Großer Preis von Singapur:Eine Farce? Aber ja!

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Großer Preis von Singapur: Große Freude vor der Anhörung: Sergio Perez feiert direkt nach der Zieldurchfahrt einen Sieg, der danach in Zweifel gezogen wird.

Große Freude vor der Anhörung: Sergio Perez feiert direkt nach der Zieldurchfahrt einen Sieg, der danach in Zweifel gezogen wird.

(Foto: Andy Hone/Motorsport/Imago)

Erst zweieinhalb Stunden nach der Zieleinfahrt urteilen die Kommissare, dass Sergio Perez den Sieg trotz zweier Verstöße behalten darf. Warum kann das nicht während des Rennens geschehen?

Von Philipp Schneider

Sergio Perez jagte seinen Red Bull als Spitzenreiter über die vom Flutlicht bestrahlte Piste in Singapur. Zwei Zeiten hämmerten in seinen Gedanken. Fünf Minuten waren noch zu fahren, das wusste Perez, der Grand Prix würde nicht von seiner natürlichen Rundenzahl beendet werden, sondern das Zeitlimit sprengen. Und 3,5 Sekunden betrug sein Vorsprung auf seinen Verfolger Charles Leclerc. Höchstwahrscheinlich würde dieser Abstand nicht genügen. Denn während Perez raste, brüteten die Kommissare bereits über eine mögliche Strafe für den Mexikaner. Der hatte in einem von Unfällen geprägten Rennen den vorgeschriebenen Abstand zum vor ihm rollenden Safety Car zu groß werden lassen - erlaubt sind maximal zehn Wagenlängen. Die dafür drohende Strafe, das hatte ihm sein Renningenieur im Funk mitgeteilt: fünf Sekunden.

Perez trat aufs Gas, als sei nicht der freundliche Monegasse hinter ihm her, sondern der leibhaftige Teufel - und dehnte so seinen Puffer bis im Ziel auf 7,6 Sekunden vor Leclerc im Ferrari und dessen drittplatzierten Teamkollegen Carlos Sainz. Heureka! Den vierten Sieg seiner Karriere konnten ihm nicht einmal die Kommissare noch rauben. So dachten sie bei Red Bull. "Vamos, Checo!" rief der Teamchef Christian Horner in einem Anflug von Glück in den Funk. Und Perez kletterte auf die höchste Stufe des Podests, spritzte mit Champagner und reckte die Arme in Richtung des vom Feuerwerk illuminierten Himmels.

Er ahnte noch nicht, dass er danach, um 23.55 Uhr Ortszeit, zum Rapport bei den Stewards antreten musste.

Warum lassen sich in der Formel 1 nicht TV-Bilder auswerten, während der Sport betrieben wird?

Fünf Minuten vor der Geisterstunde in Singapur stellten die Kommissare Fragen. Derweil gab sich Mattia Binotto, der Teamchef von Ferrari, investigativ in TV-Interviews: Hatte Perez nicht den Maximalabstand zum Safety Car in gleich zwei verkehrsberuhigten Phasen überschritten? Zweimal fünf Sekunden sind zehn Sekunden. Zehn Sekunden Strafe minus 7,6 Sekunden Vorsprung machen 2,4 Sekunden Rückstand. Müsste Charles Leclerc also nicht mehr als eine Stunde nach Rennende zum Sieger von Singapur erklärt werden?

Ach was, sagte Perez, als er endlich voller Zuversicht zur wegen seiner Anhörung verspäteten Pressekonferenz erschien. Das Urteil war da noch längst nicht gesprochen. Er habe lediglich eine "Misskommunikation mit Bernd" gehabt. In manchen Passagen sei er "so schnell" gewesen in seinem Safety Car.

Erst zweieinhalb Stunden nach Rennende begründeten die Kommissare, weswegen Perez den Sieg behalten durfte: Tatsächlich hatte er zweimal gegen gegen das Reglement verstoßen. Für das erste Delikt kassierte er aber lediglich eine Verwarnung, weil die Bedingungen auf nasser Strecke sehr schwierig gewesen seien.

Eine Farce? Aber ja! Die verfrühte Siegerehrung, das späte Urteil, die Unfähigkeit der Rennaufsicht, zeitnah zu einem Ergebnis zu kommen. Warum lassen sich in der Formel 1 nicht TV-Bilder auswerten, während der Sport betrieben wird? Für die Erkenntnis, dass die Strecke nass war, bedurfte es keiner Anhörung des Fahrers.

Perez hat nun an diesem für Red Bull sehr seltsamen Wochenende ein paar Pünktchen gerettet. Nicht dass es wahrscheinlich wäre, dass diese der Teamkollegen Max Verstappen in der Endabrechnung benötigen wird. Aber der Niederländer ist in Singapur zwei Tage nach seinem 25. Geburtstag lediglich Siebter geworden und hat so seine erste Chance auf eine vorzeitige Titelverteidigung vergeben. In der Gesamtwertung führt er nach 17 von 22 Rennen mit 341 Punkten weiterhin komfortabel vor Leclerc (237 Punkte). Am kommenden Sonntag in Suzuka dürfte er höchstwahrscheinlich zum zweiten Titel brettern.

Streckenposten wischen mit Besen und Mopps das stehende Wasser von der Piste

Mit 65 Minuten Verspätung waren die Rennwagen ins Flutlicht gerollt, ein monsunartiger Regen hatte den Start verzögert. Bernd Mayländer war nach einer kleinen Bootstour mit seinem Safety Car zu dem Ergebnis gekommen, dass an einen pünktlichen Auftakt nicht zu denken war. Um 20 Uhr Ortszeit wischten noch immer Streckenposten mit Besen und Mopps das stehende Wasser von der Piste. Und als es dann losging, da hätte das Rennen noch immer einen dieser gelben Warnaufsteller mit der Aufschrift "Slippery when wet" verdient gehabt. Auf Mischreifen für wechselhafte Bedingungen rollten die Piloten umsichtig in die erste Runde.

Als der Pole Setter Leclerc, Perez und Lewis Hamilton die erste Kurve erreichten, hatten die Erstgenannten nach einem Blitzstart des Mexikaners schon die Positionen getauscht - und der Brite hatte seinen Platz an Sainz verloren. Perez führte nun sogleich das Rennen an - und Verstappen? Verlor seinen achten Platz noch vor der ersten Biege und sortierte sich vorübergehend als Zwölfter ein. Platz acht? Tatsächlich.

Die Qualifikation hatte eine der feineren Pointen in diesem einseitigen Titelkampf 2022 geliefert. Anstatt die in diesem Jahr von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen stolpernde Scuderia Ferrari schon in Singapur schachmatt zu setzen, trat Red Bull Racing diesmal selbst in eines - und zwar mit Anlauf. Auf Bestzeitkurs rollend wurde Verstappen bei seiner schnellsten Umdrehung in die Box gerufen. Sie hatten ihm zu wenig Sprit in den Tank fließen lassen für die finale Sause; anstelle einer möglichen Pole Position musste der Niederländer aus der bei Titelkandidaten eher unbeliebten Parkbucht Nummer acht in das Flutlicht von Singapur starten. "I don't get it, what the fuck is this about?", fluchte Verstappen in seinen Funk, das war die spontane und emotionale Kurzfassung seiner nachgereichten Analyse: "Das ist inakzeptabel. Du füllst das Auto für fünf Runden und willst sechs Runden fahren, die Logik passt nicht."

Fernando Alonso fährt sein sagenhaftes 350. Rennen

Vier Runden waren im Rennen bestritten, da hatte sich der Niederländer zwar schon wieder auf Position neun vorgekämpft, allerdings fehlten ihm bereits 21 Sekunden auf Spitzenreiter Perez - und weil er im dichten Verkehr hinter einem gewissen Sebastian Vettel steckte, wuchs der Abstand weiter an. Genau wie der des viertplatzierten Hamilton auf die Autos vor ihm. "Ich habe euch vor den Reifen gewarnt, in Zukunft hört ihr besser auf mich. Kein Grip!", motzte Hamilton im Funk in Richtung seines Teams, offensichtlich hatte er dafür plädiert, Regenreifen anzuschnallen.

Die hätten vielleicht auch geholfen, den Kontakt zwischen Zhou Guanyu und Nicholas Latifi zu verhindern, der Kanadier drückte erst den Chinesen, dann sich selbst in die Bande, für beide war das Rennen vorbei - das Safety Car rückte aus. Den Wiederstart konnte keiner der Verfolger für ein Überholmanöver nutzen, aber kurz darauf schaffte es Verstappen endlich vorbei an Vettel. Nach elf Runden war er wieder auf seinem Startplatz angekommen, zog dort angekommen aber sogleich vorbei an Pierre Gasly - und hing nun hinter Fernando Alonso fest. Der 41-jährige Spanier erlebte am Sonntag sein sagenhaftes 350. Rennen, ließ damit Kimi Räikkönen in der Statistik hinter sich und erhielt so die Weihen zum offiziellen Methusalem der Formel 1. Zur Feier des Tages erlaubte sich Alonso den kleinen Spaß, den mutmaßlich künftigen Weltmeister ein paar Runden länger als nötig auf sein gischtsprühendes Hinterteil glotzen zu lassen. Und wer weiß, wie lang Verstappen noch geglotzt hätte, wäre nicht plötzlich der Motor ausgegangen an Alonsos Alpine. Weil der nun einigermaßen im Weg stand, wurde das Virtuelle Safety Car (VSC) aktiviert.

Spannung zog das Rennen in dieser Phase vor allem aus der Frage, wann sich der erste Pilot auf Trockenreifen wagen würde. Und siehe da: George Russell ließ sich als Pionier Medium-Gummis an seinen Silberpfeil schrauben. Weil er ohnehin am Ende des Feldes rollte, war das eine nachvollziehbare Entscheidung. Wenngleich eine verfrühte, was er mit schlingernden Schlangenlinien und dürftigen Rundenzeiten unter Beweis stellte. Als nächstes krachte Alex Albon in die Streckenbegrenzung, und als das VSC wieder aktiviert wurde, verlangte dank der Erfahrungen mit Russell niemand mehr nach Trockenreifen. Auch nicht, als kurz darauf der nächste Alpine, jener von Esteban Ocon, mit einem Motorschaden ausrollte und das VSC schon zum dritten Mal blinkte.

Mick Schumacher verpasst die Punkte

An der Spitze drehten Perez und Leclerc einsam ihre Runden, der drittplatzierte Sainz konnte ihre Geschwindigkeiten nicht halten. Dafür tat ihm sein Verfolger Hamilton den Gefallen, den Bremspunkt zu verfehlen und den Frontflügel in die Bande zu bohren. Hamilton konnte weiterfahren und ordnete sich pikanterweise kurzzeitig vor Verstappen ein, seinem WM-Rivalen des vergangenen Jahres, den er nun selbstverständlich ebenfalls ausbremste mit der Schleichfahrt seines demolierten Mercedes. "Sein Frontfügel fällt bald ab!", rief Verstappen ängstlich ins Mikrofon. Fiel er aber nicht. Hamilton steuerte zwecks Reparatur rechtzeitig die Versorgungsgasse an, genau wie alle Piloten, die noch auf Mischreifen fuhren und nun - nach der Hälfte des Rennens - endlich nach Pneus für trockene Verhältnisse verlangten. Auch Yuki Tsunoda, der seinen Alpha Romeo auf den frischen Gummis sehr bald vom Asphalt beförderte.

Das nächste Safety Car ... zur Abwechslung mal wieder das reale, in dem seit Ewigkeiten Bernd Mayländer sitzt. Zum zweiten Mal ließ Perez den 51-jährigen Verkehrswächter aus Waiblingen zu weit enteilen.

Die finale Reihenfolge, bevor der Mexikaner versuchte, den Abstand auf seinen Verfolger aus Sorge vor einer Strafe zu vergrößern, lautete nun: Perez, Leclerc, Sainz, Norris und Verstappen. Der vorübergehende fünfte Platz ließ die Emotionen bei Verstappen überkochen. Beim Versuch, Norris auszubremsen, ruinierte er sich die Reifen - musste abermals an die Box und sortierte sich am Ende des Feldes wieder ein. Allerdings nur vorübergehend, weil ihm Russell und Mick Schumacher den Gefallen taten, sich bei einer Kollision ebenfalls Plattfüße zuzuziehen.

"Schumacher verteidigt, als wäre es das Rennen seines Lebens!", rief Russel empört ins Mikrofon. Das war es vielleicht aber auch. Anders als der junge Brite hat Schumacher noch immer kein Cockpit sicher für die kommende Saison. Am Sonntag wäre er wohl in die Punkte gefahren - so wurde er 13.

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