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Champions League:Das Pep-Guardiola-Spiel

  • Im Rückspiel des Champions-League-Halbfinals muss der FC Bayern gegen Atlético Madrid einen 0:1-Rückstand aufholen.
  • Der Ausgang des Spiels wird darüber entscheiden, ob Pep Guardiola in der Galerie der großen Bayern-Trainer prominent ausgestellt wird.
  • Hier gibt es alles zur Champions League.

Von Christof Kneer

Wahrscheinlich wird Manel Estiarte seinem Trainer am Morgen dieses Halbfinales keinen Pressespiegel vorlegen. Am Morgen eines Spiels hat Pep Guardiola keinen Sinn für Schlagzeilen, er hat anderes zu tun. Am Morgen eines Spiels muss Guardiola immer so wahnsinnig dringend überlegen, ob der Plan, den er am Vortag geboren hat, ihn wirklich noch überzeugt. Ob es wirklich richtig ist, Thomas Müller draußen zu lassen, ob es wirklich Sinn ergibt, Juan Bernat spielen zu lassen? So etwas treibt Guardiola am Spieltag um und um und nochmals um, denn noch hat er ja Zeit, den tausendsten Plan durch einen tausendundersten zu ersetzen. An den Schlagzeilen dagegen kann er sowieso nichts mehr ändern. Meistens kennt er am Morgen eines Spiels sogar schon die Schlagzeilen vom nächsten Tag.

Pep Guardiola ahnt natürlich schon, wie die Zeilen lauten werden, wenn der FC Bayern im Halbfinale der Champions League gegen Atlético Madrid ausscheiden sollte. Irgendwo unter einer mehr oder weniger erregenden Überschrift wird eine Unterzeile stehen, und in dieser Unterzeile wird mit hoher Wahrscheinlichkeit das schöne deutsche Wort "vercoacht" vorkommen.

Es sollte sich keiner täuschen lassen: Guardiola kriegt alles mit

"Ich bin noch nicht tot, my friends", hat Pep Guardiola vorigen Freitag trotzig gerufen, als ihn in der Pressekonferenz vor der Bundesliga-Partie gegen Mönchengladbach wieder jemand nach der Aufstellung vom Atlético-Hinspiel fragte. "Nach diesem Spiel everybody killed me, aber ich bin noch nicht tot", rief er, "ich habe noch ein Bullet." Das ist möglicherweise katalanisch und heißt so viel wie: Ich habe noch eine Kugel. Oder, etwas freier übersetzt: Ich habe noch ein Rückspiel. Oder, noch etwas freier übersetzt: Ja, im Rückspiel spielt wahrscheinlich euer Thomas Müller.

Guardiola spricht eine Sprache, die es auf der Welt nur einmal gibt, aber es sollte sich keiner täuschen lassen: Er kriegt alles mit. Manel Estiarte, 54, ehemaliger Wasserball-Olympiasieger und seit Jahren im Hauptberuf Pep-Vertrauter, lässt seinem Chef immer wieder Ausschnitte aus der deutschen Presse übersetzen, und natürlich weiß Pep, wie das Land, das er in ein paar Wochen verlassen wird, gerade tickt.

Das Land schaut nicht nur in gespannter Erwartung auf den besten Verein dieses Landes, der nun gegen Atlético Madrid einen 0:1-Rückstand aufholen muss; das Land schaut auch, was dieser Trainer jetzt wieder macht. Ob er dem Gegner wieder einladend das Zentrum öffnet wie im Halbfinal-Rückspiel im April 2014 gegen Real Madrid (Endstand 0:4); ob er dem Gegner wieder mit einer optimistischen Dreier-Abwehrkette begegnet wie im Mai 2015 dem FC Barcelona (Endstand 0:3); und natürlich vor allem, ob er wieder den weltbesten Müller aus der Startelf schmeißt, wie im Hinspiel bei Atlético (Endstand: 0:1).

Das alles ist die Antwort auf die Frage, die sich viele Menschen, übrigens auch beim FC Bayern angestellte Menschen, zuletzt oft gestellt haben: Warum, my friends, ist Guardiola in Pressekonferenzen mitunter so grummelig und auf Krawall gebürstet? Deshalb - weil er das Gefühl hat, dass alles, was nicht gut läuft, dem Trainer zur Last gelegt wird. Und was gut läuft, hat der FC Bayern geschafft.

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