soll dann endlich Klarheit herrschen. Gislason soll ein langfristiges Arbeitspapier vorgelegt werden, sogar bis 2027, wenn Deutschland Ausrichter der übernächsten Handball-Weltmeisterschaft sein wird. Die kommenden vier großen Turniere soll Gislason damit verantworten.

Am lautesten hatte Bob Hanning über Gislason gegrantelt

An dieser Klarheit hatte es noch kurz nach der EM leise Zweifel gegeben. Platz vier war zwar ein schöner Erfolg, den vor dem Turnier mit dieser jungen, talentierten Gruppe um 23-jährige Schlüsselspieler wie Juri Knorr oder Julian Köster niemand erwartet hatte. Aus der Liga aber gab es den einen oder anderen kritischen Kommentar, dass noch mehr drin gewesen wäre, sogar eine Medaille. Doch Deutschland hatte, bei genauer Betrachtung, ebenso viele Spiele verloren wie gewonnen, Niederlagen gab es gegen die Medaillengewinner Frankreich, Dänemark und Schweden sowie gegen Kroatien. Dazu erwirtschaftete das Team ein glückliches Unentschieden gegen Österreich, was nur im Handballsport mit dem erklärungsbedürftigen Hauptrundenmodus noch zum Halbfinaleinzug reichen kann.

Am lautesten hatte Bob Hanning gegrantelt, der Geschäftsführer der Füchse Berlin und frühere DHB-Vizepräsident, der diesen Umstand in seiner eigenen EM-Bilanz hervorhob. "Zieht man den Heimvorteil ab, bleibt nicht sehr viel", urteilte Hanning in der Sport Bild. Einen Sieg in der Vorrunde gegen Nordmazedonien abzufeiern, das sei im Prinzip so, "als wenn Bayern Münchens Fußballer gegen Cottbus gewinnen". Gislason habe zwar vier U21-Weltmeister in seinen Kader berufen, was löblich sei, im Turnierverlauf aber zu selten auf Nils Lichtlein, Renars Uscins, Justus Fischer oder Torwart David Späth gesetzt. Dabei sei dies nötig, um die Zukunft im deutschen Handball zu gestalten.

Handball-Bundestrainer: Hat er recht? Bob Hanning, Füchse-Berlin-Geschäftsführer und ehemaliger DHB-Vizepräsident, war von der Leistung der Deutschen bei der Heim-EM unter Bundestrainer Gislason nicht überzeugt.

Hat er recht? Bob Hanning, Füchse-Berlin-Geschäftsführer und ehemaliger DHB-Vizepräsident, war von der Leistung der Deutschen bei der Heim-EM unter Bundestrainer Gislason nicht überzeugt.

(Foto: Andreas Gora/dpa)

Gislason hatte sich daraufhin zu einer Replik hinreißen lassen, er höre lieber den "Toptrainern" zu als Hanning, den er für "keine Koryphäe im Welthandball" halte. Geraunt wurde in der Branche trotzdem, dass es denkbar wäre, die Nationalmannschaft einem Jüngeren als dem 64-jährigen Isländer anzuvertrauen. Insbesondere die Namen von Maik Machulla (47 Jahre, zuletzt SG Flensburg-Handewitt) oder Florian Kehrmann (46, TBV Lemgo Lippe) machten die Runde.

"Es gab keine anderen Gespräche, nur mit Alfred", sagt Schwenker nun. Der Funktionär ist vielmehr heilfroh, dass er Gislason, mit dem er aus gemeinsamen Zeiten beim THW Kiel noch verbandelt ist, auch bei den kommenden Turnieren auf der Trainerbank weiß. Deutschland hat eine sehr junge Mannschaft beisammen, die sich noch entwickeln kann und muss - angeleitet von einem der erfahrensten Trainer, den es im Welthandball gibt. "Alfred hat dieses Standing", sagt Schwenker, "er nimmt sehr viel Druck von den jungen Spielern." Ein Trainerwechsel könnte sich in dieser Phase als kontraproduktiv erweisen, zumal alle anderen großen Handballnationen ebenfalls seit vielen Jahren mit ihrem jeweiligen Nationalcoach zusammenarbeiten.

Nur eines darf Gislason auf seinem Weg zur Heim-WM 2027 nicht passieren: eine vergeigte Olympia-Qualifikation. Der Erfolg beim Turnier in Hannover, wenn Deutschland zwischen dem 14. und 17. März auf Algerien, Kroatien und Österreich trifft, ist fest eingepreist. "Wir gehen schwer davon aus, dass Olympia klappt", sagt Schwenker. Einen der ersten beiden Plätze muss das DHB-Team in dieser Vierergruppe erreichen, um nach Paris zu fahren. Gelingt das nicht, wäre wohl auch die Langfristplanung mit Gislason hinfällig.

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