Schweiz gegen Serbien:Ein Spiel, das die Disziplin aller auf die Probe stellt

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Schweiz gegen Serbien: Emotionen satt: Xherdan Shaqiri (2.v.l.) bringt die Schweiz gegen Serbien in Führung.

Emotionen satt: Xherdan Shaqiri (2.v.l.) bringt die Schweiz gegen Serbien in Führung.

(Foto: Mike Egerton/dpa)

Die Schweiz steht nach einem hitzigen 3:2 gegen Serbien zum dritten Mal hintereinander in einem WM-Achtelfinale - ganz ohne Tumulte geht es aber auch bei diesem Aufeinandertreffen nicht.

Von Ulrich Hartmann

Fünf Schweizer Fußballer haben diesen Winter noch etwas gutzumachen. Das Quintett hat die vergangenen beiden WM-Achtelfinal-Enttäuschungen der Eidgenossen miterlebt: Yann Sommer, Haris Seferovic, Ricardo Rodriguez, Xherdan Shaqiri und Granit Xhaka waren bereits dabei, als die Schweiz bei der WM 2014 im Achtelfinale an Argentinien scheiterte und bei der WM 2018 an Schweden. Groß war damals der Frust. Schwer wog seither die Ungeduld. Jetzt bekommen sie eine dritte Chance.

Am kommenden Dienstagabend in Lusail spielen die Schweizer ihr drittes WM-Achtelfinale nacheinander, diesmal gegen Portugal. Die fünf doppelt frustrierten Spieler von 2014 und 2018 sind auch dabei, und sie haben sich ihre Chance hart erkämpft. Im finalen Gruppenspiel am Freitagabend gegen Serbien bedurfte es nach spektakulär hin- und herwogender Partie eines 3:2 (2:2)-Erfolgs, um hinter Brasilien als Gruppenzweiter die Runde der 16 besten Nationen zu erreichen. Dass sie in diesen erlauchten Kreis gehören, wissen sie als Nummer 15 der Weltrangliste. Nun aber wollen sie endlich einmal ins Viertelfinale. Ihr letztes bei einer WM war: 1954.

Murat Yakin ist nach Ottmar Hitzfeld (2014) und Vladimir Petkovic (2018) der dritte Nationaltrainer, der sich am Schweizer WM-Viertelfinale versucht. Im vergangenen August erst hat er sein Amt angetreten. Es gab bei dieser WM anfangs gewisse Zweifel nach einem mageren 1:0 gegen Kamerun und einem 0:1 gegen Brasilien. Mutlos nannte mancher den Spielstil jener Mannschaft, die dem helvetischen Schlachtruf "Hopp Schwiiz!" folgt. Gegen Serbien wirkte die Mannschaft druckvoller - allerdings machte sie dies in der Abwehr auch anfälliger. So erwuchs ein sehr unterhaltsames Spiel.

Keine Provokationen? Dieses Versprechen wird schon nach 20 Minuten auf die Probe gestellt

Dieses Duell war nicht nur tabellarisch und fußballerisch, sondern auch politisch aufgeladen. Bei der WM in Russland vor vier Jahren hatten die albanischstämmigen Schweizer Xhaka und Shaqiri nach ihren Treffern zum 2:1-Sieg gegen Serbien mit den Händen den albanischen Wappenadler geformt - eine Provokation gegen Serbien, das den Kosovo nicht anerkennt. Diesmal war vor der Revanche im Internet ein Schnappschuss aus der serbischen Kabine aufgetaucht mit dem Umriss des Kosovo hinter serbischen Nationalfarben. Spieler und Trainer hatten allerdings beschworen, das Duell auf den Fußball zu reduzieren. Keine Provokationen! Keine Politik!

Auf die Probe gestellt wurde das Versprechen bereits nach 20 Minuten, denn da erzielte Shaqiri das 1:0 für die Schweiz. Im Jubel zeigte er mit beiden Daumen auf den rückwärtigen Namenszug auf seinem Trikot und legte mit grimmigem Blick ins Publikum den Zeigefinger auf die Lippen. Er wollte wohl beruhigen - oder wieder provozieren?

Auch die Bundesliga spielte beim brisanten Duell im Containerstadion von Doha eine Rolle. Sieben aktuelle und elf ehemalige Fußballer aus der Bundesliga gehören bei dieser WM zum Kader der Schweiz; ein aktueller und sieben ehemalige gehören zum Kader Serbiens. Aus dem wuchtigen serbischen Sturm allerdings ist Filip Kostic (ehedem VfB Stuttgart und Eintracht Frankfurt) der einzige mit Deutschland-Erfahrung. Er sah die Stars seines Teams das Ergebnis zunächst umdrehen.

Aleksandar Mitrovic (FC Fulham, Marktwert: 30 Millionen Euro) köpfelte in der 26. Minute den 1:1-Ausgleich für Serbien. Dusan Vlahovic (Juventus Turin, 80 Millionen) schoss in der 35. Minute das 2:1. Der Schweizer Torwart Yann Sommer und der Innenverteidiger Nico Elvedi mussten das Spiel stark erkältet im Hotel anschauen. Für die beiden Gladbacher spielten Borussia Dortmunds Torwart Gregor Kobel und der ehemalige Hoffenheimer Fabian Schär.

Schweiz gegen Serbien: Umsonst gestreckt: Breel Embolo überwindet Serbiens Torwart und vollendet damit einen vorzüglichen Angriff seiner Kollegen zum 2:2.

Umsonst gestreckt: Breel Embolo überwindet Serbiens Torwart und vollendet damit einen vorzüglichen Angriff seiner Kollegen zum 2:2.

(Foto: Justin Setterfield/Getty Images)

Der ehemalige Schalker und Gladbacher Breel Embolo brachte die Schweizer kurz vor der Pause (2:2, 44.) zurück ins Spiel und finalisierte damit die bislang torreichste erste Halbzeit der WM. Im Fußballjargon spricht man von einem psychologisch wichtigen Zeitpunkt, und dass die sehr erfahrenen Schweizer sich mit so etwas auskennen, demonstrierte Remo Freuler zu einem nicht minder relevanten Zeitpunkt: mit dem 3:2 in der 48. Minute. Keinen allzu stabilen Eindruck machte die serbische Abwehr um den Bremer Innenverteidiger Milos Veljkovic, der sechs Minuten später ausgewechselt wurde.

In der 65. Minute kam es vor den Bänken dann doch zu Tumulten, in die beide Mannschaften samt Betreuern involviert waren wegen eines nicht gegebenen Elfmeters für Serbien. Die Disziplin aller Beteiligten wirkte brüchig. Shaqiri wurde ausgewechselt, vielleicht, um ihn vor Schlimmerem zu bewahren. Nerven waren gefragt, um den Erfolg über die Zeit zu bringen. In der Nachspielzeit kam es noch mal zur Rudelbildung. Im Zentrum erneut: Granit Xhaka mit einer obszönen Geste - ein Nachspiel mit Sanktionen ist nicht ausgeschlossen.

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