Thomas Müller beim FC Bayern:Wie steht es ums Binnenklima?

Der Satz, der von diesem Tag hängen bleibt, ist daher ein Satz, den Kovac vor dem Spiel ausspricht. Beim Fernsehsender Sky fragen sie ihn, warum Müller nicht von Beginn an spiele, zum fünften Mal in Serie nicht. Kovac sagt: "Thomas ist sehr wichtig, aber die anderen Spieler auch." Und: "Wenn Not am Mann sein sollte, wird er mit Sicherheit auch seine Minuten bekommen." Es ist ein zumindest mutiger Satz in einem Verein, der seit Louis van Gaals Aussage ein Müller-spielt-immer-Verein ist, seit einem Jahrzehnt also. Der meist scherzende, manchmal auch scharfzüngige Müller ist der vielleicht wichtigste Spieler für das Binnenklima des FC Bayern. Müller hat nicht immer gespielt, manchmal, wenn er immer gespielt hat, war das auch nicht immer hilfreich. Aber immer, immer, immer, wenn Müller schlechte Laune hatte, wurde es für den Trainer ungemütlich.

Im August 2017 sagte Müller, dass seine Qualitäten "scheinbar nicht hundertprozentig gefragt" seien, einen Monat später war Carlo Ancelotti nicht mehr Trainer. Im Herbst 2018, Kovac wechselte gerade Müller ein, schrieb dessen Ehefrau Lisa bei Instagram: "Mehr als 70 Min bis der mal nen Geistesblitz hat". Sie entschuldigte sich am nächsten Tag, was dem FC Bayern so wichtig war, dass er diese Entschuldigung in einer Mitteilung öffentlich machte. Kovac galt daraufhin als angezählt.

Am Samstag wechselte Kovac Müller nach 60 Minuten ein, was niemand als Geistesblitz bezeichnet, obwohl Müller das Offensivspiel belebt. Eine Mannschaft, die gegen Hoffenheim mit bürokratischer Sachlichkeit gewinnen will, versorgt Müller mit Spielwitz, mit Passideen, mit überraschenden Läufen, aber auch mit seriösen Flanken; eine davon bereitet den Kopfballtreffer von Robert Lewandowski vor (73.).

Da auch Javier Martínez vor dem Anpfiff sichtlich geknickt auf der Ersatzbank sitzt, über den Schultern einen tröstenden Arm von Assistenztrainer Hansi Flick, sagt Sportdirektor Hasan Salihamidzic später: "Ich kann es verstehen, wenn Spieler, die nicht spielen, unzufrieden sind." Er verteidigt allerdings auch Kovac: "Man muss aber auch den Trainer verstehen, der eine Mannschaft sucht, die sich einspielen soll." Und die offensiven Plätze sind zurzeit vergeben an Lewandowski (elf Ligatore), Gnabry (vier Tore gegen Tottenham), Kingsley Coman (schnell und dribbelstark) sowie - auf Müllers Lieblingsposition im Zentrum - an Philippe Coutinho, den Kovac zum Hirn seines Spiels aufbauen möchte. "Thomas macht seine Sache sehr gut, wenn er auf den Platz kommt", lobt Kovac später versöhnlich, er wirbt mit aufrichtigem Ernst darum, aus seiner Aussage vor dem Spiel "nichts zu zaubern".

Derartige Zauberkünste sind jedoch vom Trainer gefragt. In einer Mannschaft, in der auch nur elf Spieler Platz in der Startelf finden, muss Kovac mehr als elf Spieler bei Laune halten, und sei es durch die Illusion eines offenen Konkurrenzkampfes.

© SZ vom 07.10.2019/tbr
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