Formel 1:Auf allen Seiten herrscht Empörung

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Formel 1: Auf der Strecke ist Max Verstappen schnell, doch sein Red-Bull-Team macht Fehler beim Tanken.

Auf der Strecke ist Max Verstappen schnell, doch sein Red-Bull-Team macht Fehler beim Tanken.

(Foto: Mohd Rasfan/AP)

Max Verstappens Titelverteidigung in Singapur ist gefährdet - doch die Formel 1 beschäftigen ganz andere Themen. Hat Red Bull gegen das Ausgabenlimit verstoßen? Der Rennstall spricht von Diffamierung.

Von Elmar Brümmer, Singapur

Nach drei Jahren Abwesenheit ist die Formel 1 zurück in Fernost, und weil es die Wiederkehr zur Mutter aller Nachtrennen in Singapur ist, bleibt schon vor dem 16. WM-Lauf und der möglichen Krönung von Max Verstappen zum Weltmeister zu bilanzieren: Die Königsklasse des Motorsports sieht Flutlicht am Ende des Tunnels. Die Weltmeisterschaft ist geografisch wieder komplett, der Boom soll sich auch auf einen der wichtigen Kernmärkte übertragen. Aber schon droht gewaltig neuer Ärger.

Singapur als Drehkreuz für Südostasien hält an diesem Wochenende eine Art Weltwirtschaftsgipfel mit rasendem Beiprogramm ab. Über 90 000 Geschäftsleute sind laut der örtlichen Zeitung New Straits Times zusätzlich zum Grand Prix in der Stadt, darunter einige Wirtschaftstitanen - ein interessant gemischtes Publikum. Mice werden hier jene genannt, die sich auf Meetings, Einladungen, Kongressen und Hausmessen bewegen, mice wie Mäuse. Genau darum geht es auch immer in der Formel 1. Stefano Domenicali, ehemaliger Ferrari-Teamchef und vormals CEO von Lamborghini, will die Veranstalter des Rennens trotz der Konkurrenz des Gipfels bei Laune halten. Singapur habe schon vor 15 Jahren den Standard gesetzt, Rennen, Business und Show unter einen Hut zu bringen. Domenicali, der in Diensten des Hollywood-Konzerns Liberty Media steht, spricht immer häufiger von seiner Serie als "Produkt", und er verkauft es gern unter der Kategorie "Sportunterhaltung".

Der WM-Zweite Charles Leclerc steht ganz vorn, zum neunten Mal in dieser Saison

Wie lohnend das Asien-Geschäft ist, hat sich gerade in dieser Woche gezeigt. Der Vertragsverlängerung von Guanyu Zhou bei Alfa Romeo, dem ersten chinesischen Piloten in der Formel 1, folgte die Ankündigung des Kommunikationsgiganten China Telecom, künftig alle WM-Läufe auf seiner Plattform zu streamen. Mercedes-Teamchef Toto Wolff meldete aus dem nahen Kuala Lumpur einen Sponsoring-Deal mit dem Ölkonzern Petronas von 2026 an. Das ist ungewöhnlich, weil der aktuelle Vertrag ohnehin noch vier Jahre läuft. Viele wollen am Aufschwung des Top-Motorsports partizipieren, auch die internationale Sky-Sendergruppe hat ihre Verträge dank steigender Abonnentenzahlen verlängert.

Der sportliche Auftakt zur vielleicht frühesten Titelentscheidung seit 20 Jahren war am Samstag höchst telegen, beeinflusst durch einen Monsunschauer vor der Qualifikation. Als die Strecke zum Schluss trocken war, lag WM-Spitzenreiter Max Verstappen zweimal klar auf Kurs Pole-Position, aber einmal brach er seinen Lauf ab und im finalen Umlauf musste ihn sein Team stoppen, sonst wäre am Ende nicht mehr die Mindestmenge Benzin im Tank gewesen. Red Bull Racing hatte sich glatt verkalkuliert. So blieb nur Startplatz acht. Stattdessen steht der WM-Zweite Charles Leclerc am Sonntag ganz vorn, zum neunten Mal in dieser Saison. Verstappen, der momentan mit 116 Zählern Vorsprung auf den Monegassen die Gesamtwertung anführt, müsste nach dem Rennen 138 Punkte Vorsprung haben, um den WM-Titel zu Verteidigen. Nach dem Ergebnis des Qualifyings sieht es eher nach Vertagung aus, doch auf diesem Stadtkurs ist alles möglich.

Neben Titelkampf, Hitze, Luftfeuchtigkeit und Regenwahrscheinlichkeit ist das budget cap das beherrschende Thema im Fahrerlager an der Marina Bay. Kommenden Mittwoch wollen die vom Automobilweltverband Fia beauftragten externen Buchprüfer offenlegen, ob sich in der vergangenen Saison alle zehn Rennställe an die Ausgabengrenze von 148,6 Millionen Dollar gehalten haben. Vergangenes Jahr galt das Limit zum ersten Mal, aber die bewährten Verhaltensmuster im Grand-Prix-Sport greifen bereits bei der Premiere. Noch ehe die Zahlen veröffentlicht sind, sickerte durch, dass wohl zwei Rennställe überzogen haben. Einer ein bisschen, einer massiv. Auch die Namen der angeblichen Sünder blieben nicht lange geheim, es soll sich um Aston Martin und Red Bull Racing handeln.

Es drohen hohe Geldbußen, Sperren, Punkteabzüge

Sollte sich das bestätigen, droht nach dem sportlichen Skandal am Ende der vergangenen Saison neuerlich gewaltiger Ärger. Melden die Prüfer Verfehlungen, müssen diese durch unabhängige Finanzrichter bewertet werden. Einen genauen Strafenkatalog gibt es nicht, aber neben hohen Geldbußen drohen auch Sperren und Punkteabzüge. Letztere auch rückwirkend. Das könnte im Extremfall ein ganz neues Endresultat der WM-Tabelle ergeben, unklar ist, ob auch die Fahrer bestraft werden können.

Schon ist wieder ein neues Maß an Misstrauen in der Formel 1 erreicht. Dementsprechend fordern Teamchefs wie Toto Wolff von Mercedes die volle Härte, sie prangern Wettbewerbsverzerrung und die Aushöhlung der neuen Regeln an. Der Österreicher sieht das nicht bloß als Revanche für die Vorkommnisse im vorjährigen Finale, sondern aus Prinzip: wer in der letzten Saison überzogen habe, verschaffe sich einen Vorteil über drei Rennjahre.

Formel 1: Christian Horner, Chef von Red Bull Racing, geht in den Verteidigungsmodus über.

Christian Horner, Chef von Red Bull Racing, geht in den Verteidigungsmodus über.

(Foto: Memmler/Eibner/Imago)

Empörung herrscht auf allen Seiten. Red-Bull-Teamchef Christian Horner macht bereits Rufschädigung geltend: "Das ist diffamierend." Er gibt sich sicher, er habe alle Regeln und Grenzen eingehalten. Den Briten stört, dass die Konkurrenz offenbar nicht nur die Informationen lanciert hat, sondern auch gleich Strafen fordere. Namen hatten die Verantwortlichen von Ferrari und Mercedes natürlich nicht genannt. An Horners Wut ändert das wenig: "Wir wollen, dass diese Aussagen widerrufen werden. Es ist nicht akzeptabel, so etwas zu sagen." Über das Timing macht er sich im Übrigen keine Illusion: "Es ist nicht zufällig, dass es gerade dann geschieht, wenn Max seine erste Titel-Chance hat."

Die Frauen-WM steht in ihrer zweiten Saison schon wieder an ihrem Ende

Die Buchprüfer haben es mit vielen Ausnahmen beim Limit zu tun, so werden Top-Gehälter, Marketingausgaben und Motoren extra gezählt. Eine enorme Grauzone ist dies, in der Kostenstellen hin- und hergeschoben werden können, weil viele Teams rechtlich in unterschiedliche Firmen aufgeteilt sind. Überschreitungen von fünf Prozent, also etwas über sieben Millionen Dollar, gelten nur als "kleinere Regelverletzung". Allerdings kann sich diese Summe zur Verbesserung der Rundenzeiten erheblich auswirken, ein Rennstallchef setzt die Budgetverletzung daher mit Doping in anderen Sportarten gleich. Die Regelhüter der Fia gestehen nur ein, dass sie in Singapur "unbegründete Spekulationen und Vermutungen" bemerkt hätten. Man werde sich ans Prozedere halten.

Ganz offen hingegen wurde bekannt, dass die W Series bereits in ihrer zweiten Saison finanziell am Ende ist. Singapur könnte den letzten Auftritt der reinen Frauen-Meisterschaft sehen, denn nicht mal die Flugkosten zu den geplanten beiden Rennen in Nordamerika sind gesichert, nachdem der Investor aus den USA abgesprungen ist.

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