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Verdacht auf Steuerhinterziehung:Erstaunliche Großoffensive gegen den DFB

Durchsuchung beim DFB

Insgesamt 200 Polizisten rückten am Mittwochmorgen zu Durchsuchungen in der DFB-Zentrale und in Privathäusern von Funktionären an.

(Foto: dpa)

Der Deutsche Fußball-Bund soll dem Fiskus 4,7 Millionen Euro vorenthalten haben. Laut Staatsanwaltschaft geht es um einen Pachtvertrag für Bandenwerbung. Aber geht es vielleicht auch um etwas anderes?

Von Thomas Kistner

Es zählt ja fast zum sportpolitischen Brauchtum: In den Morgenstunden des Mittwoch wurden insgesamt zwei Hundertschaften diverser Strafbehörden bei drei aktuellen und drei früheren Spitzenfunktionären des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) vorstellig und sammelten dort Computer, Akten, Dokumente ein. Wieder einmal gerät die nationale Fußballführung ins Fadenkreuz der Justiz; diesmal geht es um den Verdacht auf schwere Steuerhinterziehung. Konkret gründet die Staatsanwaltschaft Frankfurt ihre Großrazzia in fünf Bundesländern, vor allem auch in der DFB-Zentrale, auf den Vorwurf, die Verantwortlichen hätten Erlöse aus der Bandenwerbung von Heimländerspielen der Nationalelf in den Jahren 2014 und 2015 "bewusst unrichtig als Einnahmen aus der Vermögensverwaltung erklärt" - und so dem Fiskus Steuerzahlungen in Höhe von rund 4,7 Millionen Euro vorenthalten.

Während die Betroffenen abtauchten, verkündete der neue, erst vor Jahresfrist gewählte DFB-Präsident Fritz Keller auf allen Kanälen das Mantra des Verbandes: Man stehe für Transparenz und Öffnung, wolle "vollumfänglich kooperieren" und begrüße die "staatliche Unterstützung" in den Untersuchungen. Zugleich räumte Keller ein, dass ihm der volle Überblick über die Vorgänge fehle. Das hatte der Novize an der DFB-Spitze offenkundig mit den konkret betroffenen Kollegen gemein.

Die Staatsanwaltschaft teilte mit: "Die wegen des Verdachts der fremdnützigen Hinterziehung von Körperschafts- und Gewerbesteuern in besonders schweren Fällen geführten Ermittlungen richten sich gegen sechs ehemalige bzw. gegenwärtige Verantwortliche des DFB". Gefilzt wurde in Hessen, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, rund 200 Beamte von Staatsanwaltschaft, Steuerfahndung, Bundeskriminalamt und Bundespolizei waren zugange. Auslöser soll ein Ende 2011 zwischen dem DFB und seinem langjährigen Vermarkter Infront geschlossener Vertrag sein, in dem die Schweizer Agentur dazu verpflichtet worden sei, keine Rechte an der Bandenwerbung bei Heimländerspielen der DFB-Nationalmannschaft an Konkurrenten des damaligen Generalsponsors (Mercedes) oder des Generalausrüsters (Adidas) zu vergeben.

Namen der Beschuldigten nennt die Behörde bislang nicht

Damit, so die amtliche Lesart, habe der DFB seine Rechte nicht einfach nur verpachtet, was sich steuerbefreiend auf die Pachterträge ausgewirkt hätte - stattdessen hätte er aktiv, über seine Sponsorenverträge, bei der Vergabe dieser Bandenwerbeflächen mitgewirkt. Und deshalb, so die Sicht der Staatsanwaltschaft, entstammen diese Einnahmen keiner steuerfreien Vermögensverwaltung, sondern einem steuerpflichtigen Wirtschaftsbetrieb. Nach bisherigen Ermittlungen, teilte Oberstaatsanwältin Nadja Niesen dazu mit, "besteht der Verdacht, dass die Beschuldigten von dieser steuerlichen Unrichtigkeit wussten, sie aber bewusst wählten, um dem DFB hierdurch einen Steuervorteil von großem Ausmaß zu ermöglichen".

Namen der Beschuldigten nennt die Behörde nicht, doch der SZ wurden sie am Mittwoch bestätigt. Weil es um die Steuererklärungen 2014/15 geht, erstellt im Jahr 2016, steht der damalige Präsidialausschuss im Fokus. Als Interims-Präsidenten fungierten, nach dem Abgang von DFB-Chef Wolfgang Niersbach im "Sommermärchen"-Affären-Herbst 2015, Rainer Koch und Reinhard Rauball; Schatzmeister war Reinhard Grindel, der im April 2016 zum DFB-Chef gewählt und als Kämmerer von Stephan Osnabrügge beerbt wurde. Eine Amtsablöse gab es auch im Generalsekretariat: Auf Helmut Sandrock folgte im März 2016 Friedrich Curtius. Präsident, Generalsekretär und Schatzmeister sind beim DFB für die Abzeichnung der Steuererklärung verantwortlich.

Aber: Wie verdächtig ist dieser Deal wirklich? Das imposante staatliche Vorgehen wirft da Fragen auf. Immerhin hat der DFB nach bisherigem Stand seine Auffassung zur Natur der Banden-Erlöse nicht verschleiert. Schon deshalb herrscht helle Verwunderung bei den Beschuldigten: weil die kontroverse steuerliche Einschätzung der Banden-Einkünfte "seit mindestens 2018" mit den Finanzbehörden diskutiert werde, wie ein Insider sagt. Groß ist die Aufregung auch in der Agenturwelt. Dass bei Werbeverträgen, wie im Fall von Stadion-Banden, die Interessen teurer Topsponsoren berücksichtigt werden, erschließe sich schon aus der Geschäftslogik, heißt es dort. Infront erklärt auf SZ-Anfrage, man sei von der Staatsanwaltschaft "nicht kontaktiert" worden. Auch habe die Agentur keinerlei Kenntnis darüber, "wie die betreffenden Einnahmen aus Bandenwerbeverträgen auf Seiten des DFB steuerlich behandelt wurden". Generell, heißt es in der aufgescheuchten Marketingbranche, sei seit Jahrzehnten in allen Stadien zu sehen, dass große Werbepartner auch bei Stadionauftritten berücksichtigt werden. Stünde auf den Spielertrikots Adidas, aber auf den Banden Nike, "gäbe es doch Klagen am laufenden Band", sagt ein Brancheninsider.

Warum also zu so einer Causa eine staatliche Großoffensive? In auffallender zeitlicher Nähe zu einem Vorgang, der jüngst immer wieder Schlagzeilen machte und der ebenfalls die Partner DFB und Infront betraf - und auch den besagten Vertrag zur Bandenwerbung von 2013?

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