Formel 1:Schlecht für die Show

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Formel 1: Bis zum Schluss ein Rennen fahren? Beim nächsten Mal wieder. Max Verstappen (links) rollt hinter dem Safety Car zum Sieg in Monza.

Bis zum Schluss ein Rennen fahren? Beim nächsten Mal wieder. Max Verstappen (links) rollt hinter dem Safety Car zum Sieg in Monza.

(Foto: Luca Bruno/dpa)

In Monza tuckern die Formel-1-Autos hinter dem Safety Car über die Ziellinie. Was bleibt, ist der Frust der Tifosi - und die Debatte über eine Regel, die nach dem umstrittenen Saisonfinale 2021 präzisiert wurde.

Von Anna Dreher

Hatte dieser junge Mann hier gerade gewonnen oder verloren? Als Charles Leclerc aufs Podium kam, jubelten ihm Tausende Ferrari-Fans zu, als hätte er ihnen beim Heimspiel zum 75. Geburtstag der Scuderia und zum 100. Geburtstag des Autodromo Nazionale di Monza einen großen Triumph geschenkt. Der eigentliche Sieger sollte die Bühne erst noch betreten, aber als Max Verstappen kam, wurde gebuht und gepfiffen. "Die Atmosphäre war für mich nicht so toll. Aber es ist, wie es ist", sagte er später.

Dabei, vermutete Ferrari-Teamchef Mattia Binotto, habe der Frust weniger Red-Bull-Mitarbeiter Verstappen gegolten: "Ich glaube, hier haben die Tifosi die Fia ausgebuht, weil sie der Meinung waren, dass es früher hätte enden sollen." Dieses Rennen ging ja nicht auf die übliche Weise vorbei. Diejenigen, die es mit den Roten halten, fühlten sich betrogen - und manch einer dachte wohl an das umstrittene Saisonfinale von 2021.

46 von 53 Runden waren gefahren, als Daniel Ricciardo seinen McLaren am Streckenrand abstellen musste. Damit setzte er zum einen jene kuriose Statistik fort, dass seit 2019 der Monza-Sieger des Vorjahres stets beim nächsten Besuch mit einem technischen Defekt ausgeschieden ist - und eine Kettenreaktion in Gang, die den Rennausgang prägen sollte. Sein Auto hatte er zwar korrekt, aber an einer nicht gerade idealen Stelle geparkt, nämlich so, dass der Abtransport nicht fix über die Bühne gehen konnte. Und so dauerte das Procedere länger, als es dem unfallfreien Vorfall nach erwartet werden konnte. Weil dort kein Kran bereitstand, musste dieser erst gebracht werden. Zusätzlich verzögerte sich die Bergung, weil die Streckenposten den Gang nicht rausbekamen, um den Wagen zu bewegen.

"Wir verstehen nicht, warum es so lange gedauert hat, die Autos hinter dem Safety Car durchzuwinken", sagt Ferrari-Teamchef Binotto

Das Fahrerfeld war zu diesem Zeitpunkt noch auseinandergezogen und musste erst hinter dem Safety Car versammelt werden, auch, um sichere Aufräumarbeiten zu gewähren. Als dieses in der 47. Runde losgeschickt wurde, war es jedoch nicht vor dem führenden Max Verstappen, sondern vor dem drittplatzierten Mercedes von George Russell auf die Strecke gekommen, der gerade an der Box gewesen war. Zwei Runden dauerte es, bis die Karawane einigermaßen beieinander war und im Sinne der eigentlichen Reihenfolge das Safety Car überholt werden durfte, um im Anschluss das Rennen fortzusetzen - mit Verstappen als Erstem hinter dem Sicherheitswagen. Dass mit der Überholfreigabe so lange gewartet wurde, begründete die Rennleitung mit dem langen Anfahrtsweg des Krans quer über die Strecke.

Formel 1: Max Verstappen erreicht das Podium in Monza - doch ihn erwartet nicht etwa Jubel, sondern Buh-Rufe.

Max Verstappen erreicht das Podium in Monza - doch ihn erwartet nicht etwa Jubel, sondern Buh-Rufe.

(Foto: Mark Thompson/Getty Images)

Als Verstappen hinter dem Safety Car angekommen und der McLaren abtransportiert war, kam ein Neustart mangels verbleibender Runden jedoch nicht mehr in Frage. Gemäß den Regularien hätten sich die Überrundeten wieder zurückrunden und das Safety Car erst am Ende des nächsten Durchgangs zurück in die Garage abbiegen dürfen. Dafür blieb nicht mehr genug vom Grand Prix übrig. Also tuckerten die Hochgeschwindigkeitsboliden hinter dem Warnblinklicht über die Ziellinie. Für einen Abbruch mit Neustart war der Vorfall nicht schwer genug.

"Das Ende war frustrierend, wir hätten uns gewünscht, dass wir nochmal das Rennen fahren können", sagte Leclerc: "Ich habe alles gegeben und natürlich gerne gewonnen. Das ging halt nicht." Was aber weniger am ungewöhnlichen Ende des 16. Grand Prix dieser Saison lag, sondern an der erneuten Überlegenheit der Konkurrenz. Durch die Unterbrechung des Rennens schrumpfte der deutliche Vorsprung Verstappens auf Leclerc zwar, bei einem Neustart wäre ein enges Duell möglich gewesen, aber laut Binotto war der Red Bull in jedem Fall wieder mal zu schnell. Nach seinem elften Sieg führt der 24-Jährige die Gesamtwertung mit 116 Punkten Vorsprung an. "Man muss versuchen, so perfekt wie möglich zu sein - und bei den meisten Gelegenheiten in dieser Saison waren wir ziemlich gut darin", sagte Verstappen. Ausgebuht zu werden lässt sich da leicht verkraften.

"Wir akzeptieren und verstehen das", sagte Binotto angesichts der Verzögerungen: "Aber wir verstehen nicht, warum es so lange gedauert hat, die Autos hinter dem Safety Car durchzuwinken. Das hätte alles besser gemacht werden können, es wäre genug Zeit gewesen. Ich weiß nicht, warum das nicht gemacht wurde." Red-Bull-Teamchef Christian Horner befand: "Wir müssen das schnell angehen." Motorsport-Berater Helmut Marko stellte das Zurückrunden in Frage: "Es spielt überhaupt keine Rolle und es wäre ein tolles Finish gewesen."

Die Fia hält sich diesmal an die Regeln - das ist schlecht für die Show, sorgt aber für Klarheit

Erinnerungen an das letzte Rennen der vergangenen Saison kamen auf, als der Titelkampf stark beeinflusst wurde von einer Safety-Car-Phase und der Entscheidung der Rennleitung: In Abu Dhabi hatte Verstappen auf den letzten Metern im Grand Prix und in der Gesamtwertung an Mercedes-Pilot Lewis Hamilton vorbeiziehen können, weil der damalige Rennleiter Michael Masi den Regelabschnitt mit der Reihenfolge und dem Zurückrunden freier interpretierte, um genug Zeit zu haben, damit das Rennen abermals gestartet und in vollem Tempo statt hinter dem Safety Car beendet werden konnte. Nach dem Eklat ist das Regelwerk was das Zurückrunden der Autos während einer Safety-Car-Phase angeht präzisiert worden, die Anleitung ist nun ganz klar - und daran hielt sich Masis Nachfolger Niels Wittich. Das war zwar schlecht für die Show, sorgte letztlich aber für Klarheit.

"Das ist die Regel, die muss man befolgen. Selbst wenn es nicht das spektakulärste Ende bringt", sagte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff. Sein McLaren-Kollege Andreas Seidl ordnete die Forderung einer Regeländerung so ein: "Darüber haben wir viele Stunden mit allen Teamchefs, der Fia und der Formel 1 diskutiert, ohne eine Lösung zu finden. Daher: Deckel drauf, das passiert manchmal." Auch Binotto schloss Anpassungen aus: "Das ist keine Frage einer Regeländerung, die wurden ausgiebig diskutiert. Aber sie müssen einen besseren Job machen, so ist es nicht gut für die Formel 1." Auf die Kritik reagierte ein Sprecher des Motorsportweltverbands Fia: Die Sicherheit sei die einzige Priorität, das Rennen endete "gemäß den zwischen der Fia und allen Teilnehmern vereinbarten Verfahren". Der Zeitpunkt der Safety-Car-Phase spiele hierbei keine Rolle.

Am Ergebnis hätte sich wohl ohnehin nichts geändert, Verstappen hatte sich beim Boxenstopp frische weiche Reifen montieren lassen, Leclerc gebrauchte. Der Weltmeister wäre auch in einem Sprint kaum zu schlagen gewesen. Die Chance für Ferrari war zu klein, die für Verstappen, in den nächsten zwei Rennen in Singapur und Japan vorzeitig den Titel zu holen, ist nun umso größer.

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