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Bestechungsvorwürfe um WM-Vergaben:"Die 5 sind komplett"

Jack Warner

Rund um die Vergabe der WM 2018 nach Russland soll Jack Warner Millionen bekommen haben.

(Foto: Gary Rothstein/dpa)
  • US-Strafermittler sehen es als erwiesen an, dass Russland und Katar Schmiergelder an Fifa-Wahlmänner zahlten, um den Zuschlag für die WM-Turniere 2018 und 2022 zu erhalten.
  • Im Zentrum stehen drei südamerikanische Funktionäre und der Skandal-Funktionär Jack Warner.
  • Die Feststellungen der Justiz könnten für die im Herbst 2022 in Katar geplante WM noch Folgen haben.

Ein paar Monate lang war von der amerikanischen Justiz kaum etwas zu vernehmen zu ihrer Arbeit im großen Fußballsumpf rund um den Weltverband Fifa. Umso stärker ist die Detonation, die sie per Mitteilung am Montagabend auslöste. Denn nun ist klar, dass die US-Justiz offiziell und ganz direkt Russland und Katar beschuldigt, Fifa-Wahlmänner bestochen zu haben, um den Zuschlag für die WM-Turniere 2018 und 2022 zu erhalten. Das geht aus der neuesten Anklage im New Yorker Fußball-Prozess hervor, die sich im Kern um dunkle Geldflüsse bei der Vergabe von Fernsehrechten dreht.

Seit der Kür der beiden WM-Ausrichter vor fast zehn Jahren gab es zahlreiche Verdachtsmomente. Jetzt spricht die Justiz erstmals ganz explizit von Bestechung. Nach Darstellung in der Anklage empfingen Südamerikas Fifa-Vorständler Julio Grondona (Argentinien/starb 2014), Nicolas Leoz aus Paraguay (starb 2019) und Ricardo Teixeira (Brasilien) Gelder aus Katar, eine konkrete Summe wird nicht genannt. Russland wiederum habe den karibischen Skandalfunktionär Jack Warner mit fünf Millionen Dollar geschmiert. Die Vertreter beider Länder wiesen Korruption bei der Vergabe stets und nun erneut zurück.

Die Feststellungen der Justiz könnten für die im Spätherbst 2022 in Katar geplante WM noch Folgen haben. Jedoch sind die Vertreter des Emirats so vielfältig mit der heutigen Fifa-Spitze um Gianni Infantino verwoben, dass sie den Turnier-Entzug durch den Weltverband kaum fürchten müssen (). Die Fifa äußerte sich am Dienstag gewohnt ausweichend: Man kooperiere mit der Justiz und habe ja in den Ermittlungen einen "Opferstatus" inne. Experten bestreiten, dass es so einen Status überhaupt gibt. Der deutsche Richter Hans-Joachim Eckert, vormals Chef-Ethiker der Fifa, findet: "Die Fifa muss nun darlegen, welche Gelder aus all den langjährigen Korruptionsverfahren sie je versucht hat, wiederzuerlangen."

Die Umstände der neuen Anklage sind zeitlich wie formal bemerkenswert

Bemerkenswert sind die Umstände der neuen US-Anklage; zeitlich wie formal. Die WM-Korruption ist als Unterpunkt 90 bis 95 in eine lange Anklage zu Verfehlungen im TV-Rechtebereich eingebettet. Manches wirkt wie eine schnelle Reaktion der US-Justiz auf die Affären ihrer Kollegen in der Schweiz. Deren Arbeit im Fußball-Komplex liegt aufgrund der Fehltritte des Schweizer Chefermittlers Michael Lauber völlig brach.

Jetzt also preschen die Amerikaner zu einem Thema vor, das ganz am Anfang stand: Ende 2014 hatte die Fifa unter öffentlichem Druck Strafanzeige bei der Schweizer Bundesanwaltschaft wegen der Ungereimtheiten rund um die Turnier-Vergaben nach Russland/Katar gestellt. Während sich in Bern nichts tat, kommt die Reaktion nun aus den USA. Bemerkenswert ist, was die Amerikaner zu Jack Warner rekonstruiert haben. Der Mann aus Trinidad & Tobago, der über Dekaden auch den US-/Mittelamerikaverband führte, zählt zu den größten Abkassierern im Fußballsumpf; auch bei WM-Vergaben. Dokumentiert ist, wie er rund um die Südafrika-WM 2010 zehn Millionen Dollar erhielt.

Auch die deutschen WM-Bewerber 2006 schlossen mit ihm kurz vor der Wahl einen Vertrag ab, der ihm Leistungen im Gegenwert von fünf Millionen Euro in Aussicht stellte. Jetzt zeichnen die US-Behörden nach, wie Warner aus Russland fünf Millionen Dollar bekommen habe.

Demnach erhielt Warners Assistent im November 2010, kurz vor der Kür, eine Mail. Absender war der Mitarbeiter eines sogenannten "Mitverschwörers", der auch Berater des damaligen Fifa-Chefs Sepp Blatter gewesen sei. "Bitte teilen Sie ihm mit, dass ,vereinbart wurde, was in dieser Woche getan wird'", heißt es in der Mail. Sollte sich der "liebe Freund" nicht an "Versprechen" halten, würde das dem Schreibenden "persönlich extreme Schwierigkeiten" verursachen.

In den sechs Monaten danach flossen laut Anklage fünf Millionen Dollar in Warners Zugriffsbereich. Alles war präzise getaktet: Von zehn Briefkastenfirmen mit Sitz in Offshore-Gebieten wie Zypern, Anguilla und den britischen Jungferninseln sei das Geld geflossen und in mehr als zwei Dutzend Tranchen aufgeteilt gewesen. Am 18. April 2011 schrieb der Mitverschwörer Warners Assistenten diese Mail: "Die 5 sind komplett (...). Ich brauche eine schriftliche Bestätigung in diesem Sinne: ,Lieber Freund. Die Transaktion wurde wie vereinbart abgeschlossen (insgesamt 5m) und alles wurde empfangen (abzüglich minimaler Bankgebühren). Danke vielmals. J.'"

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