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Corentin Tolisso beim FC Bayern:Wie ein neu eingekaufter Spieler

Münchens einstiger Rekordtransfer Corentin Tolisso deutet wieder einmal an, zu was er fähig wäre - wenn er mal verletzungsfrei bliebe.

(Foto: Matthias SchraderAP)

Corentin Tolisso kam 2017 für eine Rekordsumme nach München - durchsetzen konnte er sich aber nicht. Sein Auftritt gegen Atlético könnte den Wendepunkt bedeuten in einer besonderen Geschichte.

Von Christof Kneer

Corentin Tolisso war sehr erstaunt, als damals die Delegation des FC Bayern bei ihm saß. Die Münchner wollten ihn von einem Wechsel überzeugen, es gibt da ja so Argumente in der Branche, eines hat mit Geld zu tun. So weit waren die Bayern aber noch gar nicht gekommen, als sie ihren potenziellen neuen Spieler das erste Mal beeindruckten. Ob er wisse, in welchen Spielen er sie besonders beeindruckt habe, wollten die Bayern wissen und warteten in diebischer Vorfreude auf Tolissos Antwort. Sie ahnten ja, was nun passieren würde: Der Spieler würde sich in seinem Kopf durch ein Best of Tolisso zappen, er würde zwei, drei tolle Spiele aufzählen, und er würde doch nicht drauf kommen. Nein, nein, sagte die bayerische Delegation also nach Tolissos Antwort und verwies lässig auf ein U21-Spiel der französischen Nationalmannschaft in der Ukraine und auf ein Europapokalspiel von Olympique Lyon in Amsterdam. Beide Spiele gingen verloren, letzteres sogar hoch.

Man kann sich ausgezeichnet vorstellen, wie das Gespräch weiterging. Was, in diesen Spielen habt ihr mich beobachtet???, fragt Tolisso unter Verwendung mehrerer Fragezeichen, und die Bayern sagen: Ja, genau, in diesen Spielen.

Aber in diesen Spielen war ich doch nicht mal besonders gut, sagt Tolisso dann wahrscheinlich. Darauf die Bayern: Stimmt. Aber du hast dich gewehrt!

Tolisso, inzwischen 26, ist kurz darauf zum vorübergehenden Rekordtransfer der Bayern geworden, 41,5 Millionen überwiesen die Münchner im Sommer 2017 an Olympique Lyon. Die Geschichte mit den beiden Spielen hat ihm gefallen, es schmeichelte ihm, wie gut die Bayern über ihn Bescheid wussten und auch, dass sie ihn nicht nur an Übersteigern und Loopings maßen, sondern auch an Haltung und Mentalität. Wenn man über Tolissos Wechsel zu Bayern spricht, muss man sich noch mal vergegenwärtigen, in welches Milieu er damals kam. Leon Goretzka war noch nicht in München, Joshua Kimmich war schon da, aber noch nicht der Weltenlenker, der er heute ist. Ansonsten: der großartige, aber nie ganz unumstrittene Thiago; der damals schon leicht angegraute Javi Martinez; der wilde Arturo Vidal, der stille Sebastian Rudy, der schräge Renato Sanches.

Tolisso, so viel schien klar zu sein, würde in diesem Mittelfeld eine Chefrolle übernehmen, allein schon seines Kaufpreises wegen, auch das gehört ja zur Branchenlogik. Einen Sommer später wurde Tolisso mit Frankreich sogar Weltmeister.

Aber Chef im Münchner Mittelfeld? Das ist er bis heute nicht.

Bayerns ewiger Konjunktiv Tolisso ist gerade dabei, in München wahr zu werden

Gegen Atlético Madrid hat Tolisso nun ein außerordentlich prächtiges Fernschusstor geschossen, es könnte den Wendepunkt bedeuten in einer besonderen Geschichte, die sich irgendwann von der Branchenlogik abgekoppelt hat. Ein Spieler, der so viel kostet und so verhältnismäßig wenig spielt, wird sonst erbarmungslos unter "Fehleinkauf" abgebucht, und er wird einem Klub in jeder Transferdebatte vorgehalten: Und dann habt ihr auch noch die Kohle für den Tolisso rausgehauen! Komischerweise gab es diese Debatte in München selten, als Folge eines kuriosen Phänomens: Wenn man Tolisso spielen sieht, spürt man, dass dieser Spieler was hat. So hat Tolisso es geschafft, dass man weniger ihn, sondern die tatsächlich oft ungünstigen Umstände zur Rechenschaft gezogen hat. Kleinere Verletzungen plagten ihn in München gleich zu Anfang, im Herbst 2018 folgte die größtmögliche (Kreuzbandriss), und als Flick gerade übernommen hatte, fiel Tolisso erst wegen Muskelproblemen aus und später, als Flick sein Mittelfeld schon ohne ihn gebaut hatte, noch mal wegen einer Knöcheloperation.

Flick ging es wie so vielen Beobachtern: Er fand diesen Tolisso irgendwie cool, aber er konnte nie so richtig planen mit ihm.

Vertraute, die Tolisso in diesem Sommer trafen, berichten von einem Spieler, der sich konkret mit einem Vereinswechsel beschäftigte, aber dass daraus nichts wurde, halten alle Beteiligten inzwischen für eine Spitzenidee. Tolisso, Bayerns ewiger Konjunktiv, ist gerade dabei, in München wahr zu werden. Er hat ähnliche Qualitäten wie Goretzka, er kreuzt torgefährlich durchs Mittelfeld und ist körperlich ausgesprochen anwesend; er bietet Flick die perfekte Option, Goretzka auch mal pausieren zu lassen, andererseits ist er, wie gegen Atlético zu sehen, mehr als nur ein Stellvertreter. Bleibt er gesund, vergrößert er den taktischen und personellen Spielraum erheblich, für Flick ist er der ehemalige Rekordtransfer dann wie ein Neuzugang. Und im Sommer 2020 war er dann quasi ablösefrei.

© SZ vom 23.10.2020/tbr
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