Fußball - Frankfurt am Main:Klare Regeln für Umgang mit Coronavirus gefordert

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Frankfurt/Main (dpa/lhe) - Der Frankfurter Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) vermisst klare Vorgaben von Bund und Land zum Umgang mit dem Coronavirus bei größeren Veranstaltungen. Das Infektionsschutzgesetz sei vom Bund, die Absage von Veranstaltungen müssten aber die Kommunen im Einzelfall entscheiden, sagte Majer am Mittwoch in Frankfurt. "Der Wahnsinn ist so angelegt." Majer ist auch Vorsitzender des Gesundheitsausschusses des Deutschen Städtetags.

Bislang gebe es nur Empfehlungen von Bund und Land Hessen, Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern nicht stattfinden zu lassen. "Es ist vollkommen klar, dass wir da klare Regeln brauchen auf einer übergeordneten Ebene", sagte der Frankfurter Dezernent. Wenige Stunden nach seiner Kritik sah er allerdings eine neue Lage nach neuen Handlungsempfehlungen des Robert-Koch-Instituts und den für Donnerstag geplanten Gesprächen der Ministerpräsidentenkonferenz zum Coronavirus. "Wir werden morgen viel zu entscheiden haben", prognostizierte er am Donnerstagabend.

Wie schnell sich die Bewertung der Lage ändern kann, machte auch das Ringen um das Heimspiel von Fußball-Erstligist Eintracht Frankfurt am Donnerstag in der Europaleague gegen den FC Basel deutlich: Nachdem Majer noch an Morgen angekündigt hatte, dass Zuschauer zugelassen seien, kam das Gesundheitsamt am Nachmittag zu einer Neubewertung der Lage: Hintergrund sei eine neue Infektionslage des Coronavirus, insbesondere im Kanton Basel und dem angrenzenden französischen Elsass, teilte der Verein mit. Das Gesundheitsamt habe nun verfügt, dass das Spiel unter Ausschluss von Zuschauern stattfinden müsse.

In der Schweiz seien die Infektionen innerhalb eines Tages um 35 Prozent gestiegen, sagte ein Sprecher des Frankfurter Gesundheitsamtes am Abend. Zudem seien die angrenzenden französischen Regionen zum Risikogebiet erklärt worden. Noch am Morgen war als Argument angeführt worden, viele Schweizer Fans seien bereits auf dem Weg Richtung Frankfurt. Bedeutet das nun ein steigendes Risiko für die Rhein-Main-Region? Ein Teil der Fans sei vor dem Anstieg in ihrer Heimat aufgebrochen, meinte Gottschalk. "Es bleibt zu hoffen, dass sie nun umkehren und der Zuwachs (in der Schweiz) spurlos an uns vorüber geht."

Die Zahl der Infektionen mit dem Coronavirus in Hessen ist unterdessen weiter gestiegen. Am Mittwochnachmittag (14.00 Uhr) meldete das Sozialministerium in Wiesbaden 48 bestätigte Sars-CoV-2-Fälle. Das sei eine Steigerung, "wie wir sie bisher nicht kannten", sagte Sozialminister Kai Klose am Mittwochabend in Frankfurt. "Wir befinden uns in einer Situation, die sich stündlich verändert."

Bis Dienstagnachmittag waren es 34 Fälle gewesen. Unter anderem gab es vier neue Fälle in Frankfurt und drei neue Fälle in Fulda. "Alle erkrankten Personen weisen aktuell milde Verläufe mit keinen oder leichten Symptomen auf", hieß es. Eine stationäre Aufnahme trotz keiner oder nur milder Symptome werde in Betracht gezogen, wenn die Wohnsituation der Person eine häusliche Absonderung nicht oder nur schwer zulasse.

In Wiesbaden wird von Donnerstag an eine städtische Kindertagesstätte geschlossen, nachdem bei einem Kindergartenkind eine Sars-CoV-2-Infektion festgestellt wurde. Das Kind habe zuletzt am 5. März mit grippalen Symptomen die städtische Kindertagesstätte besucht, berichtete die Stadt am Mittwoch. Die Einrichtung werde vorsorglich bis zum 20. März geschlossen. Das Gesundheitsamt werde Kontakt zu allen Familien und Mitarbeitern aufnehmen und die weiteren erforderlichen Maßnahmen in die Wege leiten, hieß es weiter. Die Kinder sollen in der Zeit der Schließung der Kindertagesstätte zu Hause bleiben.

Derzeit liefen auf allen Ebenen Gespräche mit Veranstaltern auch aus dem Kulturbereich, sagte der Frankfurter Dezernent Majer zu dem Ringen um die Frage, ob Veranstaltungen stattfinden können, Auflagen erhalten oder abgesagt werden müssen. Bei jeder einzelnen Veranstaltung müssten dabei die Risiken abgewogen und die fachliche Einschätzung des Gesundheitsamts eingeholt werden. "Das führt das Gesundheitsamt an seine Grenzen", sagte er.

Der Hessische Rundfunk sagte unterdessen aufgrund der Empfehlungen des Sozialministeriums vorsorglich alle Veranstaltungen im Frankfurter Funkhaus zunächst bis einschließlich Dienstag, 31. März, ab. Auch die für die Woche vom 16. bis 21. März geplante Europa-Tournee des hr-Sinfonieorchesters mit Geiger Joshua Bell mit Stationen in Düsseldorf, Berlin, Wien und Athen werde ausfallen, hieß es.

Ebenfalls abgesagt wurde dDie für diesen Samstag geplante Demonstration der Initiative "Frankfurt ist bunt". Die Demo hätte mit rund 5000 bis 10 000 Teilnehmern in Frankfurt stattfinden sollen, wie einer der Organisatoren am Mittwoch mitteilte. Unter dem Motto "All we need is Love" (deutsch: "Alles, was wir brauchen, ist Liebe") wollte die Initiative für ein respektvolles und friedliches Miteinander plädieren. Auslöser war unter anderem der rassistische Anschlag in Hanau im Februar.

Gesundheitsamtsleiter René Gottschalk mahnte auch zu Vorsicht angesichts des Lichtkunstfestivals Luminale, für das die Behörden noch am Nachmittag grünes Licht gegeben hatten. Für Programmpunkte mit weniger als 1000 Besuchern gelte das derzeit auch weiterhin, sagte er am Abend. Es könne aber nicht sein, dass sich etwa auf dem Römerberg gleichzeitig mehrere Tausend Menschen versammelten. "Wenn das nicht realisiert werden kann, kann das auch nicht stattfinden."

Die Liste der wegen des Coronavirus abgesagten oder verschobenen Messen in Frankfurt wird immer länger. Am Mittwoch wurde die für Mitte Mai geplante Touristik-Messe IMEX vom Veranstalter abgesagt, nachdem das Land Hessen sich gegen Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Besuchern ausgesprochen hatte. Die für 3400 Aussteller und 5100 Fachbesucher ausgelegte IMEX reiht sich ein in mehrere bereits betroffene Messen. Am Dienstag war die Landwirtschaftsmesse Land und Genuss ins kommende Jahr verschoben worden.

Unterdessen wurden auch am Mittwoch wieder mehrere Veranstaltungen in Hessen abgesagt, darunter auch der für den 17. März geplante Jahresempfang der Industrie- und Handelskammer (IHK) Kassel-Marburg, zu dem ursprünglich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kommen wollte.

Die Stadt Gießen wies darauf hin, dass alleine die beim Landkreis angesiedelte Gesundheitsbehörde die Absage privater Veranstaltungen anordnen könne. "Unabhängig davon können Veranstalter natürlich selbst Veranstaltungen absagen", teilte eine Sprecherin mit. Das gelte auch für die mittelhessische Kommune selbst: Die Stadt könne eigene Events auch unabhängig von einer Anordnung streichen. "Dabei würden wir uns aber natürlich mit der Gesundheitsbehörde beraten und abstimmen."

Im Landkreis Marburg-Biedenkopf erarbeitet derzeit eine Allgemeinverfügung, mit der Veranstaltungen, zu der 1000 oder mehr Gäste erwartet werden, untersagt werden. "Dies ist eine angemessene Reaktion auf die aktuelle Entwicklung", sagte Landrätin Kirsten Fründt. Bis zum späten Mittwochnachmittag wurden im Landkreis positive Testergebnisse in vier weiteren Fällen bekannt. Damit erhöhte sich die Zahl der Infizierten auf sieben Menschen.

Der Main-Taunus-Kreis teilte am Abend mit, er werde "in der nächsten Zeit Veranstaltungen ab 1000 Teilnehmern untersagen." Auch Organisatoren kleinerer öffentlicher Veranstaltungen werde dringend empfohlen, ihre Veranstaltungen "derzeit nicht stattfinden zu lassen". Ähnlich entschied auch der Lahn-Dill-Kreis.

"Wir folgen den Empfehlungen des Sozialministeriums", sagte ein Sprecher der Stadt Offenbach. Die Stadt bitte Veranstalter, ihrer Verantwortung gerecht zu werden. An die Organisatoren kleinerer Veranstaltungen, zu denen ältere Menschen erwartet werden, werde appelliert, sicherheitshalber abzusagen.

In Hanau entließ das Gesundheitsamt eine Frau aus der Überwachung, die in der vergangenen Woche positiv getestet worden war. Es war der erste Coronavirus-Fall im Main-Kinzig-Kreis. Sie habe die Erkrankung überstanden und sei nun zweimal untersucht worden, hieß es. Beide Ergebnisse fielen negativ aus.

Angesichts von Hamsterkäufen und teilweise deutlich leereren Regalen dürfen Lastwagen in Hessen nun auch an Sonn- und Feiertagen unterwegs sein, um die Versorgung mit haltbaren Lebensmitteln und Hygieneartikeln sicherzustellen. Der Einzelhandel spüre die Unsicherheit der Bürger wegen der zunehmenden Verbreitung des Coronavirus, begründete Wirtschafts- und Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) am Mittwoch in Wiesbaden den entsprechenden Erlass. Die Regelung gelte zunächst bis Ende Juni.

Gerade haltbare Lebensmittel wie Nudeln, Mehl oder Reis, aber auch Toilettenpapier seien besonders gefragt, so der Minister. "Es gibt zwar genügend Waren dieser Art, aber die Nachlieferungen zu den einzelnen Supermärkten sind teilweise nicht schnell genug, um die Regale wieder aufzufüllen." Das könne dazu führen, dass Verbraucher noch mehr Vorräte anhäuften, sagte Al-Wazir. Es komme also darauf an, die Waren aus den Zentrallagern möglichst schnell zu den Supermärkten zu bekommen.

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