Neonazi-Skandal Eine spürbare Skepsis und Melancholie der Masse

Vor allem aber folgten am Samstag plakative Versuche, politische Korrektheit zu beschwören. Schon nach den rassistischen Ausschreitungen vom vergangenen Sommer, als Chemnitz schon einmal, nicht zuletzt wegen der Hooligans des CFC, weltberühmt geworden war, waren im Stadion Sprüche aufgehängt worden, auf denen die Treue zum Grundgesetz betont wurde, im gleichen Duktus betont wie einst jene zu den Prinzipien des real existierenden, längst verblichenen Sozialismus. "Wir stehen für Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit", "Gewalt gegen demokratisch gewählte Politiker ist Gewalt gegen uns alle!", ist dort zu lesen. Doch wofür steht das, wenn Geschäftsführer Sobotzik im Stadionheft doch wieder nur sehr allgemein erklärt, dass man "jede" Meinung und deren freie Äußerung akzeptiere? Und dass man sich "von jedem extremistischen Gedankengut" distanziere, was eine Äquidistanz suggeriert, die schon wieder schief klingt: als ob vor zwei Wochen nicht nur ein Nazi-Problem, sondern auch ein Problem mit Linksextremisten zutage getreten wäre.

Und selbst das ist eingebettet in die spürbare Skepsis und Melancholie der Masse. "Das Image, das wir jetzt haben, werden wir doch sowieso nicht mehr los", lautete der Fetzen eines Gesprächs zwischen zwei etwa 50-Jährigen, das vorm Stadion zu hören war. Zwanzig, vielleicht dreißig Meter von dem Stand entfernt, an dem weiße T-Shirts gratis offeriert wurden. "Toleranz, Weltoffenheit, Fairness", stand auf den Hemden zu lesen, doch im Stadion waren sie kaum zu sehen, die Farbe weiß war alles andere als dominant. Und aus der Kurve flogen die Shirts hinters Tor.

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Dass Daniel Frahn das Tor schoss, das dem CFC zum ersten Sieg nach zwei Niederlagen verhalf und die Tabellenführung festigte, rundete alles fast schon diabolisch ab. Es gemahnte daran, dass Frahn sich nach seinem Tor beim Spiel gegen Altglienicke nicht ein weißes, sondern ein schwarzes T-Shirt hatte reichen lassen. Ein T-Shirt, auf dem "Support your local hools" zu lesen war, unterstütze deine lokalen Hooligans. Gewidmet der Solidarität mit dem HooNaRa-Gründer Haller. Noch ehe Frahn vom Verband für zwei Spiele sowie für zwei weitere auf Bewährung gesperrt und mit 3000 Euro Geldstrafe belegt worden war, versicherte er, nicht gewusst zu haben, dass das Shirt in der Neonazi-Szene verankert ist. Den Fans der Südkurve gereicht er dennoch zum Helden. Immer noch, oder wieder, nach seinem 19. Saisontor, das die Tür zur dritten Liga weit aufstößt. "Daniel Frahn, Fußballgott", skandierten sie, als das Stadion sich geleert hatte, nur noch sie im Stadion übrig waren. Sie, die sich für die ersten 12 Minuten absentiert hatten, um wiederzukommen.

"Dass der Verein ein bisschen zerrissen ist, begleitet uns eine ganze Weile", stöhnte Trainer Daniel Bergner später im Pressesaal, er sei froh, dass "die Sache" nun vorbei sei. CFC-Insolvenzverwalter Klaus Siemon hatte sich ähnlich ausgedrückt, als er auf die Schmähungen angesprochen wurde, die ihm zuteil geworden waren. "Siemon raus!", war der harmloseste Ruf, den er hören musste. Ermattung klang aus diesen Worten, und diese Ermattung klang bedrückend. Denn die Frage, wem das Himmelblau gehört, stellt sich in Chemnitz jede Woche neu.

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