Deutsche Nationalmannschaft:Heul doch!

Deutsche Nationalmannschaft: So kannte man ihn vorher nicht: Nach dem 0:2 im EM-Achtelfinale hatte Joshua Kimmich (l.) plötzlich Tränen in den Augen.

So kannte man ihn vorher nicht: Nach dem 0:2 im EM-Achtelfinale hatte Joshua Kimmich (l.) plötzlich Tränen in den Augen.

(Foto: JUSTIN TALLIS/AFP)

Was kann der deutsche Fußball von den EM-Finalisten Italien und England lernen? Das Turnier zeigt, dass man nicht gegen das Naturell einer Mannschaft coachen sollte - und es formuliert einen Auftrag an die hochheilige DFB-Akademie.

Von Christof Kneer

Als Hansi Flick sich im November 2019 in der Kabine des FC Bayern vor seine Spieler stellte, sagte er: Ich weiß, dass ihr eine gute Mannschaft seid. Ich weiß, dass ihr viel besser spielen könnt als zuletzt. Der Interimstrainer Flick hat den Spielern dann mitgeteilt, dass er ganz anders spielen lassen wolle als der Vorgänger Niko Kovac, er hat die Grundzüge der neuen Idee kurz erläutert, und dann sind sie alle gemeinsam raus und haben ein gutes Training gemacht. Zwei Tage später haben sie Olympiakos Piräus in der Champions League mit 2:0 besiegt, drei weitere Tage später schossen sie Borussia Dortmund mit 4:0 vom Platz. Das Märchen begann. 34 Spiele später hatten Flick und seine Spieler das Triple gewonnen.

Es war einmal. Wird es bald wieder so sein?

Der neue Bundestrainer Hansi Flick könnte auf copy & paste drücken, wenn er Ende August wieder vor seine Spieler tritt, aber vielleicht sollte er sich lieber ein paar neue Sätze einfallen lassen. Die Gefahr, dass er beim Eigenplagiat erwischt wird, ist einfach zu groß. Flick wird ja ein paar Zeitzeugen von damals in der Kabine der Nationalelf vorfinden, Manuel Neuer, Joshua Kimmich, Leon Goretzka, Serge Gnabry, Niklas Süle und vermutlich auch noch Thomas Müller. Sie könnten sagen: He, Trainer, das haben wir schon mal gehört! Andererseits: Warum soll man sich nicht wiederholen dürfen, wenn es doch die Wahrheit ist?

Flick ist überzeugt, dass die Nationalmannschaft eine gute Mannschaft ist. Er ist überzeugt, dass sie viel besser spielen kann als zuletzt.

Am letzten Turnier-Wochenende hat die DFB-Elf schon längst nichts mehr mit dieser Sportveranstaltung zu tun, deren Finale nun im Wembley-Stadion steigt - an jenem heiligen Ort, an dem die deutsche Mannschaft vor über anderthalb Wochen recht unheilig dahinschied. Dass sie ausgeschieden ist, kann man gar nicht richtig sagen, dazu hätte es eines Fußballspiels mit einer irgendwie gestalteten Dramaturgie bedurft, aber die Deutschen waren nach 90 Minuten einfach irgendwie weg.

Können es die Deutschen zurzeit nicht besser oder sind sie nur unter ihren Möglichkeiten geblieben?

Nun, da das Turnier im Finale zwei Teams zusammenführt, die sich dieses Finale verdient haben, lohnt sich nochmal ein Blick zurück ins Wembley-Stadion, ein Blick ins Gesicht von Joshua Kimmich. Kimmich kann so grimmig gucken, dass man den grundsätzlich heiteren Menschen dahinter gerne vergisst, manchmal jubelt Kimmich sogar so, dass man es als unbescholtener Mitspieler mit der Angst zu tun bekommt. Aber so wie nach dem 0:2 im Achtelfinale kannte man Kimmich nicht. Einmal sah man ihn an Manuel Neuers Schulter lehnend, ein anderes Mal stützte ihn der greise Mats Hummels. Kimmich hatte Tränen in den Augen, es war ein leises, unheimliches Weinen.

Vielleicht ist es ja aus Spielersicht wirklich zum Heulen: dass die deutsche Mannschaft gegen England jegliches Recht auf dieses Finale verspielte. Auf ein Finale, in dem sie durchaus hätte stehen können.

Ob die Deutschen es zurzeit nicht besser können oder ob sie nur unter ihren Möglichkeiten geblieben sind, das ist seitdem die große Frage. Die Spieler haben diese Frage längst für sich beantwortet, wie Kimmichs Tränen zeigen. Thomas Müller und Mats Hummels haben das Tränenbild sicherheitshalber noch mit ein bisschen Text unterlegt. "Die Truppe hatte die Qualität, den Willen und auch die Arbeitsmoral, wieder an alte Erfolge anzuknüpfen", schrieb Thomas Müller in einem Newsletter, der offenbar zu den begleitenden Dienstleistungen der Sendeanstalt "Radio Müller" gehört. Mats Hummels wurde auf Instagram noch deutlicher: "Ich fand, wir hatten, was es braucht, um dieses Turnier zu gewinnen", postete er auf der Rückfahrt vom Stadion im Mannschaftsbus. Selbst DFB-Direktor Oliver Bierhoff, gemäß Verbandshierarchie für Jogi Löws ewigen Verbleib im Amt zuständig, nannte die Engländer tags darauf "schlagbar".

Deshalb weinte Kimmich: Er trauerte einer vergebenen Chance hinterher. Die Spieler sehen es offenbar so, dass hier ein Turnier verschenkt wurde, und zwar nicht von ihnen.

Was Italiener und Engländer geschafft haben, hätten die Deutschen auch schaffen können

Das Charmante an dieser EM ist, dass es sich um kein Heldenturnier handelt. Kein Cristiano Ronaldo kapert die Schlagzeilen, weder Paul Pogba noch Kylian Mbappé haben ihr Land im Alleingang ins Finale geführt, und der einzige, dem man das zugetraut hätte - der Belgier Kevin de Bruyne - war nicht gesund genug. Die Stars dieses Turniers sind die Trainer, die die Finalteams komponiert haben, der Italiener Roberto Mancini, der Engländer Gareth Southgate. Vor diesem Hintergrund wirken die Beiträge von Müller, Hummels und Bierhoff wie Briefchen an Jogi Löw: Das, lieber Coach, hätten wir auch schaffen können - mit einem anderen Trainer. Oder mit demselben Trainer, aber dann mit einem anderen Coaching.

Was Italiener und Engländer geschafft haben, hätten die Deutschen auch schaffen können, beziehungsweise: Sie haben es sogar geschafft, vor ein paar Wochen, an einem anderen Ort. Bei der U21-EM hat die DFB-Auswahl all jene Charakteristika vorgeführt, die der deutsche Fußball in einem Turnier braucht. Die Deutschen hatten keinesfalls die meisten Genies im Kader, sie waren die Italiener des U21-Turniers. Sie traten mit einer schlüssigen Systematik an, jeder Spieler spielte auf seiner besten Position, alles wirkte rund und eingeübt, und in nahezu jeder Sekunde war die Leidenschaft eines Teams zu erkennen, das an den Plan des Trainers glaubt. Und ja, auch das: Der Trainer Stefan Kuntz hat nicht störrisch gegen den Trend gecoacht wie Jogi Löw, der Kai Havertz gegen Ungarn nach einem Tor auswechselte und damit die Wellen - anstatt sie zu reiten - einfach brach.

Von Italien und England lernen, bedeutet zunächst einmal, im Turnier nicht gegen das Naturell eines Teams zu coachen, eine stürmische Elf also nicht in Gefangenschaft zu nehmen, wie Löw das, selbstverständlich in bester Absicht, getan hat. Aber diese EM weist weit übers Turnierformat hinaus, sie formuliert auch einen Auftrag an die hochheilige DFB-Akademie, von der sich Oliver Bierhoff mindestens die Rettung der Welt verspricht. Bei diesem Turnier glänzten Spieler, die Umwege gegangen sind wie Spaniens Dani Olmo, der mit 16 Jahren Barcelonas Jugendakademie verließ, um in Kroatien zu spielen; es glänzten Spieler, die sich in Nischen in Sassuolo (Manuel Locatelli, Domenico Berardi) oder Mödling (Sasa Kalajdzic) entwickelt haben; es glänzten auch Spätberufene wie der Italiener Leonardo Spinazzola, der Engländer Kalvin Phillips oder der DFB-Spieler Robin Gosens aus Bergamo. Das Turnier lässt sich als Plädoyer lesen, eine Akademie nicht als Kontrollinstanz mit taktischer Befehlsgewalt zu verstehen, sondern einen zweiten Bildungsweg zuzulassen. Und Spieler nicht abzuschreiben oder in gleichmacherischem Sinne umzuerziehen, wenn sie im Alter von 14 oder 16 vielleicht wie knochige Verteidiger oder kantige Mittelstürmer wirken mögen. Genau solche Fachkräfte hätte Löw im Turnier gut gebrauchen können.

In 15 Monaten beginnt die WM in Katar, sie kommt zu früh, um schon eine veränderte Nachwuchsstrategie abzubilden. Aber um einer Elf nicht ihre Stärken wegzucoachen und die Spieler wieder von der Leine zu lassen, dafür sollte es eigentlich reichen.

© SZ/cch
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