1. FC Saarbrücken im DFB-Pokal:Überraschungsmannschaft Nummer eins

1. FC Saarbrücken im DFB-Pokal: Das Team um Torhüter Tim Schreiber feiert vor den Fans in der Saarbrücker Kurve.

Das Team um Torhüter Tim Schreiber feiert vor den Fans in der Saarbrücker Kurve.

(Foto: Sebastian Bach/Fussball-News Saarland/Imago)

Nach dem FC Bayern besiegt Saarbrücken auch Eintracht Frankfurt, und das auch noch weitgehend ungefährdet. Schon 2020 zogen die Saarländer als Viertligist ins Pokalhalbfinale ein - sie werden offensichtlich gerne unterschätzt.

Von Martin Schneider, Saarbrücken

Zu den liebgewonnenen Traditionen des DFB-Pokals gehören die Geschichten zum Torwart der unterklassigen Mannschaft. Das Drehbuch sah schon oft vor, dass dieser Torhüter zum Protagonisten des Abends aufsteigt, die Stürmer des höherklassigen Gegners zur Verzweiflung bringt, in der Regel mindestens einen Elfmeter im Elfmeterschießen hält und sich feiern lässt. Am nächsten Tag erscheinen dann Texte über diesen Torhüter, seinen Werdegang, seine Stärken und darüber, warum er eben doch in Liga drei oder vier spielt.

Ungewöhnlich ist es, wenn der Torhüter bei einer sogenannten Pokalüberraschung nur eine kleine Rolle spielt und besonders ungewöhnlicher ist es, wenn er wie Tim Schreiber vom 1. FC Saarbrücken sagt: "Heute kam relativ wenig aufs Tor oder eben ein paar Schüsse, die ich meistens sicher fangen konnte."

Schreiber stand kurz zuvor mit der Mannschaft vor der Saarbrücker Ostkurve, der "Virage Est", wie sie im frankophilen Saarland heißt, und feierte mit den Zuschauern. Nach dem FC Bayern hatte Saarbrücken gerade auch Eintracht Frankfurt aus dem DFB-Pokal geworfen, 2:0 nach 90 Minuten, also erneut ohne Verlängerung oder Elfmeterschießen, den Mitteln der Außenseiter. Und während Fans und Spieler in der Saarbrücker Nacht sangen und hüpften, wunderten sie sich, wie gut ihr Plan schon wieder funktioniert hatte.

"Einfach brutal", sagte Schreiber. "Geil", sagten viele seiner Mitspieler. "Ich glaube, es war wirklich total verdient", meinte Saarbrückens Trainer Rüdiger Ziehl. "Man hat schon durch das Erlebnis gegen die Bayern die Hoffnung gehabt, dass es funktionieren kann", sagte er. "Dass es wieder geklappt hat, ist einfach herausragend."

In der Tat lautete seine Idee: Was gegen Bayern geklappt hat, kann gegen Frankfurt nicht so falsch sein. Der FCS verriegelte das eigene Tor, dominierte die Zweikämpfe, setzte auf den tiefen Rasen - und war bei den wenigen eigenen Vorstößen immer gefährlich. Schon in der ersten Halbzeit wäre die Führung nicht unverdient gewesen. Tatsächlich funktionierte alles noch sehr viel besser als gegen die Münchner, weil Frankfurt in der Offensive kein Mittel gegen den Drittligisten fand. Ein Lattenschuss von Aurélio Buta war das Optimum.

2020 zog der FCS als Viertligist ins Pokalhalbfinale ein

"Es ist unfassbar, was wir hier wieder abgerissen haben im Pokal", sagte Kapitän Manuel Zeitz. Schon in der C-Jugend kickte er für den Klub, seit 2016 ist er wieder an der Saar. Er hat schon viel erlebt, unter anderem den Pokal-Halbfinaleinzug 2020. Damals schlug der FCS als Viertligist Köln, Karlsruhe und Düsseldorf, erst im Halbfinale war gegen Leverkusen Schluss. Nimmt man beide Läufe zusammen, ist der FCS gerade Deutschlands Pokalüberraschungsmannschaft Nummer eins.

Eine Erklärung, warum ausgerechnet Saarbrücken das ist, hatte im Ludwigspark am Mittwoch keiner, es war den meisten auch egal - Hauptsache, die Party geht weiter. Es könnte jedenfalls damit zusammenhängen, dass der Klub dazu einlädt, unterschätzt zu werden. Nicht, weil er klein ist, sondern weil er ein bisschen größer und auch finanziell ein bisschen stärker ist, als er auf den ersten Blick erscheint.

Schon 2020 in der vierten Liga hatte der FCS einen Kader, der eine Klasse höher hätte bestehen können. Und auch in der dritten Liga ist die Qualität der Einzelspieler besser, als es der aktuelle elfte Platz suggeriert. Die Fanszene ist die eines Traditionsvereins - engagiert, laut und treu, das Stadion entwickelt also gerade an Pokalabenden eine Dynamik. Und wenn die Mannschaft dann auch noch perfekten Außenseiterfußball spielen kann, entsteht für den Gegner die unangenehme Situation, dass er genau weiß, was kommt - er es aber trotzdem nicht verhindern kann.

Bezeichnend, dass auch Stürmer Kai Brünker, mit einem Tor und einer Vorlage bester Mann auf dem Platz, zuerst die Abwehr lobte. "Wir haben alles sauber wegverteidigt - einfach Hut ab, surreal. Da wollen wir weiterrocken." Er verlieh der ganzen Mannschaft den großen Louis-van-Gaal-Ehrentitel: Sie seien "Feierbiester".

1. FC Saarbrücken im DFB-Pokal: Ein Tor, eine Vorlage, eine Maske: Saarbrückens Kai Brünker.

Ein Tor, eine Vorlage, eine Maske: Saarbrückens Kai Brünker.

(Foto: Steven Mohr/Jan Huebner/Imago)

Am Sonntag wird die nächste Pokalrunde ausgelost, und auch wenn jeder Saarbrücker Spieler fachmännisch beschwor, dass der Gegner egal sei, man habe nun ja schließlich schon Bayern und Frankfurt gehabt, geisterte natürlich das eine, große Spiel durch den Ludwigspark: das mögliche Duell mit dem 1. FC Kaiserslautern, dem alten Rivalen aus der Zeit, als es noch die Oberliga Südwest gab.

Nur der Trainer trat auf die Bremse. Ziehl setzte knallhart ein Training für den kommenden Tag an, ein regeneratives zwar, aber dennoch. Nach dem Sieg gegen die Bayern gewann die Mannschaft die folgenden beiden Ligaspiele nicht, zuletzt gab es wieder zwei Unentschieden, Platz elf ist eigentlich zu wenig. Und Ziehl weiß, dass erfolgreiche Pokalabende zwar Geld, Ruhm und Ehre bringen, er aber auf lange Sicht am Tagesgeschäft gemessen wird. Und das sieht erst mal ein Spiel beim Tabellenletzten Freiburg II vor. Wäre der FCS nicht gerade im Pokal so erfolgreich, wie er ist, stünde Ziehl dort unter großem Erfolgsdruck.

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