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Deutsche Nationalmannschaft:Diamanten für Löw

FC Bayern: Jamal Musiala beim Training an der Säbener Straße

Bereit fürs DFB-Team: Bayern-Juwel Jamal Musiala hat sich für die deutsche Nationalmannschaft entschieden.

(Foto: Maro Donato/FC Bayern / Imago)

Von wegen zukunftsgefährdender Mangel an Talenten: Im DFB-Team gibt es gleich mehrere Hochbegabte - es wirkt, als stelle der Bundestrainer seine Mannschaft für die WM 2030 zusammen.

Kommentar von Philipp Selldorf

Nach dem Treffen mit dem Bundestrainer und dem DFB-Direktor vor ein paar Wochen war Jamal Musiala tief beeindruckt. Der ARD-Sportschau erzählte der Junior-Profi jetzt, "Herr Löw und auch Herr Bierhoff" hätten nicht bloß über Fußball mit ihm reden wollen, sie hätten sich auch für sein Leben interessiert und ihn "als Menschen kennenlernen wollen".

Das klingt so, als würde jemand von seinem Besuch im Autohaus berichten: "Ganz ehrlich: Der Händler wollte mir nicht bloß den Wagen verkaufen, der wollte mir wirklich bei der Fortbewegung helfen." Es klingt, als ob Herr Löw und Herr Bierhoff den jungen Herrn Musiala nicht gerade subtil angebaggert hätten, damit er künftig für Deutschland und nicht mehr für England Fußball spielt. Was er ja nun auch tun möchte.

Wie ein schlauer Ligamanager, bloß ohne Einsatz eines Scheckbuchs, hat Jogi Löw einen begabten Spieler, der sich schon fast der Konkurrenz angeschlossen hatte, für sein eigenes Team abgeworben. Dazu darf man ihm gratulieren - und ein bisschen staunen darf man auch darüber. Das Zugehen auf Musiala zeugt von einem Initiativgeist, den Löw nicht immer für angebracht hielt. Früher vertrat er üblicherweise die Meinung, die jungen Spieler müssten, wenn sie vor der Wahl stünden, selbst wissen, welcher Nationalelf sie sich anschließen wollten.

Löw hat nicht nur Musiala, sondern auch Moukoko, Wirtz und Netz

Musiala sagte, der Bundestrainer habe ihm "einen sehr klaren Weg" in der DFB-Elf aufgezeigt. Ob Löw dort aber noch lange mit ihm zusammenarbeiten wird, das konnte er nicht versprechen. Der DFB-Präsident Fritz Keller hat gerade erst die Erwartung wiederholt, Löw möge wenigstens das Halbfinale bei der Europameisterschaft im Sommer erreichen. Am Vertrauen des Verbandsvorsitzenden hatte der Coach schon nach dem 0:6 gegen Spanien seine Zweifel haben dürfen.

Andererseits sieht es fast so aus, als ob der seit anderthalb Jahrzehnten amtierende Löw bereits seine Mannschaft für die WM 2030 zusammenstellt: So hat er zuletzt nicht nur den 17-jährigen Musiala besucht, sondern auch Anstrengungen unternommen, um Bayer Leverkusens Florian Wirtz, 17, live zu begutachten. Im vorigen Herbst widmete er Youssoufa Moukoko öffentlich Komplimente ("ein Talent, dem man nicht oft begegnet"), als dieser noch auf seinen 16.Geburtstag wartete, um endlich mit Borussia Dortmund in der Bundesliga debütieren zu dürfen. Moukoko wurde in Kamerun geboren, spielt aber für die U 20 des DFB. Und die nächste Scouting-Tour mit seinem dann hoffentlich wieder fahrtüchtigen DFB-Dienstwagen könnte Löw zu einem Spiel der Berliner Hertha machen, wo Luca Netz, 17, von Coach Pal Dardai als "Riesen-Rohdiamant" angepriesen wird.

Man ist es gewohnt, dass Nachwuchsspieler in den Medien als Juwelen und Mega-Talente oder "der nächste Özil" stilisiert werden. Zuletzt mischte sich in diese Propaganda aber immer öfter die Stimme von Oliver Bierhoff, der als oberster Jugendwart des DFB und Leiter des teuren Instituts "Projekt Zukunft" prophezeite, das Aufkommen der Hochbegabten habe "extrem abgenommen", mittlerweile gebe es "sogar bei den Torhütern Probleme".

An aussichtsreichen 17-Jährigen scheint es aber nicht zu mangeln. Löw erweitert in dieser Altersklasse sein Spektrum, während viele noch über die Rückkehr von Mats Hummels und Thomas Müller reden. Sogar Toni Kroos hat sich nun für die Routiniers eingesetzt, und vielleicht ist das ja Löws Weg ins nächste Jahrzehnt: Die alten Herren sichern ihm die EM, danach ist dann Zeit für Musiala & Co.

© SZ/mok/ska
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