Nationalelf:Deutschland? Ist den anderen ein bisschen egal

Fußball EM - England - Deutschland

Da geht's lang: Englands Nationaltrainer Gareth Southgate (links) weist Bundestrainer Joachim Löw den Heimweg.

(Foto: John Sibley/dpa)

Das frühe Ausscheiden der Nationalelf hat in anderen Fußballnationen noch nicht mal Häme ausgelöst. Was das für die nächste WM bedeutet.

Kommentar von Philipp Selldorf

Zu den traurigen Kindern, die seit ihrer Geburt vor acht Jahren keinen anderen deutschen Fußballmeister als den FC Bayern erlebt haben, gesellt sich nun eine andere Gruppe von Heranwachsenden, die gravierende Entbehrung erfährt: Es sind jene kleinen Menschen, die noch nie die deutsche Nationalmannschaft im Halbfinale einer Europameisterschaft oder Weltmeisterschaft gesehen haben. Einige begehen bereits ihren fünften Geburtstag. Sicherlich ist es noch etwas zu hoch gegriffen, diese Kinder zu einer verlorenen Generation zu erklären, aber bekanntlich ist es hierzulande nie zu früh, sich zu beunruhigen, und tatsächlich weiß auch niemand, was die nächsten Jahre bringen werden. Womöglich werden es Mädchen und Jungen sein, die ihre Eltern mit vorwurfsvollem Blick fragen: Wie konntet ihr das nur zulassen?

Bis Jogi Löw jetzt als besiegter Mann aus Wembley zurückkehrte, ist den (West-)Deutschen die Erfahrung einer DFB-Elf, die in zwei großen Turnieren hintereinander frühzeitig die Heimreise antreten musste, seit der Gründung der Bundesrepublik erspart geblieben. Zwar tut sich zwischen der WM in Schweden 1958, als Deutschland ins Halbfinale gelangte, und der WM in England 1966 (Finale) eine gewisse Lücke auf. Das liegt aber nur daran, dass der DFB an den frühen EM-Formaten 1960 und 1964 nicht teilgenommen hatte. Ansonsten folgte den größten Enttäuschungen stets prompte Rehabilitierung, der schlimmen EM 2000 das WM-Finale in Japan, der schlimmen EM 2004 das Erweckungserlebnis namens Sommermärchen.

Nicht immer haben die Deutschen den schönsten Fußball geboten, aber sehr oft haben sie weiterspielen dürfen, während die Schönspieler bereits zu Hause waren. Bei der besagten WM 2002 sah sich der Teamchef Rudi Völler desto größerer Stil-Kritik ausgesetzt, je länger sein Team im Turnier verblieb. Völler reagierte souverän. Kritik aus England? "Können wir super mit leben", entgegnete er, "dann wissen wir, dass wir alles richtig gemacht haben."

International gab es diesmal keine verschärfte Kritik am deutschen Turnierauftritt, auch keinen englischen Hohn oder Revanchismus nach dem 0:2 von Wembley. Deutschland war den anderen ein bisschen egal. Die DFB-Elf wurde pflichtgemäß respektiert, aber sie fand keine besondere Beachtung. Die Art ihres glanz- und fast belanglosen Abdankens bestätigte die Wahrnehmung. Deutschland firmierte in diesem Wettbewerb als Mitläufer.

In Deutschland muss man noch lernen, mit temporärem Misserfolg umzugehen

Der Ex-Profi und TV-Moderator Thomas Helmer hat aus dem Befund die Empfehlung abgeleitet, der DFB solle die in 500 Tagen startende WM in Katar zwecks Neuaufbau "sausen lassen", um dann bei der EM 2024 mit seiner Mannschaft "echt top zu sein". So eine Ansicht ist durch die Meinungsfreiheit geschützt, sie stellt jedoch groben Unfug dar. Erstens, weil das Verpassen oder Auslassen einer WM nicht logischerweise zu Fortschritt führt. Zweitens, weil sich der Daseinszweck einer Nationalelf im Wesentlichen auf die Turniere richtet. Drittens, weil ein erfolgreicher Fußball-Staat wie Deutschland per se und quasi moralisch verpflichtet ist, das Maximum anzupeilen.

Allerdings muss man hierzulande erst noch lernen, mit temporärem Misserfolg umzugehen. Spanien hatte zuletzt drei Turniere voller Peinlichkeiten hinter sich - und stand nun in einem endspielwürdigen Halbfinale; Italien hat sich zur WM in Russland nicht mal qualifizieren können, die Engländer mussten mehr als 50 Jahre auf eine Finalteilnahme warten. Das Königreich hat dazugelernt und seine materiellen Vorteile für eine produktive Nachwuchsarbeit genutzt. Möglich, dass in den großen Championaten der Länder eine englische Ära einsetzt. Die Kinder in Deutschland brauchen die Adventszeit 2022 trotzdem nicht zu fürchten: Dass die Nationalelf bis zur vierten Kerze in Katar bleiben könnte, ist keine illusorische Vision. Der EM-Kader von 2021 enthält genügend Perspektive, um mit Hansi Flicks Hilfe auf mindestens hohem Niveau mitzubieten.

© SZ/cca/tbr
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