Corona beim Rekordmeister:Die 3-G-Bayern - genervt, geschwiegen, gefordert

v.l. Oliver Kahn, Joshua Kimmich, Hasan Salihamidzic FC Bayern München PK Vertragsverlängerung Kimmich 23.08.2021 Foto:

Da waren sich noch alle einig: Klub-Chef Oliver Kahn (li.), Sportvorstand Hassan Salihamidzic (re.) und Joshua Kimmich bei der Verkündigung von dessen Vertragsverlängerung.

(Foto: Marco Donato/FC Bayern München/imago)

Die Impfdebatte um Joshua Kimmich lenkt den Blick direkt aufs Klub-Organigramm. Es zeigt sich: Der FC Bayern braucht dringend wieder mehr öffentliche Führung.

Kommentar von Christof Kneer

Man kennt die Geschichte bisher nur bis zum Mittelteil, aber man ahnt schon, wie sie ausgeht. Am Happy End gibt es keinen Zweifel, ihre Spannung bezieht die Geschichte eher aus den Details. Wie viele Titel wird Joshua Kimmich noch gewinnen, bis er seine Karriere beendet? Wann genau wird er die Kapitänsrolle in der Nationalelf und beim FC Bayern übernehmen? Wie viele Tausend motivierende Whatsapp-Nachrichten wird er seinen Mitspielern bis dahin senden? Wie viele reflektierte Interviews wird er noch geben, wie viele Stiftungen gründen, wie viele gute Taten tun? Und Bundespräsident: Wann wird er das?

Das war die Zukunft von Joshua Kimmich. Und jetzt?

Am Mittwochabend hat der FC Bayern bekannt gegeben, dass Kimmich, 26, sich mit dem Coronavirus infiziert habe, was in der Branche unterschiedlichste Reaktionen auslöste. Es gab Genesungswünsche, neutrale Kenntnisnahme, auch Häme. Ha! Den Kimmich hat's erwischt, den Impfgegner! Tatsächlich hat Kimmich die Apostelgeschichte auf den Kopf gestellt, sein Imagetransfer vom Paulus zum Saulus hat nur ein paar Wochen gedauert. Ob die Geschichte mit dem Happy End jetzt umgeschrieben werden muss? Ob dieser eigentlich so spektakulär vernünftige Kimmich jetzt doch kein Kapitän mehr wird, ob die Mitspieler seine Chatnachrichten künftig wegdrücken werden?

Eine Mannschaftskabine ist ein hochsensibler Ort, sie ist mindestens so störanfällig wie ein deutsches Wlan-Netz. Es braucht nicht unbedingt konkrete sportliche Rivalitäten, um dort für seismische Erschütterungen zu sorgen. Die Frage, warum ein Mitspieler sich mit dem Präsidenten Erdogan aufs Foto stellt (DFB/2018) oder ein anderer sich nicht impfen lässt (FC Bayern/2021), hat mindestens genauso das Potenzial, eine Kabine in Aufregung zu versetzen; auch beim FC Bayern haben sie zuletzt ein gewisses Gegrummel über jene Mitspieler vernommen, die das Team schwächen, wenn sie, weil ungeimpft, wieder mal in Quarantäne müssen.

Von den Funktionären Kahn und Salihamidzic ist zuletzt wenig zu hören gewesen

Insider meinen, es habe nicht so viel gefehlt, und die große Geschichte von der Spaltung einer Gesellschaft in Geimpfte und Ungeimpfte wäre mit einem milderen Verlauf in der Mannschaftskabine angekommen. Zwei Impfungen (Gnabry, Musiala) und ironischerweise auch zwei Infizierungen (Kimmich, Choupo-Moting) haben die Unruhegeister erst mal vertrieben; Kimmich wird nun für ein halbes Jahr als genesen gelten.

Dennoch wird genau zu beobachten sein, was die vergangenen Wochen mit dem Verein gemacht haben. Dem Klub hat die Haltung der Impfboykotteure verständlicherweise nicht gefallen, umgekehrt hat Kimmich sich vom Klub etwas alleingelassen gefühlt. Er hätte sich auch außerhalb der Jahreshauptversammlung Sätze wie vom Bundestrainer Flick gewünscht, der zwar klar fürs Impfen geworben, aber den Spieler auch in Schutz genommen hat ("nicht an den Pranger stellen"). Ein hoher Bayern-Funktionär sagt, es sei ein Glück, dass Kimmich seinen Vertrag vor diesen Debatten verlängert habe.

Tatsächlich lenkt die Aufregung um den ein oder anderen Impfstatus den Blick direkt aufs Klub-Organigramm. Vor allem die Vorstände Kahn und Salihamidzic sind zuletzt wenig zu hören gewesen, die kommunikativen Pflichten wurden nahezu vollständig vom rhetorisch gewandten Trainer Nagelsmann übernommen. Genervt, geschwiegen, gefordert: Die 3-G-Bayern brauchen dringend wieder mehr öffentliche Führung - und nicht nur öffentliche Auftritte bei der Jahreshauptversammlung.

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Joshua Kimmich (FC Bayern Muenchen, 06), GER, FC Bayern Muenchen vs. SC Freiburg, Fussball, Bundesliga, 11. Spieltag, Sp; Kimmich

SZ PlusCorona bei Kimmich
:Von der Realität überholt

Erst deutet der Bundestrainer an, dass sich Joshua Kimmich zur Impfung entschließen könnte, dann bestätigt der FC Bayern, dass er positiv auf das Virus getestet wurde. Die Debatte, die längst ein Politikum geworden ist, wird die Münchner weiter beschäftigen.

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