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DFB-Elf in der Einzelkritik:Das Unglück der Einwechselspieler

Timo Werner kämpft mit einer Jahrtausend-Chance, Joshua Kimmich hat mit Aufräumarbeiten zu tun und Serge Gnabry schießt bis zum Duisburger Zoo. Die DFB-Elf in der Einzelkritik.

Von Jonas Beckenkamp

Marc-André ter Stegen

Deutschland - Nordmazedonien
(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Hat in seinen bisher 24 Länderspielen so manche Turbulenz erlebt (zum Beispiel ein Debüt mit fünf Gegentoren in der Schweiz 2012). Dabei ist er eigentlich der beste zweite Mann der Welt. Sein Problem: Der beste erste Mann heißt Manuel Neuer und der will fast immer spielen. Bekam diesmal seine Chance und entschärfte prompt per Weltreflex eine Freistoßtücke Nordmazedoniens. Beim 0:1 und 1:2 dann so chancenlos wie sonst im Duell mit Neuer - und am Ende mit einem weiteren äußerst unglücklichen Ergebnis in seiner DFB-Vita.

Matthias Ginter

Deutschland - Nordmazedonien
(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Auch wenn es so manchen immer noch wundert: Er gilt mittlerweile als völlig logischer Startelf-Kandidat (auch für die EM), weil er unaufgeregt spielt und ein seriöser Typ ist. Gab diesmal einen Rechtsverteidiger mit klarem Vorwärtsdrang, Flankentraining inklusive. Versuchte es hoch, versuchte es flach und scharf, aber keine flutschte durch. Stattdessen flutschten auch ihm immer wieder die Nordmazedonier durch. Auch wegen fehlender Kreativität nicht sein bester Auftritt - die Innenverteidigung liegt ihm mehr.

Antonio Rüdiger

Deutschland - Nordmazedonien
(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Erlebte bei Chelsea so manche Verwunderung im vergangenen Winter, aber seit Thomas Tuchel dort das Sagen hat, hat er sich aus dem Bank -und Tribünentief gehievt. Bei Löw mindestens ebenso wohlig beleumundet, denn er bringt Robustheit, Tempo - und neuerdings auch Diagonalbälle, von denen er einige präsentierte. Sah Gelb, als er im gegnerischen Sechzehner mit einem Fallrückzieher in die Beine des Gegners senste. Sah auch: die deutsche Abwehr war diesmal alles andere als gefestigt, was auch an ihm lag. Beim 1:2 nur Begleiter und mit einem simplen Wackler überrumpelt. Nur Diagonalpässe reichen halt nicht aus.

Emre Can

Deutschland - Nordmazedonien
(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Spielt in Dortmund in der wunderlichsten Mannschaft Deutschlands, von daher haut ihn so leicht nichts um. Hat beim DFB außer Zeugwart schon alles gespielt und kann von allen Nationalspielern am grimmigsten dreinschauen. Gegen giftige Nordmazedonier ein wichtiger Softskill - eigentlich. Aber für Zweikämpfe braucht es auch Timing und da lag er beim Gegentreffer gleich zweimal daneben: Erst beim Kopfball im Mittelfeld, dann am eigenen Fünfmeterraum bei Bardhis Querpass. Hatte noch eine dritte brenzlige Szene, als er mit dem Arm einen Eckball abwehrte. Ein Elfer, so klar wie mazedonischer Rakija.

Robin Gosens

Deutschland - Nordmazedonien
(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Ging als Linksverteidiger frisch genesen von einer Muskelverletzung ins Spiel - und mit dem Vorhaben, Haltung in Sachen WM in Katar zu zeigen. Die wurde dann auf einem Plakat mit der Aufschrift "Wir für 30" deutlich. Die Charta für Menschenrechte also, Versprechen gehalten. Verging sich dann aber an der Charta für Abwehrspieler, als er beim Gegentor im Verbund mit Goretzka den Nordmazedonier Bardhi staunend beobachtete statt einzugreifen. Wohl auch deshalb machte Löw von seinem Trainerrecht Gebrauch, ihn früh runter zu nehmen.

Joshua Kimmich

(Foto: THILO SCHMUELGEN/AFP)

Half beim Ausrollen des Plakats in letzter Sekunde mit, damit die Botschaft nicht wieder unterging wie bei der kryptischen T-Shirt-Nummer neulich. Verbrachte dann eine ungewohnt unauffällige erste Halbzeit, in der er mehr mit Aufräumarbeiten beschäftigt war als mit Gestalterischem. Wagte sich später mit seinen Läufen weiter nach vorne, aber irgendwie war diese Partie für ihn ein einziges schwerfälliges Ärgernis. Er hätte es beim Plakatgewirr schon wissen müssen, dass das es diesmal gehörig ziept.

Leon Goretzka

Deutschland - Nordmazedonien
(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Kind des Ruhrgebiets und damit quasi Heimspiel in Duisburg. Begrüßte die Nordmazedonier mit einem stahlharten Lattengeschoss, dessen Aufprall bis in sein Bochumer Elternhaus zu hören war. Danach als einziger Deutscher mit Lust am Luftduell, von denen er einige gewann, aber beim wichtigsten Duell schaute er nur zu, wie die Gäste durch die DFB-Abwehr stachen und das 0:1 erzielten. Versuchte es mit seinen markanten Riesenschritten, doch nirgends war ein Durchkommen.

Ilkay Gündogan

Deutschland - Nordmazedonien
(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Diesmal Kapitän, und ja, Achtung: Derzeit wohl der beste und vor allem formstärkste deutsche Fußballspieler, nachdem Guardiola aus ihm bei ManCity eine richtige Torwalze (16 Treffer in allen Wettbewerben) geformt hat. Aber das hier war nicht Premier League, das war zähe WM-Quali und da sah er sich fast in jeder Sequenz einer Wand aus Fußballern vom Balkan gegenüber. Außer dem Elfmeter, den er fachgerecht verwandelte. Danach ein, zwei Powerdribblings, aber auch die blieben letztlich, wie man so schön sagt: brotlos.

Kai Havertz

Deutschland - Nordmazedonien
(Foto: Thilo Schmuelgen/dpa)

Wer wissen will, was für feine Füße diese Mannschaft hat, musste zuletzt und vor allen gegen Rumänien ihm zuschauen. Ist bei artgerechter Haltung (irgendwo in der Mitte) und ausreichend Pflege (Löw baut mittlerweile fest auf ihn) zu Außergewöhnlichem imstande. Bei einer elitären Chance nach Volley-Pass von Gosens aber zu zögerlich, danach immer wieder umzingelt von roten Leibchen. Von einem 21-Jährigen ist das Außergewöhnliche eben nicht in jedem Spiel zu erwarten. Ging früh vom Feld, ihm war schlicht zu wenig gelungen.

Serge Gnabry

Deutschland - Nordmazedonien
(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Er braucht statt Pflege am besten einfach nur Leroy Sané an seiner Seite zum Schnixen und Tricksen. Harmonierte zuletzt prächtig mit seinem Vereinskumpel und baute seine unheimliche Torquote beim DFB aus (19 Spiele, 15 Treffer). Zeigte ein Tempodribbling samt Flachschuss, doch der Torwart der Nordmazedonier, ein Mensch namens Stole Dimitrievski, parierte. Sein zweiter Versuch landete am Eingangsbereich des Duisburger Zoos. Der Rest: vornehme Zurückhaltung, um es freundlich zu formulieren.

Leroy Sané

Deutschland - Nordmazedonien
(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Hat vor lauter Schnixen und Tricksen zuletzt wieder ein wenig das Toreschießen vergessen, weshalb in Deutschland Mittelstürmer-Melancholie ausgebrochen ist. Schwebte auch diesmal mit erhabener Technik übers Feld, aber ein echter Neuner wird er in diesem Leben wohl nicht mehr. Zu behäbig, zu verspielt, zu wenig Dynamik Richtung Tor. Holte immerhin den Elfmeter raus, als er mit einem Häkchen geschickt an Alioskis Fuß einfädelte, der Rest war nichts.

Einwechselspieler

Germany v North Macedonia - FIFA World Cup 2022 Qatar Qualifier
(Foto: Alex Grimm/Getty Images)

Timo Werner und Amin Younes kamen herein - und man kann sagen, dass sie beide sehr, sehr unglücklich agierten. Werner versiebte eine Jahrtausend-Chance, als er freistehend über den Ball trat. Und Younes konnte Elmas beim 1:2 nicht mehr entscheidend stören. Selten haben zwei Einwechslung auf diese Art nicht funktioniert. Ach ja: Jamal Musiala durfte auch noch mitspielen - er bekam Gelb, weil er zu früh das Feld betrat. Damit ist wirklich alles gesagt.

© SZ/ska
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