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FC Bayern:Es ist wie früher mit Thomas Häßler

Hat der Gegner den Ball, hält er brav hinten seine Position. Hat der FC Bayern den Ball, was bisweilen 80 Prozent eines Spiels der Fall ist, rückt er ins defensive Mittelfeld auf. Oder stürmt auch mal in den gegnerischen Strafraum. Die Münchner können mit ihrem Überall-Lahm fast auf dem gesamten Platz Überzahl-Situationen herstellen und die bedauernswerten Gegenspieler minutenlang ins Leere laufen lassen. Mit seinen einzigartigen Fähigkeiten in der Ballannahme und -mitnahme, im Weiterleiten oder im Richtungswechsel ist Lahm kaum zu greifen. Es ist wie früher mit Thomas Häßler: Gerät ein Mitspieler in Bedrängnis, muss der Ball irgendwie zu ihm, er löst das Problem.

Vielleicht kommt dieser Behauptungswille daher, dass ihn vermutlich wegen seiner Körpergröße und des Bubi-Gesichts lange niemand richtig ernst genommen hatte. Der DFB hatte ihn erst in der U18 in eine Auswahl geholt, und als er mit 19 Jahren in den Profibetrieb einstieg, kaufte der FC Bayern einen gewissen Tobias Rau für seine Position. Kaum ein Bundesligist wollte diesen kleinen, schmächtigen Kerl leihen, erst der damalige Stuttgarter Trainer Felix Magath hörte auf Hermann Gerland. Bayerns Ko-Trainer sagte damals: "Du Felix, ich hab' da einen, der ist besser als alle anderen seines Alters, eine Granate."

Und jetzt noch einmal die Champions League gewinnen

Lahm entwickelte einen Charakter, hartnäckig und robust für so ziemlich alle Lebenslagen auf dem Platz. Schon seit Jahren taucht er bei normalen Bundesliga-Spielen spätestens nach dem 2:0 irgendwo in den Tiefen des Platzes ab und scheint schon ans Abendessen mit der Familie zu denken. Wenn es darauf ankommt aber, hat er die Gabe, das Tempo kräftig zu erhöhen. Sein ganzes Können, seine ganze Energie sieht man nur noch, wenn es um etwas geht. Zuletzt etwa nach dem 0:1-Rückstand in Lissabon - oder als der Bayern-Motor in Madrid kräftig knatterte. Plötzlich schiebt da von rechts hinten einer an, erzeugt eine unerwartete Welle, die jeden Gegner mindestens aus dem Gleichgewicht hebt. Sein 50-Meter-Traumpass auf Douglas Costa war bei Atlético nur die auffälligste Aktion. Oft sind es die kleinen Dinge des Phillip Lahm, sein Stellungsspiel, seine Laufwege, seine Kurzpässe, die der eigenen Mannschaft fast unsichtbar helfen und sie ausbalancieren.

Längst schon lebt er auch seine Freude aus, sich öffentlich zu äußern. Legendär sein SZ-Interview 2009, als er den Verantwortlichen des FC Bayern vorwarf, sie hätten keinen Plan. In seiner Autobiografie "Der feine Unterschied" kritisierte er Ex-Trainer wie Rudi Völler und wenn nicht alles täuscht, war er nach der Riesen-Enttäuschung 2012 mit dem verpatzten Finale dahoam federführend dabei, den Großangriff auf Dortmund und den Rest der Fußballwelt zu betreiben. Wenn seine Laufbahn spätestens 2018 endet, kann er sich vermutlich einen Job beim DFB oder beim FC Bayern aussuchen. Geht es um das eigene Fortkommen, kann er auch außerhalb des Platzes das Tempo gehörig anziehen.

Doch jetzt kommt erst mal Atlético. Einmal noch die Champions League gewinnen. Seine Regierungserklärung hat er gleich nach dem Hinspiel abgegeben. Er sprach von Wille, Herz, Leidenschaft. Er sprach wieder davon, endlich die Torchancen zu nutzen. Er stachelte das Münchner Publikum an, dieses Mal die Operettenhaftigkeit abzuschütteln und aus der Arena einen Lärmtopf zu machen. Ein Philipp Lahm denkt an alles.

Und zum Schluss nochmal Pep Guardiola: "Es war eine, you can not imagine, Riesenehre, sein Trainer zu sein. Eine der besten Erfahrungen für mich. Philipp Lahm war mein Spieler." So rührselig, wie der Katalane inzwischen geworden war, hätte man fast anfügen wollen: In Ewigkeit, Amen.

© SZ.de/fued
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