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Fußball in Frankreich:"Am Ende wird es wieder nur ums Geschäft gehen"

Dreizack beim Meister Paris Saint-Germain: Neymar, Kylian Mbappé und Angel di Maria (v.l.n.r.).

(Foto: AFP)

Frankreichs Ligue 1 hat die Saison bereits beendet. Kommentator Didier Roustan spricht über die Probleme, die der Abbruch nach sich zieht - und über die Zukunft des Fußballs in Europa.

Interview von Jean-Marie Magro

Didier Roustan, 62, ist eine Instanz in Frankreich. Seit mehr als 40 Jahren berichtet er über Fußball. Seitdem kommentierte er unzählige Partien und gründete vor 25 Jahren zusammen mit Spielern wie Éric Cantona und Diego Maradona die erste internationale Spielergewerkschaft.

Nun kommentiert Roustan das Fußballgeschehen in Diskussionsrunden des Sportsenders L'Equipe 21. Er betreibt außerdem einen vielbeachteten Blog und einen wöchentlichen Podcast namens Roustan Foot, den Zehntausende abonniert haben. In diesem philosophiert er oft mehr als eine Stunde lange über den Sport und schwelgt in Erinnerungen. Roustans Spitzname lautet "Che Guevara", weil er seit Jahren die Meinung vertritt, dass es im Fußball zu viel um Geld geht.

Herr Roustan, die Saison in Frankreich ist vorbei. Wie kam es dazu?

Nun ja, der Premierminister Édouard Philippe hat die französische Profiliga vor vollendete Tatsachen gestellt. Der Regierungsbeschluss lautet nämlich, dass es keine Sportveranstaltungen bis September geben soll.

Das war am Montag.

Seitdem haben die Klubbosse und -vertreter über eine Lösung verhandelt: Annullieren wir die Spielzeit einfach? Nehmen wir den derzeitigen Tabellenstand als Endergebnis?

Didier Roustan

(Foto: oh)

Worauf hat man sich geeinigt?

Die Tabelle konnte nicht einfach so eingefroren werden, da sowohl Paris als auch Straßburg ein Spiel weniger ausgetragen hatten als die anderen. Also entschieden sich die Vertreter mehrheitlich dafür, dass der Punktekoeffizient rangezogen werden sollte.

Also wie viele Punkte eine Mannschaft über die bereits gespielten Partien im Schnitt erzielt hatte. Bei Paris Saint-Germain waren das zum Beispiel 2,52 Punkte pro Spiel.

Und dieser Koeffizient wird mit den ausstehenden Spielen multipliziert. Das führt dazu, dass Paris wieder Meister ist, Marseille sich direkt für die Champions League qualifiziert und Rennes sich noch in der Qualifikation ein Ticket sichern könnte. Der Vorletzte Amiens und der Letzte Toulouse steigen direkt ab. Nîmes, das auf dem 18. Platz liegt, muss in die Relegation.

Klingt logisch.

Nur dass der Gegner noch nicht feststeht. Denn um die Relegation für den Aufstieg wird es in der zweiten Liga noch ziemlich heiß hergehen. Alle, vom dritten bis zum sechsten Platz in der Ligue 2, müssen sich in Playoff-Spielen um den einen begehrten Relegationsplatz streiten.

Und wer regt sich am meisten auf?

Auf der einen Seite sind das selbstverständlich die Absteiger Toulouse und Amiens. Wobei Toulouse ziemlich offensichtlich versucht, die Situation für sich auszunutzen. Die Mannschaft lag 14 Punkte hinter dem Relegationsplatz und war damit mit einem Fuß und vier weiteren Zehen schon abgestiegen. Dazu noch einige Teams aus der zweiten Liga, die behaupten, sie hätten auch direkt aufsteigen können. Schließlich, an prominentester Stelle, Lyon, das nunmehr Siebter wurde und damit weder an der Champions League und noch nicht einmal an der Europa League teilnehmen wird. Diese Vereine haben angekündigt, vor Gericht zu ziehen. Doch es gibt nun mal keine Lösung in so einer Ausnahmesituation, die alle zufriedenstellt, sondern nur eine, die am wenigsten schlecht ist.

Ist sie das, die am wenigsten schlechte Lösung?

Ich kann sie nachvollziehen. Aber wenn ich hätte entscheiden dürfen, wäre ich wohl auf ein anderes Ergebnis gekommen. Ich hätte niemanden absteigen, dafür die beiden ersten der zweiten Liga aufsteigen lassen und ausnahmsweise ein Jahr lang mit 22 Mannschaften statt 20 spielen lassen. Dafür würde es dann im nächsten Jahr vier direkte Absteiger geben. Doch selbst dieses Modell hätte Verlierer produziert.

Ein solcher Abbruch ist bei den Vereinsvertretern in Deutschland derzeit unvorstellbar. War dies in Frankreich genauso?

Am Anfang? Selbstverständlich. Mit der Zeit hatte sich die Situation ein bisschen weiterentwickelt. Zwei, vielleicht drei Vereinspräsidenten, darunter Denis Le Saint von Stade Brest, stellten sich gegen dieses Dogma und meinten, es nütze doch nichts, unverhältnismäßig hohe gesundheitliche Risiken einzugehen. Und schließlich hatte der Fall des Montpellier-Profis Junior Sambia, der sogar im Koma lag, alle etwas aufgerüttelt.

Doch in Frankreich herrschen sicherlich die gleichen Sorgen wie hierzulande. Nämlich, dass TV-Gelder nicht ausbezahlt werden.

Natürlich, das ist der Ursprung des Problems. Egal in welchem Land auf dieser schönen Erde, es dreht sich am Ende doch immer nur ums Geld. Durch diesen Saisonabbruch entgehen dem französischen Fußball 243 Millionen Euro. Wenn so viele Vereine so lange darauf beharrt haben, dass weitergespielt werden soll, hat es doch nur einen Grund: Sie wollen die Millionen der Fernsehanstalten. Und wenn sie eine Saison mit 22 Mannschaften ablehnen, dann hat das auch einen Grund. Dass sie nämlich den Kuchen nicht mit zwei weiteren Gästen teilen wollen.

Droht denn Vereinen die Pleite?

Bisher rumort es in der Branche nur. Man erzählt sich von drei bis vier Vereinen, denen es nicht so gut geht, doch wirklich konkret wurden diese Gerüchte noch nicht. Das Glück im Unglück besteht für diese Klubs darin, dass die Fernsehgelder für die kommende Saison noch üppiger ausfallen sollen als davor. Das Rad dreht sich weiter.

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