Ermittlungen der US-Justiz:Ein Millionenvertrag trug Warners und Beckenbauers Signatur

Hier steht seit jeher eine ungeklärte Zahlung über 6,7 Millionen Euro im Fokus. Aber das verdeckt die eigentliche, ganz nebenbei enthüllte Ungeheuerlichkeit: einen Millionenvertrag mit Warner. Nur vier Tage vor der WM-Vergabe hatten die deutschen WM-Bewerber um Franz Beckenbauer nichts Wichtigeres zu tun, als dem Handaufhalter aus der Karibik Leistungen im Wert von fünf Millionen Euro zuzusichern. Und: Die Deutschen taten alles, um diesen Vertrag verschwinden zu lassen. Dummerweise fand sich bei einer Hausdurchsuchung im Zuge der Affäre eine Kopie, die im DFB-Archiv an falscher Stelle abgelegt war. Der Kontrakt flog auf, nun wollten ihn die Funktionäre herunterspielen: Das sei nur ein "Entwurf" gewesen, ein "Beruhigungsvertrag". Als ließe sich einer wie Warner ungestraft so billig vorführen - immerhin trug der Vertrag seine und Beckenbauers Signatur. Und schon 2013 hatte einer seiner engsten Vertrauten, Elias Zaccour, der SZ erklärt, Warner habe bei der Abstimmung Deutschlands knappen 12:11-Sieg mit seinem Votum gesichert.

Von diesen drei Themen konnte die US-Justiz nur die WM 2010 früh absichern. Die anderen hätten die Kollegen in Europa entwickeln sollen, es ergingen Rechtshilfeersuchen. Und nun? Die Schweiz beerdigt gerade den Blatter/Warner-Vertrag. Auch das Sommermärchen ist quasi erledigt, am 27. April verjähren die Vorwürfe. Der Gipfel: Ausgerechnet die Kernfigur Beckenbauer hatte die BA schon Mitte 2019 aus dem Verfahren herausgelöst. Dabei interessiert dieser die US-Justiz nicht nur, weil er den Warner-Vertrag signierte, sondern auch, weil er als Fifa-Vorständler die WM-Turniere 2018 und 2022 mit vergab.

Wie ein schlechter Film muss den Amerikanern speziel die Rolle des Mannes vorkommen, der vor fünf Jahren neben ihrer Justizministerin saß: BA-Chef Lauber. Der hielt Geheimtreffen mit Infantino ab, die er nicht protokollierte; an eines im Juni 2017 will sich bizarrerweise kein Beteiligter mehr erinnern. Lauber wurde für einige Fifa-Verfahren in den Ausstand geschickt. Soeben bestätigte das Bundesgericht diesen Beschluss, den der BA-Chef angefochten hatte. Laubers Befangenheit ist damit höchstinstanzlich bestätigt.

Nach SZ-Informationen haben die Geheimdates auch in den USA zu Gesprächsbedarf mit Bern geführt. Die BA dementiert das auf Anfrage nicht. Sie kommentiere "keine Mutmaßungen und äußert sich nicht zu allfälligen einzelnen Inhalten im Austausch mit nationalen und internationalen Partnerbehörden", teilt sie nur mit.

Die US-Justiz könnte die WM 2022 noch stoppen

Je stärker sich in den USA das Bild verfestigt, dass die Fifa mit der Justiz im fußballnärrischen Europa stille Deals pflegen könnte, umso heftiger dürfte der Drang sein, solche Allianzen zu stoppen. Die USA ermitteln ja nach ihrem Anti-Mafia-Gesetz Rico, das bietet einen enormen Hebel: die WM 2022 in Katar. Für deren Bestand ist gar nicht so wichtig, was die Fifa tut. Die US-Justiz könnte das Event auf indirektem Weg blockieren, falls gerichtlich eine korrupte Vergabe festgestellt wird. Dann stünde gegen jeden, der an so einem Geschäftsevent teilnimmt, ein ganzes Instrumentarium schwerstwiegender Wirtschaftssanktionen parat (SZ vom 09.

04.). Die Amerikaner signalisieren also ihre Entschlossenheit. Während in Deutschland und der Schweiz klare Vorteilsverträge für Warner unbeachtet bleiben, haben sie rekonstruiert, wie dieser aus Russland über gleich zehn Briefkastenfirmen mehr als zwei Dutzend Überweisungen erhielt. Auch trieben sie Mails auf, die Warners Assistent von einem der bedeutendsten Fußballberater jener Tage erhielt. In einer wird er gebeten, den Erhalt der fünf Millionen Dollar zu bestätigen.

Solches Material haben die Amerikaner erbeutet. Was noch? Die forensischen Möglichkeiten werden immer besser. Auch ist nach jahrelanger Haft oder Arrest mancher Beschuldigte mürbe geworden; so wie zu Beginn der Affäre der (verstorbene) US-Funktionär Chuck Blazer, einst Warners Engster, oder Warners Söhne.

Als Warner seine Ämter verlor, hatte er einen Tsunami aus Korruptionsenthüllungen angekündigt. Jetzt kann der echte Tsunami wirklich kommen. Und auch Leute mit fortreißen, die bisher vorgaben, dass sie klar auf der Seite der Guten sitzen.

© SZ vom 11.04.2020/jki
Zur SZ-Startseite
Jack Warner

Bestechungsvorwürfe um WM-Vergaben
:"Die 5 sind komplett"

US-Ermittler sehen es als erwiesen an, dass die WM-Ausrichter Russland und Katar Schmiergelder an Fifa-Wahlmänner zahlten. Im Zentrum: drei Vorstandsmitglieder aus Südamerika und der Skandalfunktionär Jack Warner.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB