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Saisonabbruch:Frankreich setzt Signale

Die Liga ist abgebrochen, aber geht es für Thomas Tuchel und PSG noch in der Champions League weiter?

(Foto: AFP)

Mit der Ligue 1 bricht die erste große europäische Fußballliga die Spielzeit ab - und steuert auf eine womöglich existenzbedrohende Krise zu.

Von Leo Klimm, Paris

Die Vereinsoberen von Paris Saint-Germain hatten Neymar schon angerufen, um ihn aus der Corona-Pause in der brasilianischen Heimat nach Frankreich zurückzubeordern. Von 11. Mai an sollte der PSG-Topstürmer das Mannschaftstraining wieder aufnehmen. Auch die übrigen französischen Profivereine hatten geplant, den Betrieb zu diesem Zeitpunkt neu anzufahren. Doch sie hatten die Rechnung ohne Édouard Philippe gemacht.

Der Traum der Fußballbosse, sie könnten ihr Geschäft trotz Epidemie fortsetzen - Frankreichs Premierminister hat ihn mit kompromissloser Härte zerstört: "Die Saison 2019/2020 des Profisports kann nicht wieder aufgenommen werden, das gilt auch für den Fußball", verkündete Philippe im Parlament. Für die Kicker gilt dasselbe wie für alle Mannschaftssportler im Land: Ihr Sport bleibt verboten.

Generell dürfen vor September keine Großereignisse stattfinden, was sogar die Tour de France ins Wanken bringen könnte. Die Rundfahrt wurde am 15. April um zwei Monate verlegt und soll nun vom 29. August bis zum 20. September stattfinden. Das Sportministerium teilte nach Philippes Rede zwar mit, dass die Tour nach wie vor machbar sei, mit weniger Zuschauern etwa. Tour-Direktor Christian Prudhomme hatte sich dagegen zuletzt aber stets gewehrt.

Mit der französischen Ligue 1 bricht indes die erste große europäische Fußballliga die Spielzeit ab - und steuert auf eine womöglich existenzbedrohende Krise zu. Jedenfalls zeigen sich die Vereine, die im Dachverband LFP zusammengeschlossen sind, weit stärker erschüttert als am Wochenende von der Nachricht, dass Junior Sambia von Montpellier HSC, der erste coronakranke Spieler der Liga, auf der Intensivstation liegt.

PSG hat noch nicht abgeschlossen mit dieser Saison

Wie gelähmt hat die LFP den erzwungenen Saisonabbruch erst mal nur "zur Kenntnis genommen". Die 20 Klubs waren fest davon ausgegangen, von Mitte Juni bis Anfang August die unterbrochene Saison zu Ende spielen zu können. Nun aber ist nach 28 Spieltagen Schluss: PSG ist Erster, Marseille Zweiter, Rennes Dritter. Toulouse und Amiens liegen auf Abstiegsplätzen. Inwieweit die Tabelle gewertet wird, ob Paris zum Meister gekürt wird - das ist noch offen.

Womöglich macht das französische Beispiel sogar Schule. Die Bundesliga mag sich nicht davon abbringen lassen, die Saison fortzusetzen, Spanien will sich hier lieber an Deutschland als an Frankreich orientieren. In Italien dagegen verlautbart der Sportminister schon unter Verweis auf Frankreich, die Wahrscheinlichkeit sei gering, dass die Serie A noch beendet werde - die Vereine sollten sich auf die nächste Saison konzentrieren.

So weit sind aber die französischen Profivereine selbst noch nicht. An diesem Donnerstag schaltet sich der LFP-Verwaltungsrat zunächst zu einer Krisensitzung zusammen, um zu klären, was das Spielverbot wirtschaftlich bedeutet. Ginge die Saison regulär zu Ende, würden die Vereine noch 278 Millionen Euro an Fernsehrechten von den Sendern Canal Plus und BeIn Sports einstreichen. Canal Plus hat aber schon wissen lassen, dass das Unternehmen nichts mehr zahlt.

Für die Klubs kommt der Ausfall aus Zuschauereinnahmen und Sponsorengeldern hinzu. Außerdem belasten hohe Spielergehälter die Kassen: Eine Anfang April mit der Spielergewerkschaft UNFP geschlossene Grundsatzvereinbarung, dass die Bezüge vorübergehend um bis zu 50 Prozent sinken können, konnte auf Vereinsebene bisher kaum umgesetzt werden. All dies könnte für reiche Vereine wie PSG verkraftbar sein. Dagegen könnte Marseille, das schon die Vorsaison mit einem Verlust von 91 Millionen Euro abschloss, bald ums Überleben kämpfen.

Vor der LFP-Krisensitzung herrscht auch noch Streit. Viele Vereine wollen den Saisonabbruch hinnehmen, sie setzen darauf, stattdessen die nächste Spielzeit Anfang August zu starten, vor leeren Rängen. Das brächte frisches Geld, denn zur neuen Saison beginnt ein lukrativer Vertrag mit einem neuen Fernsehrechteinhaber. Das Pariser Sportministerium will den Vorschlag zumindest prüfen. Manche Klubs allerdings wollen die alte Spielzeit partout nicht abhaken, darunter Olympique Lyon. Der Verein ist nach jetzigem Stand für keinen internationalen Wettbewerb qualifiziert. Er dringt daher darauf, im August Entscheidungsspiele im Playoff-Modus auszutragen.

Auch Paris hat noch nicht abgeschlossen mit dieser Saison - vor allem nicht in der Champions League, die bei PSG das Maß der Dinge ist. Nachdem das Team von Trainer Thomas Tuchel mühselig das Viertelfinale erreicht hat, will Präsident Nasser al-Khelaïfi den Traum vom Europa-Titel 2020 noch nicht aufgeben. Er droht, Philippes Verbot schlicht zu umgehen und sagt über eine mögliche Fortsetzung der Königsklasse: "Wenn es in Frankreich nicht möglich ist, werden wir unsere Spiele im Ausland austragen." Vielleicht in Deutschland?

© SZ vom 30.04.2020/ebc
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