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FC Bayern und BVB:Was Kovac und Favre fehlt

FOTOMONTAGE Spannend wie nie der Kampf um die Meisterschaft ist offen wie selten zuvor Niko KOVAC; Favre Kovac Bundesliga Fotomontage

Einer wird Meister werden: Niko Kovac (links) in München oder Lucien Favre in Dortmund (Fotomontage).

(Foto: imago images / Sven Simon)
  • Die zwei Cheftrainer der beiden bestplatzierten Bundesligateams können sich in ihren Jobs nicht sicher fühlen.
  • Nico Kovac wird in München öffentlich von Vereinsboss Karl-Heinz Rummenigge in Frage gestellt.
  • Lucien Favre steht sich in Dortmund zum Teil selbst im Weg.

Von Freddie Röckenhaus, Dortmund, und Benedikt Warmbrunn

Drei Spieltage noch, dann steht fest, welcher Trainer zum ersten Mal in seiner Trainerkarriere deutscher Meister sein wird: Niko Kovac mit dem FC Bayern oder Lucien Favre mit Borussia Dortmund. Beide nehmen allerdings einen gewissen Ballast mit in den Liga-Endspurt, beide wissen, dass sie in ihrem Verein trotz des exzellenten Tabellenplatzes umstritten sind. Eine Situation, die selbst in der an Kuriositäten reichen Bundesliga ungewöhnlich ist: dass die besten Klubs des Landes trotz Erfolgen eine interne Trainerdebatte führen. Ein Überblick.

Die Situation beim BVB:

Die Reise nach Jerusalem hat Hans-Joachim Watzke erkennbar gut getan. Ein bisschen Abstand zum Fußball-Getriebe, zu der 2:4-Pleite gegen Schalke, zu den aufkommenden Diskussionen um den Trainer. Borussia Dortmund hat eine Million Euro gespendet für den Ausbau der Holocaust-Gedenkstätte in Yad Vashem in Jerusalem, BVB-Geschäftsführer Watzke und sein Marketing-Chef Carsten Cramer waren zur Grundsteinlegung eingeladen, sie verbrachten fast die ganze Woche in Israel. Dieser Anlass stellte alles in eine andere Perspektive, erst recht Debatten um Derby-Niederlagen und schnöde Fragen nach der Qualifikation des Trainers Favre.

Am Freitagmittag aber hatte die Fußball-Wirklichkeit den BVB-Boss wieder. "Ich verstehe manches gerade nicht", sagte Watzke noch am Flughafen, "wir haben uns intern doch klar festgelegt: Lucien Favre ist auch am 1. Juli noch unser Trainer. Ohne Wenn und Aber." So ähnlich hatte sich Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc ein paar Tage zuvor schon im kicker geäußert. Favre besitzt in Dortmund einen Vertrag bis 2020, also noch für ein gutes Jahr. Aber inzwischen wabern Gerüchte durch Dortmunds VIP-Treffs, Namen von Trainern wie André Villas-Boas oder gar José Mourinho werden über die Pilsgläser geraunt. Spinnereien sind das nicht.

Eigentlich würde es den Branchenritualen entsprechen, wenn ein Vertrag wie der von Favre längst verlängert wäre. So etwas ist nicht immer klug, aber im Überschwang guter Ergebnisse wird die Verlängerung oft als strategisches Treuebekenntnis eingesetzt. Immerhin hat Favre mit Dortmund schon mehr erreicht, als selbst Menschen mit rosa Brillengläsern erwartet hatten: Der BVB ist immer noch im Titelrennen und schon jetzt zwölf Punkte besser als im letzten Jahr. Der Professoren-Typ Favre ist keiner, der im Bierzelt Tische erklimmt, aber seine Ergebnisse mit Dortmunds komplett umgebauter, zum Teil blutjunger Elf waren so gut, dass sie für sich sprechen könnten.

Tun sie in Dortmund aber offenbar nicht. Neun Punkte Vorsprung auf Bayern hat Dortmund in der Rückrunde verspielt, inklusive einer 0:5-Schmach in München, und jetzt auch noch dieses 2:4 ausgerechnet gegen Schalke. Dazu kommt Favres Total-Verriss seiner Elf nach dem Untergang in München, obwohl die versammelte Expertenschaft dem Trainer eine verfehlte Aufstellung anlasten wollte. Und am vorigen Samstag gab Favre dann freiwillig und öffentlich alle Hoffnung auf den Meistertitel auf, bei zu diesem Zeitpunkt nur einem Punkt Rückstand auf den Rivalen aus München - der dann tags darauf auf immer noch überschaubare zwei Punkte anwuchs. Bei drei noch zu absolvierenden Spielen und einem Schlussprogramm, das für Bayern ganz schön anspruchsvoll ist - in Leipzig und gegen Frankfurt. Gibt man da etwa schon auf?

Zumindest waren Favres vorsichtige Sätze eine Vorlage für jene Kritiker, die finden, dass dieser taktisch versierte Coach vielleicht nicht genug Mumm verbreitet und sich im Laufe der Zeit immer mehr im taktischen Diskurs mit sich selbst verliert, anstatt wie einst ein Jürgen Klopp aufs Erreichen des Unmöglichen zu pochen.

Watzke korrigierte Favre nicht das erste Mal, als er am vorigen Sonntag umgehend die gegenteilige Parole ausgab: Dortmund wolle übrigens sehr wohl noch Meister werden. Als Generalkritik an Favre wollte Watzke das aber nicht verstanden wissen: "Ich nehme mir als Verantwortlicher das Recht heraus, Sachen mal anders zu sehen als der Trainer." Favre hat sich inzwischen verbessert: Es sei "jetzt wieder alles möglich", versicherte er vor dem BVB-Spiel bei Werder Bremen am Samstagabend. Allerdings müsste man dann in Bremen endlich mal wieder die sogenannten big points gewinnen.

"Man kennt Luciens Stärken, man kennt auch gewisse Schwächen"

An dieser Frage scheiden sich in Dortmund die Geister. Favre wird als überragender Tüftler geschätzt, aber in München und gegen Schalke und vorher schon in einer Reihe allzu verhaltener Spiele soll sich das Naturell des introvertierten Schweizers durchgesetzt haben. Ändern wird sich das nicht mehr. Aber die offizielle Haltung des Klubs formuliert Watzke nicht ganz überraschend: "Man kennt Luciens Stärken, man kennt auch gewisse Schwächen. Wir haben das bekommen, was wir geglaubt haben zu bekommen." Übersetzt: Favre ist mit seiner Art die beste aller real möglichen Lösungen. Nicht mehr, nicht weniger. So viel Nüchternheit ist eben nicht jedermanns Sache in diesem durchemotionalisierten Fußball.

Dass sich die Dortmunder als Nachfolger des 2017 - trotz des DFB-Pokalsiegs - entlassenen Thomas Tuchel am meisten den jungen Hoffenheimer Trainer Julian Nagelsmann gewünscht hätten, ist ein offenes Geheimnis. Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp aber wollte Nagelsmann nicht hergeben. Auch 2018 nicht, als Dortmund dann Favre aus Nizza holte, das den Schweizer wiederum ein Jahr vorher nicht gehen lassen wollte, so dass der BVB sich mit Peter Bosz und später Peter Stöger durch eine sehr durchwachsene Übergangssaison wursteln musste.

Den Schmerz, das eine Jahr des Schwächelns bei den Bayern nicht noch besser genutzt zu haben, um wieder einmal vorbeizuziehen, er wird von manchem in Dortmund weiterhin an Lucien Favre festgemacht werden. Es sei denn, Dortmund würde doch noch Meister. Jetzt, wo auch der Trainer das wieder für möglich hält.

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