EM 2021:Der Heimvorteil kehrt zurück

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Vier von vier EM-Halbfinalisten konnten alle Vorrundenspiele zu Hause austragen. Mannschaften wie die Schweiz waren deswegen klar im Nachteil.

Kommentar von Martin Schneider

Der Fußball ist eine Statistik-Sportart, seit der erste Mensch auf die Idee gekommen ist, dass man Torschüsse, Ecken und Zweikämpfe beider Mannschaften ja zählen und vergleichen kann. Seit das so ist, kann man herrlich ausführlich darüber diskutieren, welche Aussagekraft solche Zahlen in sich tragen oder auch nicht - und in welchen Kontext man sie heben muss. Dabei war es stets praktisch, einen statistischen Effekt zur Hand zu haben, der jahrelang völlig unumstritten war: den Heimvorteil.

Zu Hause spielt es sich leichter als auf ungewohntem Rasen, das war nicht nur einleuchtend, sondern auch durch Zahlen nachweisbar: 50:25:25 lautete ungefähr die Zahlenkette, die sich über alle Mannschaften und Spielzeiten hinweg spannen ließ. Wer daheim spielt, gewinnt die Hälfte der Spiele, ein Viertel geht Unentschieden aus, ein Viertel verliert man. Ebenso stabil wie dieser Effekt war allerdings auch die Erkenntnis, dass der Heimvorteil schwindet, je moderner der Fußball wurde, was Wissenschaftler oft mit den einfacher gewordenen Reisen begründeten.

Während der Corona-Pandemie war es dann jedenfalls vorbei mit den sicheren Erkenntnissen. In der Bundesliga gingen Heimsiege um 15 Prozent zurück, Forscher der TU München lasen in den Zahlen, dass vor allem mutmaßlich schlechtere Mannschaften die Leidtragenden waren und Überraschungssiege gegen tabellarisch bessere Teams seltener wurden. Als die Sporthochschule Köln sich 40 000 Begegnungen europaweit anschaute, relativierte sich die Erkenntnis ein wenig, die Forscher konnten auch ohne Fans einen Heimvorteil feststellten. Vor Kurzem schaffte der Kontinentalverband Uefa dann aber die Auswärtstorregel im Europapokal ab - jene Vorgabe, die in der Fremde erzielte Tore bei Gleichstand als maßgeblich einstufte, die freilich aus einer Zeit stammte, als auch Gastspiele im Europapokal mit erheblichem Reiseaufwand verbunden waren.

Die Schweizer sammelten bis zum Viertelfinale eifrig Bonusmeilen - das war ihren Chancen nicht gerade zuträglich

Und damit zur aktuellen Fußball-Europameisterschaft, bei der Statistiker wohl die zu geringe Fallzahl monieren würden, bei der nun aber vier von vier Mannschaften im Halbfinale stehen, die alle ihre Vorrundenspiele zu Hause bestreiten durften, in Rom, Kopenhagen, Sevilla und London, teilweise ausschließlich vor eigenen Fans, weil Auswärtsfahrer aufgrund von Corona-Bestimmungen nicht zugelassen waren.

Zum möglichen psychologischen Effekt gesellen sich noch andere Kriterien, man kann das zum Beispiel an den Schweizern veranschaulichen: Während Viertelfinal-Gegner Spanien in der Vorrunde kein Flugzeug betreten musste, klapperten die Eidgenossen die Reiseroute Baku-Rom-Baku-Bukarest-Sankt Petersburg ab. Dass diese Bonusmeilen bei zwei Verlängerungen gegen Frankreich und Spanien eine Rolle gespielt haben könnten, ist naheliegend.

Die Regenerationszeit ist in einem Sport, der immer größere Ausdauer- und Schnelligkeitsfertigkeiten fordert, jedenfalls ein gewichtiger Faktor. Bekannt ist der Disput zwischen Oliver Bierhoff und Joachim Löw vor der WM 2018 in Russland - Löw wollte mit der Mannschaft ans Schwarze Meer nach Sotschi, weil es da schöner ist, Bierhoff zog das triste Watutinki vor, weil der Standort mit weniger Reisekilometern verbunden war.

Es wäre nun übrigens leicht, das DFB-Team heranzuziehen, das ja auch drei Heimspiele in München hatte und deswegen gar keine Ausrede vorbringen kann. Das Achtelfinale gegen England fand dann allerdings in London statt. Und eine härtere Auswärtsprüfung als in einem eskalierenden Wembley-Stadion, die muss man erst mal finden.

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