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DFB-Pleite gegen Nordmazedonien:Klarer Fall von Denkste

Dass der nordmazedonische Fußball beim Sieg in Deutschland einen seiner aufregendsten Abende erlebt, liegt auch an einer miserablen deutschen Elf - nach dem 0:6 in Spanien ist eben längst nicht alles wieder gut.

Von Ulrich Hartmann, Duisburg

Die Fußballer und gefühlt eine komplette Delegation hüpften überschwänglich auf dem Rasen auf und ab. Die etwa 40 Männer in Trikots und Anzügen brüllten: "Makedonija! Makedonija! Makedonija!" Draußen ertönten Autohupen, und als später der Bus der Nationalmannschaft von Nordmazedonien am Stadion abfuhr, sangen und tanzten etwa 200 Fans und schwenkten ihre rot-gelben Nationalflaggen.

In Duisburg im Ruhrgebiet, im Schmelztiegel der Kulturen, erlebte der nordmazedonische Fußball einen seiner aufregendsten Abende. Und der deutsche Fußball einen seiner miserabelsten: 1:2 verloren gegen Nordmazedonien, den 65. der Weltrangliste. Dabei schienen solche Zeiten vier Monate nach dem 0:6-Debakel in Spanien und nach zwei Auftaktsiegen in der WM-Qualifikation schon vorbei gewesen zu sein. Ein klarer Fall von Denkste.

Deutschland fällt hinter Armenien und Nordmazedonien zurück

Der deutsche Fußball steht nun hinter Armenien und Nordmazedonien. Zumindest in der Gruppe J der Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2022 in Katar. Deutschland hatte 3:0 gegen Island und 1:0 in Rumänien gewonnen, aber die Armenier haben diese beiden Gegner auch besiegt und zusätzlich Liechtenstein. Aktuell liegen sie erst mal vorne, gefolgt von Nordmazedonien, das ein besseres Torverhältnis gegenüber Deutschland hat.

Die 1:2-Niederlage war das letzte WM-Qualifikationsspiel unter Joachim Löw. Ein in dieser Kategorie schon mal denkbar misslungener Abschied. Das nächste WM-Qualifikationsspiel am 2. September in Liechtenstein wird schon unter einem anderen Bundestrainer stattfinden. Es wird das erste Länderspiel unter dem neuen Nationalcoach. Auch wenn Liechtenstein zu den lösbareren unter allen lösbaren Aufgaben zählt, wird sich die deutsche Mannschaft dann unter keinen Umständen eine weitere Blamage leisten dürfen. Sie hat in der WM-Qualifikation vorerst keinen Fehlschuss mehr frei.

Deutschland - Nordmazedonien

Timo Werner stand mit seiner vergebenen Riesenchance sinnbildlich für eine müde, antriebslose Elf gegen Nordmazedonien.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Der Nordmazedonier Ezgjan Alioski, der fast seine gesamte Karriere in der Schweiz gespielt hat, sagte bei RTL: "Wenn man bedenkt, wer in dieser deutschen Mannschaft spielt und wie viele Titel sie schon gewonnen hat, dann ist es unglaublich, dass wir 2:1 gewinnen konnten."

Aber genau dieser Blick auf die deutsche Mannschaft, diese eher traditionell geprägte Souveränität, ist in der nationalen Innenansicht nach dem WM-Titel 2014 sukzessive verloren gegangen. Die Niederlage gegen Nordmazedonien, die nun allenthalben als unerklärliche Blamage deklariert wird, ist so verwunderlich gar nicht. Elf aufopferungsvoll kämpfende Nordmazedonier, die die Räume verdichten und unermüdlich anrennen gegen eine deutsche Mannschaft, die sogar ihrem eigenen Trainer Löw ermattet vorkam, sind mit ein bisschen Spielglück durchaus in der Lage, so ein Spiel mal zu gewinnen. Da muss natürlich einiges zusammenkommen. Und das kam es diesmal.

Leon Goretzka traf die Latte und Serge Gnabry schoss aus kürzester Distanz übers Tor - aber die unglaublichste Szene war die, als der eingewechselte Timo Werner in der 80. Minute allein vor dem halbleeren Tor auftauchte und eine sehr brauchbare Hereingabe von Ilkay Gündogan neben das Tor stümperte. Dieser Schuss als Treffer hätte zum Stande von 2:1 den Sieg bedeuten können. Stattdessen stand er symbolisch für die eklatante Schwäche der deutschen Mannschaft, ihre Chancen zu nutzen.

Nur per Foulelfmeter war mit Gündogan ein Spieler in der Lage (63.), gegen Nordmazedonien ein Tor zu schießen. Die beiden Gegentreffer fielen derweil in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit sowie fünf Minuten vor dem regulären Ende der zweiten Halbzeit. Was wollen uns diese späten Gegentore sagen?

"Müde" habe er seine Spieler empfunden, gestand Löw. Oder, um ins Detail zu gehen: "Wir haben kein Tempo entwickelt und keine schnellen Ballpassagen, hatten zu viele Ballverluste, sind in Konter gelaufen und hatten dann im eigenen Strafraum keine Zuordnung; vorne haben wir die Chancen liegen lassen."

Ob die Gegentore etwas damit zu tun haben, dass die Viererkette in ihrer personellen Besetzung anders geordnet war (von links nach rechts: Robin Gosens, Emre Can, Antonio Rüdiger, Matthias Ginter), ist müßig zu diskutieren. Dass der versierte Innenverteidiger Ginter Rechtsaußen spielte, ist zumindest kurios.

Mit Erkenntnissen der Schwäche in einem singulären Spiel kann Löw durchaus leben. Seine 32. Niederlage im 192. Länderspiel war vom Empfinden und vermutlich auch von den drohenden tabellarischen Konsequenzen her keine dramatische. Aber Löw macht sich berechtigte Sorgen um die Stimmung im Vorfeld der am 15. Juni mit dem Spiel gegen Frankreich beginnenden Europameisterschaft. "Wir dürfen jetzt auf keinen Fall den Glauben verlieren", sagte er im Stile eines Predigers, "und auch nicht das Gefühl, dass wir trotzdem in der Lage sind, ein gutes Turnier zu spielen."

Bevor Löw am 1. Juni seinen erweiterten Kader für die EM benennen muss, gibt es kein weiteres Länderspiel. Er kann also nichts mehr ausprobieren, kann die Spieler nur noch im Verein studieren. "Wir werden uns intensive Gedanken machen", sagte er wiederholt über die nach der Niederlage erwartungsgemäß aufploppenden Fragen nach der Rückkehr von Mats Hummels und Thomas Müller. Die Nominierung der beiden wäre gewiss nicht von Nachteil. Aber ob sie das Allheilmittel wäre, das viele darin sehen, ist sehr fraglich. Löw hat noch zwei Monate Zeit, dieses Rätsel zu lösen. Seine Antwort wird annähernd so spannend wie es auch die EM werden dürfte.

© SZ/bek
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